Torsten
Kupfer
Generation
und Radikalisierung
Die
Mitglieder der NSDAP
im Kreis Bernburg 1921-1945
|
| Teil
A: Darstellung
|
| 1.
Vorbemerkungen |
Diese
Studie handelt von den Tätern. Gemeint sind jedoch nicht Täter
in einem juristischen Sinne, sondern Täter in moralischer Hinsicht,
als Mitverantwortliche in einem der verbrecherischsten von der
Menschheit überhaupt hervorgebrachten Systeme, als Mitglieder
der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Ausschließlich
dieser Mitverantwortlichkeit, dem "Wer?" und dem "Warum?" widmet
sich dieses Buch.
So bleiben denn die Verbrechen des Nationalsozialismus in dieser
sich gleichermaßen an ein wissenschaftliches Fachpublikum
wie an Geschichtsinteressierte ohne wissenschaftliche Vorbildung
richtenden Ausschnittsdarstellung weitestgehend ausgeblendet. Der
Leser erfährt nichts über die "T4-Aktion", den
tausendfachen Mord an geistig kranken Menschen in Bernburg,[1]
nichts über die Verfolgung der Juden, nichts über die
auch im Kreis Bernburg in erheblichem Maße bestandene Zwangsarbeit
und nur am Rande etwas über den physischen Terror gegen Andersdenkende.
Die Verbrechen, die auch von Einwohnern des Kreises Bernburg während
des Zweiten Weltkrieges innerhalb und außerhalb Deutschlands
begangen wurden, bleiben ebenfalls außerhalb der Betrachtung.
Und doch behandelt das Buch eine für das Verständnis des
Nationalsozialismus eminent wichtige Kernfrage, die Frage nach dem
Umfang und den Gründen für die Zugehörigkeit zur
Staatspartei des "Dritten Reiches", der NSDAP.
In
der wissenschaftlichen Diskussion führt die Beschäftigung
mit der Mitgliederstruktur der NSDAP - gemessen am Gesamtausstoß
an Literatur - eher ein Schattendasein. Trotz einer Flut von Veröffentlichungen
zum Gesamtkomplex des Nationalsozialismus liegt bisher keine einzige
Monographie zur Mitgliederstruktur der NSDAP in deutscher Sprache
vor. Gleichfalls gibt es bisher - einschließlich der über
eine Reihe von Fachzeitschriften und Sammelbänden verteilten
Aufsätze - keine Studie, die die NSDAP in der Entwicklung ihrer
Mitgliederstruktur in einem fest umrissenen Gebiet von ihren Anfängen
bis 1945 zu rekonstruieren versucht.[2]
Eine solchermaßen erkannte Forschungslücke zieht gleichwohl
nicht zwangsläufig eine diese Lücke ausfüllende Untersuchung
nach sich. Für deren Durchführung bedarf es sowohl hinreichender
Quellenbestände als auch einer ausreichenden Finanzierung der
Forschungstätigkeit.
Auf erste Quellenbestände - umfangreiche Listen von NSDAP-Mitgliedern
der Stadt und des Kreises Bernburg, die zwischen 1945 und 1948 im
Umfeld der Entnazifizierung angelegt worden waren - stieß
ich schon 1990/91 im Stadtarchiv Bernburg während der Arbeit
an meiner Dissertation zur Geschichte der anhaltischen Sozialdemokratie
in der Weimarer Republik.[3]
Im Laufe der folgenden Jahre zeigte es sich, dass auch an anderen
Orten umfangreiche Quellenbestände überliefert sind und
eine Rekonstruktion der NSDAP-Mitgliedschaft im Kreis Bernburg auf
der Grundlage massenstatistischer Daten realisierbar sein würde.
In letzter Instanz ermöglicht wurde diese Untersuchung jedoch
erst mit der Förderung des zwischen 1999 und 2002 an der Universität
Bielefeld (Lehrstuhl Prof. H. G. Haupt) angesiedelten Projektes
"Staatsparteien im Vergleich. Die Mitglieder von NSDAP und
SED im Kreis Bernburg (1921-1952)" durch die Stiftung Volkswagenwerk.[4]
Selbstredend ist die Auswahl des Kreises Bernburg für diese
Untersuchung auch pragmatisch begründet. Generell lässt
sich eine solche Studie mit vertretbarem Aufwand nur als Fallstudie
ausführen. Der (seinerzeitige) Kreis Bernburg hat in dieser
Hinsicht gewisse Vorzüge bzw. unabdingbare Voraussetzungen
aufzuweisen. Er bietet einerseits die besondere soziale und politische
Konstellation eines exorbitant hohen Arbeiteranteils innerhalb der
Gesamtbevölkerung und der Dominanz der SPD in der Arbeiterbewegung
vor 1933. Dadurch steht der Kreis Bernburg in hohem Maße für
den mitteldeutschen Raum insgesamt.[5]
Andererseits muss das zu untersuchende Territorium relativ geschlossen
sein, so dass Verzerrungseffekte durch Fluktuationen (wie sie z.
B. bei der Untersuchung von Berliner Stadtbezirken auftreten könnten)
verhältnismäßig gering bleiben. Trotzdem muss es
andererseits eine starke innere Differenzierung aufweisen, also
städtische und ländliche Teilgebiete umfassen.
Auf
der institutionellen Ebene ist der Erfolg des Projektes zu nicht
unerheblichen Teilen der konstruktiven Mitarbeit fast aller beteiligten
Archive und Privatpersonen zuzuschreiben. Hierbei ist insbesondere
- mit sehr wenigen Ausnahmen -die wissenschaftsfreundliche Ausschreitung
des den Archivaren mit den Archivgesetzen im Falle von personenbezogenen
Daten in die Hand gegebenen Entscheidungsrahmens hervorzuheben.
Freilich konnten - trotz einer im allgemeinen guten Quellenlage
- nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. Insbesondere
eine größere Zahl an zeitgenössischen originären
Aussagen unterhalb der partei- und zeitungsoffiziellen Ebene wäre
erstrebenswert gewesen. Auch eine Analyse der Mitgliedschaft der
Anhangsorganisationen ließ sich - mit Ausnahme des Nationalsozialistischen
Lehrer-Bundes (NSLB) - mangels verläßlicher Quellen nicht
ausführen.
Im
Zentrum der vorliegenden Studie steht die Rekonstruktion der NSDAP-Mitgliedschaft
im Kreis Bernburg mittels eines aus allen relevanten verfügbaren
Archivalien zusammengestellten Datensatzes von mehr als 9.000 Mitgliedern
von den Anfängen der Partei bis 1945.[6]
Durch dessen Verknüpfung mit weiteren Quellenbeständen
gelingt die Herausarbeitung eines konsistenten Bildes von der Parteimitgliedschaft
und wird eine retrospektive Motivationsanalyse ermöglicht.
Vor dem Hintergrund des mit diesem Verfahren verbundenen hohen materiellen,
zeitlichen und auch persönlichen Aufwandes stellt sich die
Frage, ob dieser letztendlich gerechtfertigt war. Die Frage ist
uneingeschränkt zu bejahen. Die Untersuchung kommt im Ergebnis
zu einer in der Literatur bisher nicht vertretenen und auch für
den Bearbeiter überraschenden völlig neuen Charakterisierung
der NSDAP jenseits der bisher mehrheitlich vorzufindenden Kennzeichnung
als "Volkspartei". Weiterhin konnte hinsichtlich ihrer
Mitgliederstruktur erstmalig der gesamte Existenzzeitraum für
ein fest umrissenes Gebiet - den Kreis Bernburg - abgedeckt werden;
die Ableitung von Analogien zumindest für den mitteldeutschen
Raum ist jedoch durchaus zulässig.
| 2.
Prolog: Der Kreis Bernburg um 1900 |
Die
Geschichte der NSDAP im Kreis Bernburg setzt weit vor der ersten
formalen Gründung einer Ortsgruppe im Herbst 1923 ein. Eine
Reihe von Indizien deuten sogar auf die Existenz einer Vorlaufphase
seit den 1890er Jahren hin. In den Jahren vor der Jahrhundertwende
verfestigten sich die bis zum Ende der Weimarer Republik gültigen
und dann (scheinbar) zerschlagenen politischen Grundkonstellationen
in Form zweier sich feindlich gegenüberstehender politischer
Lager; gleichzeitig trifft man in Bernburg in dieser Zeit auf die
ersten Spuren völkisch-nationalistischer Organisation. Und
nicht zuletzt wurde - soviel kann schon vorweggenommen werden -
die reichliche Hälfte aller jemals in die NSDAP eintretenden
Personen in den beiden Jahrzehnten vor und nach 1900 geboren, wobei
die Jahrhundertwende den Gipfelpunkt späterer NSDAP-Neigung
markierte.[7]
Diese späteren Nationalsozialisten wurden in eine industrielle
Arbeitswelt hineingeboren, die mehr und mehr von einem Unternehmen,
den Deutschen Solvay-Werken Bernburg, einem Ableger des belgischen
Solvay-Konzerns, dominiert wurde. Zwar war der Kreis Bernburg schon
seit der Mitte des 19. Jahrhunderts industriell sehr gut entwickelt,[8]
auch hatten 1881, im Jahre der Konzessionierung des Kalisalzabbaus
für die späteren Deutschen Solvay-Werke, bereits 16 Unternehmen
mit jeweils mehr als 100 Beschäftigten bestanden (darunter
allein zwölf Zuckerfabriken),[9]
doch jetzt bekam die industrielle Entwicklung eine völlig andere
Dimension. Die für den Kreis Bernburg auch weiterhin typische
Verbindung von Großgrundbesitz bzw. Domänenpächtertum[10]
mit Zuckerfabriken, Braunkohlengruben, Ziegeleien und Steinbrüchen
trat ökonomisch ins zweite Glied zurück. Der Personalbedarf
der Solvay'schen Kalibergwerke und der Sodafabrik ließ die
Einwohnerzahl Bernburgs von 18.600 im Jahre 1880 auf 34.400 im Jahre
1900 ansteigen. Doch die Bevölkerungsexpansion infolge der
Ansiedlung der Solvay-Werke gliederte sich nur in den schon lange
zuvor begonnenen Prozess der Industrialisierung ein. In den sechs
Jahrzehnten zwischen 1840 und 1900 hatte sich die Einwohnerschaft
Bernburgs jeweils pro Jahrzehnt zwischen 20 und reichlich 50 % vermehrt.
Auch die Städte und Gemeinden im Landkreis erfuhren einen erheblichen
Bevölkerungszuwachs, jedoch nicht annähernd in dem Maße
wie die Kreisstadt.[11] Die
Deutschen Solvay-Werke wurden mit ihrem Stammsitz Bernburg und ihren
über das Reich verteilten weiteren Werken der bedeutendste
Konzern der Kali- und Sodaindustrie in Deutschland, was auch seinen
äußeren Ausdruck darin fand, dass das Kalisyndikat seinen
Sitz direkt bei den Deutschen Solvay-Werken nahm. Bernburg war nun
vollends eine Industriestadt. In und um Bernburg beschäftigten
die Deutschen Solvay-Werke Ende 1899 3.200 Arbeiter, 110 kaufmännische
und 80 technische "Beamte".[12]
Neben den Deutschen Solvay-Werken und den vor allem im Landkreis
bedeutenden Zuckerfabriken bestanden eine Reihe anderer Unternehmen,
insbesondere auch der Metallindustrie. Eine Statistik des Kartells
der sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften vermerkt für
Ende 1900 in Bernburg 7.111 beschäftigte Arbeiter: 4.000 davon
als (un- und angelernte) Fabrikarbeiter, 1.522 als Metallarbeiter
und Schmiede, 913 in den verschiedenen Bau- und Holzhandwerksberufen,
600 als Berg- und Hüttenarbeiter.[13]
Eine weitere Konzentration von Kalibergbau und chemischer Industrie
bestand schon seit den 1850er Jahren in der preußisch-anhaltischen
Grenzdoppelstadt Staßfurt-Leopoldshall am Westrand des Kreises.
Insgesamt setzte sich die Bevölkerung des Kreises Bernburg
zu deutlich mehr als der Hälfte aus Arbeitern zusammen, wobei
deren Anteil in den Gemeinden und Städten im Landkreis noch
höher ausfiel als in Bernburg selbst.
Die
Jahre um die Jahrhundertwende treten jedoch nicht nur als Geburtsjahre
späterer Nationalsozialisten hervor, sondern auch als Jahre
verschärfter politischer Auseinandersetzung und des ersten
(retrospektiv sichtbaren) Auftretens einer völkisch-nationalistischen
Strömung im Kreis Bernburg im Umfeld der 1898 abgehaltenen
Reichstagswahlen. Die überaus große Konzentration von
Arbeitern in der Bevölkerung hatte schon in den 80er Jahren
und erst recht nach dem Fall des Sozialistengesetzes 1890 fast zwangsläufig
zur Stärkung der Sozialdemokratie geführt. Das gesellschaftliche
Klima war daher von einer deutlichen Zuspitzung gekennzeichnet.
Insbesondere das in der Landeshauptstadt Dessau erscheinende sozialdemokratische
"Volksblatt für Anhalt" vermittelt einen plastischen
Eindruck von der bestehenden politischen Konfrontation. Im Halbjahr
vor der Reichstagswahl 1898 beherrschten vor allem zwei Themenkomplexe
dessen lokalpolitische Berichterstattung über den Kreis Bernburg.
Zum einen beleuchtete das "Volksblatt" die in der Tat
skandalösen Arbeitsbedingungen der Arbeiter in etlichen Betrieben
des Kreises und die dazu in einem engen Verhältnis stehenden
unzureichenden Bemühungen der anhaltischen Gewerbeinspektion.
Parallel dazu versuchte es, seinen Lesern die moralische Verkommenheit
der besitzenden und herrschenden Schichten zu verdeutlichen. Heranzuziehende
Beispiele für letztere gab es zuhauf: Der Bernburger Staatsanwalt
Pannier musste wegen jahrelanger Misshandlung seiner Tochter vom
Dienst suspendiert werden; ein Offizier wollte zu einer inzwischen
nicht mehr am bisherigen Orte wohnenden Hure, und weil er sie nicht
antraf schlug er wütend die jetzt dort wohnende Arbeitersfrau,
woraufhin er wiederum von deren Mann zusammengeschlagen wurde (die
Berichterstattung über diesen Fall brachte dem verantwortlichen
"Volksblatt"-Redakteur einen Strafantrag ein); ein früherer
Direktor der Nienburger Eisengießerei im Kreis Bernburg musste
wegen Unterschlagungen in Haft genommen werden. Die "bürgerlichen"
Zeitungen hingegen ignorierten in ihrer Berichterstattung Sozialdemokratie
und Arbeiterschaft so weit als möglich, wenn nicht ein herausragendes
Ereignis wie ein die Stimmung weiter aufheizender Korbmacherstreik
im ersten Halbjahr 1898 dies unmöglich machte.
Nach wie vor war - trotzdem das Sozialistengesetz vor mehr als sieben
Jahren gefallen war - antisozialdemokratische Repression seitens
des Staates aber auch seitens der Arbeitgeber die Regel. So wusste
das "Volksblatt für Anhalt" aus Sandersleben zu berichten,
dass 1898 eine sozialdemokratische Unterbezirkskonferenz für
Anhalt II in Sandersleben durch den anwesenden Polizeibeamten aufgelöst
und der örtliche SPD-Vertrauensmann später zu einer empfindlichen
Geldstrafe verurteilt wurde. Weiterhin würden die Sandersleber
Bergleute bei der Reichstagswahl wohl für die Sozialdemokratie
stimmen, sich aber aus Angst vor Repressalien nicht in sozialdemokratische
Versammlungen trauen. Aus diesen Gründen soll auch der im Herbst
1899 ins Leben gerufene Arbeiterbildungsverein Sandersleben, anders
als der zuvor gegründete Bernburger, nicht als "Sozialdemokratischer
Verein" bezeichnet worden sein. Man hätte sich in Sandersleben
für die "unpolitische" Form des Arbeiterbildungsvereins
entschieden und gedenke somit, dem großen Repressionsdruck
seitens der Arbeitgeber besser begegnen zu können.[14]
Die Gründung von Sozialdemokratischen Vereinen neben dem in
Dessau schon bestehenden war überhaupt erst nach der Reichstagswahl
1898 in Angriff genommen worden. Das zuvor bestehende Verbot des
In-Verbindung-Tretens von politischen Vereinen hatte bis dahin anscheinend
ein zu hohes Risiko für den Bestand der zu begründenden
Vereine bedeutet.
Anonyme Denunziation gegen einen Arbeiter
der
Deutschen Solvay-Werke 1894[15]
"Bernburg d. 12.11.1894.
An den
Herrn Direktor Kießel.
Hiermit wollen wir Ihnen benachrichtigen das ein Mann
aus ihrem Betrieb Namens Kochlin bei der vorigen Wahl
und ebenfalls bei dieser Wahl Flugblätter für die Socialdemukraten
zur Viloupe [?] aus getragen hat in der ganzen Umgegend
von Bernburg, Güsten und Leopolds hall und auch zu gleicher
Zeit den Süddeutschen Posttillion verbreitet welcher
in Berlin beschlagnahmt ist. Sollten der Herr Direktor
dieses Schreiben keinen Glauben schenken möchten der
Herr Direktor Nachsuchung in den Kochlin seiner Behausung
machen lassen dann würden die ganzen Socialischen Schriften
und Untrieb zu Tage befördert werden. Und als der Kochlin
von seiner Flugblatt verbreitung zurück gekommen ist
das vorige mahl hat er sich im hiesigen Sociallischen
Lokal recht nobel auf geführt wo er sich folgende Redensarten
bedient umme mit d[ie] ganzen Großkaptalisten [...]eien
müssen sie noch für [oder "nach hier"] un[d] ich bin
Annarchist Ein Socialist ist noch viel zu langweilig
und wie wir erfahren haben soll dieser Kochlin auch
für den Annarchisten Verband steuern."
|
Der sich in schnellen Zunahme der Wählerstimmen
ausweisende Aufstieg der Sozialdemokratie konnte durch die staatliche
und arbeitgeberseitige Repression bestenfalls verzögert werden.
Um die Jahrhundertwende wurde sie zudem spürbar zurückgefahren.
Bezeichnend für einen beginnenden Wandel in der Einstellung
zur Sozialdemokratie ist das Verhalten der Direktion der Solvay-Werke
anlässlich der Bernburger Stadtverordnetenwahlen 1899 und 1901.
Bei der ersten Teilnahme der SPD seit 1891 im Jahre 1899 hatte es
noch massive Behinderungen gegeben. 80 Wählern der Tagschicht
im Bergwerk Solvayhall war die frühere Ausfahrt zur Wahlteilnahme
verweigert worden. Da der bestplatzierte Sozialdemokrat, Viktualienhändler
Wilhelm Voigt, nur mit 30 Stimmen unterlag, ist anzunehmen, dass
diese Verweigerung den ersten Einzug eines Sozialdemokraten in die
Stadtverordnetenversammlung verhinderte. Auch wurden Arbeiter zur
Überwachung der Stimmauszählung nicht zugelassen.[16]
Bei der folgenden Stadtverordnetenwahl 1901, bei der die Sozialdemokratie
erstmals fünf Kandidaten durchbringen konnte, durften die Arbeiter
der Frühschicht auf den Kali-Schächten der Solvay-Werke
erstmals so zeitig ausfahren, dass sie noch vor Wahlschluss um 14.00
Uhr ihre Stimmen abgeben konnten. Nachdem der Magistrat nicht bereit
war, einer zeitlichen Ausdehnung der Wahl zuzustimmen, hatte ein
Schreiben des Vorsitzenden des Sozialdemokratischen Vereins, Wilhelm
Voigt, an den Generaldirektor der Solvay-Werke und späteren
nationalliberalen Reichstagsabgeordneten für den Wahlkreis
Bernburg-Cöthen-Ballenstedt, Carl Wessel, diese gravierende
Änderung bewirkt.[17]
Die ländlichen Arbeitgeber vollzogen diesen Sinneswandel nicht
mit, sie versuchten weiterhin, ihre ökonomische Macht auszuspielen.
So berichtete das "Volksblatt" noch nach der Reichstagswahl
1912 aus Giersleben, dass auf dem Rittergut alle Frauen, deren Männer
nicht auf dem Rittergut beschäftigt waren, dort nicht mehr
zur Arbeit zugelassen wurden. Hintergrund der Maßnahme war
der begründete Verdacht gegen ihre Männer, sozialdemokratisch
gewählt zu haben.[18]
Der direkte politische Einfluss der Sozialdemokratie im Lande war
in den 90er Jahren noch gering. Wahlerfolge für die Sozialdemokratie
blieben bis 1898 vorerst aus; die bis dahin das politische Leben
beherrschenden Honoratiorengruppen suchten mit allen Mitteln, ihre
Vorrangstellung zu erhalten. Mittels einer 1895 durch den Landtag
verabschiedeten Wahlrechtsverschlechterung wurde die Sozialdemokratie
anfänglich mehr als der Hälfte ihrer potentiellen Wählerschaft
zu den Landtags- und Stadtverordnetenwahlen beraubt. Sie hatte somit
aus eigener Kraft keinerlei Aussicht auf Erfolg, verzichtete bei
den Landtagswahlen 1896 folgerichtig auch auf eine Beteiligung und
nahm auch an den Bernburger Stadtverordnetenwahlen erstmals wieder
1899 teil.[19] Ein Ausbrechen
der Linksliberalen aus der "bürgerlichen" Blocksolidarität
und Zusammengehen mit der Sozialdemokratie - wie in Dessau von 1900
bis 1904 geschehen[20] -
hat es in Bernburg nicht gegeben. So nahm zwar der freisinnige Justizrat
Fiedler in der Landtagswahl 1902 die sozialdemokratischen Wahlmännerstimmen
an, ließ sich dafür auch von der Rechten als "auf
den Krücken der Sozialdemokratie" in den Landtag gelangt
beschimpfen, doch Gegenleistungen gab es dafür nicht. Nur im
Falle eines lokal bisher übermächtigen konservativen Gegners
- wie in Sandersleben 1902, als man sich 'von der Domäne emanzipierte'
- kam es zu Bündnissen.
In den nach allgemeinem, gleichem und direktem Mehrheits-(Männer-)Wahlrecht
ausgetragenen Reichstagswahlen im Wahlkreis Anhalt II (Bernburg-Cöthen-Ballenstedt)
gestalteten sich die Chancen der Sozialdemokratie deutlich besser.
Zwar hatten in den Reichstagswahlen in Anhalt II von Anbeginn bis
1898 regelmäßig die nationalliberalen Kandidaten gesiegt,
doch wurden bis einschließlich 1894 auch linksliberale und
konservative Kandidaten aufgestellt. In den jeweils zwischen Nationalliberalen
und Sozialdemokraten als stärksten Parteien der Hauptwahl ausgetragenen
Stichwahlen unterstützten linksliberale und konservative Wähler
dann 'natürlich' den Nationalliberalen, so dass dessen Sieg
aufgrund der besseren Mobilisierung des "bürgerlichen"
resp. "nationalen" Wählerlagers gesichert war.
Die Reichstagswahlen 1898 wichen insofern schon im Vorfeld vom geschilderten
Muster ab, als die Linksliberalen und die Konservativen in der Voraussicht
eines knappen Wahlausgangs von der Aufstellung eigener Kandidaten
absahen. Es hatte sich gezeigt, dass ein einfaches Aussitzen des
Sozialdemokratie-Problems wie in den Stadtverordneten- und Landtagswahlen
und wie auch noch in den vorherigen Reichstagswahlen für das
"bürgerliche" Lager aufgrund der Gleichbehandlung
aller Stimmen und der inzwischen voraussehbaren besseren Mobilisierung
der sozialdemokratischen Wähler nicht mehr möglich sein
würde. Den städtischen Honoratioren im Nationalliberalen
Verein Bernburg, d. h. dem Kommerzienrat, dem Fabrikbesitzer, dem
Amtsgerichtsrat, dem Buchbindermeister, dem Amtmann,[21]
oblag es als stärkster "bürgerlicher" Kraft
daher, die vor allem im Landkreis zu findenden Konservativen und
die mehr kleinbürgerlich-akademischen Linksliberalen der Städte
auf einen gemeinsamen Kandidaten, den bisherigen nationalliberalen
Mandatsinhaber Prof. Friedberg aus Halle, festzulegen. Damit sollte
der "bürgerliche" Erfolg schon im Hauptwahlgang gesichert
werden.
Doch dieses Vorhaben wurde durch die antisemitische "Sonderkandidatur"
eines der Deutsch-Sozialen Reformpartei angehörenden Apothekers
Brox aus Glauchau in Sachsen, der dort Stadtverordneter und Vorsitzender
des Gewerbevereins war, durchkreuzt. Im Ergebnis der Hauptwahl fehlten
dem Nationalliberalen Prof. Friedberg die antisemitischen Stimmen
zur absoluten Mehrheit. In der Stichwahl triumphierte dann infolge
besserer Mobilisierung der Wählerbasis äußerst knapp
der gleichfalls in Halle wohnende sozialdemokratische Schneidermeister
Albrecht über Prof. Friedberg und gewann den Wahlkreis erstmalig
für die Sozialdemokratie.[22]
In der Reichstagswahl 1903 sollte der Wahlkreis aber aufgrund einer
jetzt tatsächlichen Einheit des "Bürgertums"
gegen die Sozialdemokratie dieser wieder verloren gehen. Zur Erzielung
dieser "bürgerlichen" Einheit bediente man sich in
Anhalt jetzt allein diesem Zwecke dienender sogenannter "Reichstreuer
Wahlvereine".[23] Siegreicher
Kandidat der 1903 sowohl Linksliberale als auch Konservative unter
ihrer Flagge wieder vereinenden Nationalliberalen war im übrigen
der Generaldirektor der Deutschen Solvay-Werke, Carl Wessel. Er
versinnbildlichte jetzt sowohl die wirtschaftliche als auch die
politische Dominanz der Deutschen Solvay-Werke in Bernburg.
Erst 1912 sollte das Reichstagsmandat in Anhalt II, wiederum infolge
einer Abspaltung aus dem "bürgerlichen" Wählerlager,
erneut an die Sozialdemokratie übergehen. Bei der dafür
verantwortlichen "Demokratischen Vereinigung" handelte
es sich um die am weitesten links stehende "bürgerliche"
Gruppierung des Kaiserreichs. Ihre Wähler votierten in der
Stichwahl dann auch zum Teil für die Sozialdemokratie.
Die Sozialdemokratie hatte ihren Wahlsieg von 1898
also indirekt den nominell beinahe unbedeutenden Antisemiten zu
verdanken. Angesichts eines Stimmenvolumens von 3 % der gültigen
Stimmen im Kreis könnte man dies leicht als 'antisemitisch-mittelständlerischen
Bodensatz' abtun. Es lohnt jedoch ein genauerer Blick auf die lokale
Verteilung der Wählerschaft dieser Partei. Diese konzentrierte
sich in der 4.700 Einwohner zählenden Kleinstadt Güsten
(19 % für Brox) und den benachbarten Gemeinden Giersleben,
Osmarsleben und Rathmannsdorf (10 bzw. 9 %).[24]
Der tiefere Grund dieser Konzentration ist in den politischen Konflikten
in der Stadt Güsten selbst zu suchen, die auch auf die nähere
Umgebung ausstrahlten. Bis 1893 war das politische Leben Güstens
ausschließlich von der vor den Toren der Stadt ansässigen
Rittergutsbesitzerfamilie Kraaz bestimmt worden. Nach dem "Volksblatt
für Anhalt" wären die Mitglieder der Familie die
"Güstener Repräsentanten des Systems Stumm"
gewesen. So, wie der Freiherr von Stumm und Halberg an der Saar
in fast unumschränkter Weise über seine Bergarbeiter herrschte,
so hätte auch die Familie Kraaz ihre ökonomische Allmacht
für politische Zwecke hemmungslos ausgespielt. Konkret wurde
ihren Untergebenen z. B. der jeweils abzugebende Wahlzettel direkt
von den Arbeitsinspektoren zugestellt.[25]
Um die politische Herrschaft der Familie Kraaz zu brechen war 1893
in Güsten ein Bürgerverein gegründet worden. Im Ergebnis
dessen nahm das Stadtverordnetenkollegium jetzt eine unabhängige
Stellung ein. Über geschickt vorgebrachte Drohungen verstand
es aber der Güstener Vertraute der Familie Kraaz, Sanitätsrat
Dr. Schettler, die gerade organisierte Opposition vorerst wieder
abzuwürgen. Anscheinend war von ihm auch der Kreis-Schulrat
Rümelin unter Druck gesetzt worden, so dass dieser sich im
März 1896 genötigt sah, den Austritt des Rektors und der
Lehrer aus dem Bürgerverein zu verlangen. Um der Sache weiteren
Nachdruck zu verleihen, streute Schettler das Gerücht, dass
bei einem eventuellen Rückzieher Rümelins die Angelegenheit
dem herzoglichen Minister vorgetragen werde. Daraufhin traten sämtliche
Lehrer aus dem Bürgerverein aus. Trotzdem wurden der Rektor
und zwei weitere Lehrer, einer davon stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher,
aus der Stadt versetzt. Im Januar 1898 musste ein weiterer Lehrer
wegen Versetzung sein Stadtverordnetenmandat niederlegen. Doch von
den Repressionen waren nicht nur die Lehrer betroffen; ein Güterinspektor
und ein Bahnmeister, beide etwa 18 Jahre in Güsten ansässig,
wurden ebenfalls versetzt. Weiterhin erschienen die Güstener
Chausseewärter beim Vorstand des Bürgervereins, um ihren
Austritt mitzuteilen und eine Bescheinigung über ihren Austritt,
die sie der Kreisdirektion in Bernburg vorzulegen hatten, entgegenzunehmen.
Wohlgemerkt, es handelte sich hier weder um einen sozialdemokratischen
noch um einen freisinnigen Verein! Auch im Jahr 1897 hielt der Mitgliederrückgang
des Bürgervereins weiter an. Der trockene Kommentar des sozialdemokratischen
"Volksblattes für Anhalt" zu diesen Verhältnissen
der politischen Terrorisierung lautete dahingehend, dass einem die
Güstener Liberalen angesichts der anderenorts auch von ihnen
gezeigten Illiberalität nicht so recht leid tun könnten.[26]
Trotz der andauernden Schwächung des als Repräsentanten
des liberalen Lagers anzusehenden Bürgervereins kam es Anfang
1898 zum offenen Konflikt mit dem als Repräsentanten der Konservativen
zu verstehenden Bürgermeister, aus dem die beiden Vorstände
des Bürgervereins, Ingenieur Rothe und Kaufmann Boas, siegreich
als Stadtverordnetenvorsteher und Stellvertreter hervorgingen.[27]
Doch die Auseinandersetzung schwelte weiter, zumal auch beide Lager
in der Stadtverordnetenversammlung fast gleich stark waren.
Das sehr gute Wahlergebnis der antisemitischen Deutsch-Sozialen
Reformpartei war eine direkte Folge dieser Güstener Verwerfungen.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Auseinandersetzungen war es anscheinend
- wie sonst üblich - versäumt worden, die unteren Angestellten
und Beamten effektiv in die "bürgerliche" Front einzubinden,
sie waren 'sich selbst überlassen' worden und suchten sich
eine ihnen geeignet erscheinende Parteirichtung. Zumindest legen
die Berufe des Einberufers und des Leiters der antisemitischen Wahlversammlung
in Bernburg diesen Schluss nahe; es handelte sich um einen Bahnassistenten
und einen Postassistenten, beide aus Güsten.[28]
Bemerkenswerterweise wäre für die Reichstagswahlen der
lokale Konflikt eigentlich irrelevant gewesen, die Konservativen
unterstützten den nationalliberalen Kandidaten wegen des vorauszusehenden
knappen Ausgangs von Anfang an und an der antisozialdemokratischen
Haltung der Antisemiten dürfte es auch keinen Zweifel geben.
Doch stand den einer Mittelstandsideologie nachhängenden[29]
Wählern der Deutsch-Sozialen Reformpartei in Güsten und
Umgebung 1898 die Bedienung ihrer Aufstiegserwartungen näher
als das sich in der Bekämpfung der Sozialdemokratie artikulierende
'bürgerliche Gesamtinteresse'. Welche Rolle der Antisemitismus
der Deutsch-Sozialen Reformpartei dabei spielte, ist schwer zu beurteilen,
er erscheint aber, auch wenn schon im Jahre 1893 in Güsten
ein "Antisemitischer Verein" (eventuell auch "Verein
gegen das Judentum" genannt) gegründet worden sein soll[30]
- eher nachgeordnet. Es gibt zumindest keine Hinweise darauf, dass
er die herausragende Motivation gewesen sein könnte, so wie
auch von einer organisatorischen Verfestigung des Antisemitismus
im Kreis Bernburg insgesamt bis dahin nichts bekannt ist. Beleg
dafür ist auch die erwähnte Wahlversammlung in Bernburg,
anscheinend verfügte die Partei in der Kreisstadt über
keinerlei organisatorische Basis, anderenfalls hätte nicht
ein Güstener als Einberufer fungieren müssen.
Auch die Zusammensetzung des Güstener Stadtverordnetenkollegiums
im Jahre 1899 aus drei Kaufleuten, zwei Zimmermeistern, jeweils
einem Ingenieur, Sanitätsrat, Schlossermeister, Uhrmacher(meister?),
Fleischermeister und Maurerpolier spiegelt die Tatsache wider, dass
die städtische Politik nach wie vor eine Angelegenheit der
Honoratioren war.[31] Die
hier nicht repräsentierten Arbeiter fanden ihre politische
Heimat in der Sozialdemokratie, waren aber durch den Wahlrechtsraub
von 1895 weitestgehend vom Wahlrecht zur Stadtverordnetenversammlung
ausgeschlossen. Doch wo gliederten kleine Angestellte und Beamte
sich ein? Der Weg zur Sozialdemokratie war ihnen aus ideologischen
Gründen - Aufstiegserwartung hier, Verproletarisierungsprognose
dort - versperrt. In der Regel ließen sie sich in das "nationale"
Wählerlager integrieren, und auch 1898 war dies im Kreis Bernburg
die Regel - nur eben Güsten, Giersleben, Osmarsleben und Rathmannsdorf
zeigten, dass die Bindungen des "neuen Mittelstandes"
an das "nationale" Wählerlager eher schwach waren,
weil eine Artikulation eigener Interessen innerhalb dieses antisozialdemokratischen
Zweckbündnisses nur schwer zu bewerkstelligen war.
Nach Harold D. Lasswell hat es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts
eine "psychologische Verarmung der unteren Mittelklasse"
infolge ihrer Einklemmung zwischen den das politische und gesellschaftliche
Geschehen dominierenden Arbeitern und Großbürgern gegeben.
Diese "psychologische Verarmung" sei die Basis "für
die vielen Massenprotestbewegungen [gewesen], durch die sich die
Mittelklassen rächen können." Er bezog allerdings
seine Beschreibung der "unteren Mittelklasse" auf die
"kleinen Kaufleute, Lehrer, Pastoren, Rechtsanwälte, Ärzte,
Bauern und Handwerker".[32]
Unter Kenntnis der lokalpolitischen Verhältnisse im Kreis Bernburg
wäre dazu anzumerken, dass die genannten Berufsgruppen nur
zum Teil für die benannte "psychologische Verarmung"
in Beschlag zu nehmen sind. Rechtsanwälte, Ärzte, Pastoren
und auch Lehrer sowie Handwerksmeister zählten zumindest in
Teilen zur lokalen Honoratiorenschaft; es muss also auf jeden Fall
die innere Differenzierung dieser Gruppen beachtet werden. Eine
andere Sozialschicht jedoch, für die diese eingeklemmte Stellung
zwischen Arbeiter und Großbürger wie für keine andere
zutrifft, wird von Lasswell nicht in diese Reihe gestellt. Diese
Schicht ist die der mit großen Aufstiegserwartungen angetretenen
Angestellten und unteren Beamten. Dem sozialen Status nach größtenteils
nicht besser als die Arbeiter gestellt, erwarteten sie vom "bürgerlichen"
Lager, dem sie sich größtenteils zugehörig fühlten
und das auch gezwungen war, sie für seine Ziele in Anspruch
zu nehmen, vor allem eine Verbesserung ihrer gesellschaftlichen
Geltung, ihres Ansehens. Die fortdauernde Verweigerung dieses Geltungsgewinns
musste, unabhängig von parallel dazu sich eventuell vollziehenden
Statusverlusten, zu Konflikten führen. Dies schon deshalb,
weil die Angestelltenschaft seit Beginn des Jahrhunderts die einzige
noch absolut wachsende Sozialschicht war. Der Tag war absehbar,
an dem Angestellte und Beamte die Mehrheit eines politischen Lagers
stellen würden, das ihnen die nötige Geltung verweigerte.
Tatsächlich brach dieser Konflikt nach der Novemberrevolution
auch offen aus.
Eine die lokalpolitischen Verhältnisse kurz nach der Jahrhundertwende
widerspiegelnde Erzählung des seinerzeitigen Bernburger Oberlehrers
Gerhard Heine,[33] verdeutlicht
die spezifische Stellung der neuen Mittelschichten. In Heines Erzählung
werden die unteren Beamten als durch die den Honoratioreninteressen
dienende antisozialdemokratische Blockpolitik vernachlässigt
dargestellt, ihre Interessen fänden keine angemessene Vertretung[34]
und sie verfügten auch über keine anerkannten profilierten
Führungspersonen. Während die Beamten aber durchaus noch
als vertretungswürdig wahrgenommen werden, kommen bei Heine
- analog zur Darstellung bei Lasswell - kaufmännische, Büro-
und Handels- sowie technische Angestellte, als eigenständig
handelnde Subjekte der Politik - abgesehen von ihrem Wählerstatus
- überhaupt nicht vor. Da Heines Erzählung mit Andeutungen
und Überzeichnungen der Bernburger und anhaltischen Politik
jener Jahre geradezu gesättigt ist und die in der Erzählung
dargestellte politische Konstellation sogar nach Vergleich mit den
lokalen Ereignissen auf das Jahr 1903 datiert werden kann, besteht
kein Grund zu der Annahme, dass er in diesem Falle die bestehenden
Verhältnisse nicht korrekt widergespiegelt haben könnte.
Doch gerade in jenen Jahren beginnt in Bernburg unter dieser Schicht
mit dem Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband eine Organisation
aktiv zu werden, die sich als einer der Aktivposten des Antisemitismus
in Deutschland profilieren und das politische Feld für die
NSDAP vorbereiten sollte. Als größte nichtsozialistische
Gewerkschaft dominierte der DHV das Berufsfeld der kaufmännischen
Angestellten und war zudem in der Provinz allgemein stärker
vertreten als in den Großstädten. In seiner Rundumversorgung
von Tarifvertragsgestaltung, Stellenvermittlung, Weiterbildung,
Versicherung (Kranken- und Begräbniskasse), Geselligkeit, politischer
Orientierung, Verbands-Sparkasse, Sportgruppen- und Jugendarbeit
sowie Rechtsschutz boten sich durchaus Anknüpfungspunkte für
die spätere nationalsozialistische "Volksgemeinschaft".
Die Bernburger DHV-Ortsgruppe wurde 1899 gegründet und profilierte
sich sofort mit Aktionen gegen die Sonntagsarbeit, für den
8-Uhr-Ladenschluss, für die Einrichtung einer kaufmännischen
Fortbildungsschule und kaufmännischer Schiedsgerichte.[35]
Mit dem DHV begann in der Kreisstadt Bernburg auch die Geschichte
des organisierten Antisemitismus. Über die 'normale' antisemitische
Beeinflussung der Mitglieder hinaus ist 1907 das Bestehen des "Germanenhorts",
einer "engere[n] Vereinigung in der [DHV-]Ortsgruppe"
überliefert.[36] Es
dürfte sich hierbei um eine Untergliederung des reichsweit
agierenden "Bundes der Unbedingten" im DHV, der in besonderer
Weise den deutschnationalen Gedanken zu fördern beabsichtigte
und eine Elite der Organisation darstellen sollte, gehandelt haben.[37]
Auch eine Grabschändung auf dem jüdischen Friedhof 1904[38]
könnte auf das Bestehen antisemitisch-völkischer Gruppierungen
hindeuten. Doch handelt es sich hier sämtlich um Vorgänge,
die gleichsam unter der Oberfläche abliefen und so z. B. auch
von Heine in seiner Erzählung aus der Perspektive eines politisch
aktiven aber dieser Angestelltenschicht fernstehenden Beobachters
nicht aufgegriffen wurden. Überhaupt gibt es in dieser ansonsten
sehr kritisch die Zeitverhältnisse spiegelnden Erzählung
keinen einzigen Hinweis auf die zeitgenössische gesellschaftliche
Relevanz von Antisemitismus. Letzteres erlaubt die Vermutung, dass
das Hervortreten des Antisemitismus in Güsten 1898 nur die
Oberfläche des Geschehens markiert. Der Antisemitismus wurde
lediglich als Medium benutzt, war aber nicht das Wesen der Sache
selbst. Hinzu kommt, dass der Fokus der Aufmerksamkeit eben auf
der Konfrontation beider politischer Lager lag und nicht auf deren
inneren Widersprüchen. Zumal auch die Arbeiterschaft den Höhepunkt
ihrer Ausdehnung gerade erreichte, die Expansion der Angestelltenschaft
aber erst begonnen hatte.[39]
Doch auch die nach außen auf den ersten Blick
so monolithisch erscheinende Sozialdemokratie war keinesfalls frei
von inneren Spannungen. Freilich wurden diese angesichts der fortbestehenden
Repressionen seitens des Staates und auch seitens der Arbeitgeber
von der Öffentlichkeit ferngehalten. Waren es im "nationalen"
resp. "bürgerlichen" Lager die unteren Angestelltenschichten,
deren Loyalität gegenüber dem eigenen politischen Lager
als am geringsten einzuschätzen ist und die potentiell auszubrechen
drohten, so waren es auf der Gegenseite im "sozialistischen"
resp. "proletarischen" Lager die den Angestellten sozial
benachbarten hochqualifizierten industriellen Facharbeiterschichten,
deren Loyalität gegenüber dem eigenen Lager brüchig
war.
Waren Metallarbeiter noch um 1890 als die Aktivposten der sozialdemokratischen
Bewegung in Bernburg hervorgetreten, so hatte sich dies innerhalb
eines Jahrzehnts stark verändert. Verantwortlich dafür
dürften einerseits die von den Arbeitgebern ausgehende Repression,
andererseits aber auch die Organisationserfolge des ca. 1889/90
gegründeten Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereins der Maschinenbau-
und Metallarbeiter gewesen sein.[40]
Die Kandidatenliste zu den Vertreterwahlen zur Allgemeinen Ortskrankenkasse
Bernburg im Jahre 1902 weist denn auch die sozialdemokratischen
Freien Gewerkschaften als vor allem durch ungelernte Arbeiter und
handwerkliche Facharbeiter vor allem des Bau-Holz-Gewerbes vertreten
aus. Deren (Hirsch-Dunckersche?) "Gegner" waren vor allem
Metallfacharbeiter und Korbmacher. Überschneidungen in der
Berufsstruktur der Listen gab es kaum.[41]
Die bei der örtlichen Polizei eingereichten An- und Abmeldungen
zum Sozialdemokratischen Verein Bernburg zeichnen ein analoges Bild
und weisen für die Jahre 1902/03 45 % ungelernte Arbeiter und
nur 13 % Metallfacharbeiter aus. Bis 1907/08 ging der Anteil ungelernter
Arbeiter zwar auf 33 % zurück, der Anteil der Metall-Facharbeiter
blieb mit nunmehr 12 % aber nahezu konstant. Zweitgrößte
Gruppe waren nunmehr die Korbmacher mit 19 % (1902/03: 4 %); an
Bedeutung verloren hatten die Bauhandwerker mit 10 % der Mitglieder
(1902/03: 15 %).[42]
Bei einer Übertragung der Organisationsraten der sozialdemokratischen
Freien Gewerkschaften[43]
auf die politische Ebene deutet sich in der Gesamtschau der Quellen
an, dass der Kern der sozialdemokratischen Anhängerschaft von
handwerklichen Arbeitern gebildet wurde, während die industriellen
Arbeiter eher an deren Peripherie zu finden waren. Diese Situation
war für Deutschland um die Jahrhundertwende insgesamt typisch.[44]
Auch Verluste aus dem proletarischen Wählerpotential an die
"bürgerlichen" Parteien waren durchaus die Regel
und fielen hier, wie auch in industriellen Zentren anderswo, angesichts
der bloßen Masse der Arbeiterschaft kaum ins Auge.
Sicher spielten bei dieser marginalen Bedeutung der Metallarbeiter
innerhalb der sozialdemokratischen Bewegung aber auch schichtenspezifische
Abgrenzungsbedürfnisse und Interessenkonflikte eine Rolle.
Im Gewerkschaftskartell der Freien Gewerkschaften in Bernburg kam
es z. B. 1900 zu einem nicht weiter aufzuklärenden Konflikt
der Metallarbeiter mit der Kartellmehrheit, wie er durchaus auch
an anderen Orten Anhalts vor dem Ersten Weltkrieg an der Tagesordnung
war. Dahinter stand in der Regel die Auffassung, dass den Metallarbeitern
nicht die ihnen ihrer Meinung nach zukommende Beachtung (was meint:
die Führung) gewährt wurde.
Der Blick auf die Zeit um die Jahrhundertwende
zeigt, dass gerade wegen der starken Polarisierung innerhalb der
beiden politischen Blöcke Spannungen zwischen verschiedenen
sozialen Gruppen bestanden, die perspektivisch eine Abspaltung ganzer
Gruppen bewirken konnten. Jedoch traten diese Spannungen nur punktuell
zu Tage, beispielsweise als Unterstützung der Antisemiten gegen
den "bürgerlichen" Einheitskandidaten in Güsten
und Umgebung 1898 oder als Konflikt der Metallarbeiter mit der freigewerkschaftlichen
Kartellmehrheit in Bernburg 1900.
| 3.
1921-1926: Die Ära Hölzke
|
| 3.1
Erste Organisationsgründungen |
Schon
1912/13 hatte sich die Bürgerblockpolitik des Kaiserreiches
überlebt. Sowohl der Reichstagswahlkreis Anhalt II (Bernburg-Cöthen-Ballenstedt)
als auch die Mehrheit in der Bernburger Stadtverordnetenversammlung
waren trotz "bürgerlicher" Sammlungspolitik an die
Sozialdemokratie verlorengegangen. Schon bei den Bernburger Stadtverordnetenwahlen
1911 war eine gemeinsame Liste der SPD und der Demokratischen Vereinigung
- der am weitesten links stehenden "bürgerlichen"
Gruppierung des Kaiserreichs - mit Erfolg angetreten. 1912 hatte
die Demokratische Vereinigung auch zu den Reichstagswahlen einen
eigenen Kandidaten aufgestellt. Zumindest ein Teil der demokratischen
Wähler votierte in der Stichwahl auf Anraten ihrer Partei für
den sozialdemokratischen Kandidaten und verhalf ihm damit zum Sieg
über den Nationalliberalen. Aus der Bernburger Stadtverordnetenwahl
des Jahres 1913 schließlich gingen die Sozialdemokraten als
Sieger und mit jetzt 16 von 30 Mandaten als Inhaber der absoluten
Mehrheit hervor. Diese Wahlniederlagen stellten für das "Bürgertum"
schwere Demütigungen dar. Der 1895 zur Verhinderung von sozialdemokratischen
Wahlerfolgen eingeführte Wahlzensus hatte im Zuge der allgemeinen
nominellen Lohnsteigerung nunmehr seine Wirksamkeit verloren. In
Reaktion darauf war vom anhaltischen Landtag eine erneute, ab 1914
wirksame Wahlrechtsverschlechterung beschlossen worden.[45]
Durch die Aussetzung sämtlicher Wahlen während des Weltkrieges
kam dieser erneute Wahlrechtsraub jedoch nicht mehr zur Anwendung.
In den schon reichlich einen Monat nach dem Novemberumsturz im Dezember
1918 durchgeführten Wahlen zur verfassunggebenden Landesversammlung
triumphierte die SPD mit 58 % der gültigen Stimmen und bildete
zusammen mit der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei
(34 %) eine Koalition, die - mit einer viermonatigen Bürgerblock-Unterbrechung
1924 - bis zum Frühjahr 1932 Bestand haben sollte.
Die Novemberrevolution hatte die Demütigung des "Bürgertums"
weiter verstärkt; der ehemalige Korbmacher, sozialdemokratische
Parteizeitungsredakteur und vormalige Stadtverordnetenvorsteher
Max Günther wurde zum Kreisdirektor (Landrat) gewählt
und die bis dahin vor allem als städtische Angelegenheit angesehene
"Politik" hielt Einzug in die Landgemeinden.[46]
In der Mehrzahl der Landgemeinden übernahmen die Sozialdemokraten
die Mehrheit im Gemeinderat. Im Gegensatz zu Bernburg sollte auf
dem Lande die Bürgerblockpolitik meist bis zum Ende der Weimarer
Republik Bestand haben - schon wegen des allgemeinen Mangels an
politischer Profilierung einerseits und wegen der übermächtigen
Stellung einzelner Personen auf der "bürgerlichen"
Seite andererseits.
In den ersten Stadtverordnetenwahlen nach der Novemberrevolution
Anfang 1919 gelangte die Bürgerblockpolitik, in deren Mittelpunkt
die Interessen der (meist nationalliberalen) Honoratioren standen,
auch nach außen hin deutlich sichtbar an die Grenzen ihrer
Bindungskraft. Das "Bürgertum" der Städte saß
nunmehr in der selbst geschaffenen Ausgrenzungsfalle und angesichts
der Zusammensetzung der Einwohnerschaft gab es auch kaum Aussicht,
in überschaubaren Zeiträumen wieder in den Alleinbesitz
der politischen Macht zu gelangen. Nichtsdestotrotz wurde die Feindschaft
zur Sozialdemokratie in großen Teilen des "Bürgertums"
weiterhin kultiviert. Anstelle von Parteienpolitik wurde weiterhin
Lagerpolitik getrieben, eine "bürgerliche" Einheitsliste
wurde nach wie vor als das Mittel angesehen, mit dem man der Bedrohung
aus dem in der Nachkriegskrise schon bald in drei Parteien gespaltenen
"sozialistischen" Lager beikommen wollte. Dieser Vorrang
antisozialdemokratischer Politikausrichtung reproduzierte sich in
der Weimarer Zeit ständig aufs neue; intransigentes Verhalten
ging nicht von der seit 1918 im Land in Koalition mit der DDP regierenden
SPD aus, sondern von den "bürgerlichen" Parteien.
Zur Bernburger Stadtverordnetenwahl im Februar 1919 traten neben
der jetzt politisch dominanten SPD und der zu dieser Zeit noch unbedeutenden
USPD sowie dem die rechtsliberalen und konservativen Kreise des
"Bürgertums" repräsentierenden Bürgerverein
auch die Deutsche Demokratische Partei und eine Angestelltenliste
an. Die beiden letzteren kündigten somit die 'bürgerliche
Solidarität' auf. Zur Verteidigung seiner Partei gegen die
daraufhin erhobenen Vorwürfe brachte der der DDP angehörende
Lehrer Fritsche vor, es wären naturgemäß "die
rechtsstehenden Parteien, die ein leidenschaftliches Interesse an
der Aufstellung der Kandidaten durch den 'Bürgerverein' [in
Form einer Einheitsliste - T. K.] bekunden. Für sie hat die
laut verkündete Devise 'Einigkeit macht stark' erfahrungsgemäß
viel Verlockendes, da die erstrebte Einigkeit eben sie stark macht."[47]
Im Prinzip hätte auch die hinter der Angestelltenliste stehende
Arbeitsgemeinschaft der Angestelltenverbände Bernburgs diese
Argumentation unterschreiben können. Warum hätte es ohne
beträchtliche Interessendivergenzen mit dem Bürgerverein
sonst einer gesonderten Liste bedurft? An dieser Feststellung ändert
auch die Tatsache nichts, dass die Angestellten und der Bürgerverein
eine Listenverbindung eingegangen waren, und die Aufstellung einer
gesonderten Angestelltenliste nach außen hin mit dem vorherigen
Ausbrechen der DDP aus der 'bürgerlichen Solidarität'
zu legitimieren versucht wurde.[48]
Die
nächste Stadtverordnetenwahl im Jahre 1921 brachte den ersten
direkten Vorläufer der NSDAP hervor, die Deutsch-soziale Partei.[49]
Deren Ortsgruppe war kurz vor der Wahl gegründet worden und
konnte ohne großen Wahlkampf sofort ein Mandat erringen. Entgegen
der Angestelltenliste des Jahres 1919 gab es jetzt auch keine Listenverbindung
mit der erneut aufgestellten "bürgerlichen" Einheitsliste
mehr. Der Bruch mit dem etablierten "Bürgertum" war
offensichtlich. Mit der Deutsch-sozialen Partei des Jahres 1921
trat erstmalig ein amorphes völkisch-nationalistisches Spektrum
an die Öffentlichkeit, das in den Folgejahren an personellem
Zulauf und organisatorischer Vielfalt gewinnen und 1923 in der erstmaligen
Gründung einer NSDAP-Ortsgruppe münden sollte. Zwischen
1921 und 1923 und teilweise auch noch darüber hinaus existierten
im Kreis Bernburg neben der Deutsch-Sozialen Partei der eher noch
stärker antisemitische und schon durchweg das Hakenkreuz als
Erkennungszeichen benutzende Deutschvölkische Schutz- und Trutz-Bund,
der Jungdeutsche Orden,[50]
der Bund Oberland, eine gleichfalls das germanische Sonnenrad als
Symbol benutzende Treuschaft Lützow, deren Benennung eine Bedrohungslage
analog der antinapoleonischen Befreiungskriege vor mehr als 100
Jahren simplifizierte[51]
und aus der später die SA hervorgehen sollte, und ein Bund
Wehrwolf, dessen Symbol ein Totenkopf mit gekreuzten Knochen war.
Auch der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband und der deutschnationale
Stahlhelm Bund der Frontsoldaten wie auch der Marineverein Bernburg
sind zumindest in Teilen dieser Gruppe zuzurechnen. Der "Ring
der Getreuen" im Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband,
eine geheime Vereinigung von Mitgliedern, die mindestens fünf
Jahre Mitglied sein mussten, einen besonderen Beitrag bezahlten
und selbst den Ortsverwaltungen als Mitglieder dieses Ringes nicht
bekannt waren, verwandte zudem im Zentrum seines Emblems zwischen
1921 und 1925 das Hakenkreuz.[52]
Alle diese Organisationen waren durch Mehrfachmitgliedschaften bzw.
durch ständigen Mitgliederaustausch und informelle Bündnisse
miteinander und mit dem vor allem im Jahre 1923 im ländlichen
Raum schnell an Boden gewinnenden nationalistischen Stahlhelm Bund
der Frontsoldaten und den örtlichen Krieger- und Militärvereinen
verbunden[53] und erneuerten
ihren Zusammenhalt permanent durch zahlreiche "nationale"
Feierlichkeiten wie Fahnenweihen neugegründeter Ortsgruppen,
"Deutsche Tage" und dgl. Auch starke Querverbindungen
zur "bürgerlichen" Jugendbewegung scheint es gegeben
zu haben. So war der spätere NSDAP-Reichstagsabgeordnete und
SA-Gruppenführer Rudolf Michaelis aus Hecklingen zwischen 1917
und 1923 Führer in der Deutschen Pfadfinderbewegung, im gleichen
Zeitraum aber auch 1920 Angehöriger der Marinebrigade Ehrhardt
und 1923 Mitglied der Schwarzen Reichswehr und der NSDAP.[54]
Die Zugehörigkeit zur jeweiligen konkreten Organisation wurde
in erster Linie nicht durch deren politisch-ideologische Zielsetzungen
sondern eher durch Bekanntschaftskreise und durch die Loyalität
bestimmten Führungspersonen gegenüber bestimmt. |


|
Im Zentrum dieses völkisch-nationalistischen Spektrums stand
bis 1923 die Doppel-Organisation aus Deutsch-sozialer Partei und
1922 gegründeter Treuschaft Lützow. Während die Deutsch-soziale
Partei als legales politisches Instrument agierte, blieben die Existenz
und paramilitärische Struktur der Treuschaft Lützow der
Öffentlichkeit zumindest vorerst verborgen. Doch gerade sie
wird, wenn man den späteren Ermittlungen Glauben schenkt, die
mitgliederstärkere gewesen sein. Eine legale und auch öffentlich
sichtbare Korona um diese beiden Organisationen herum dürfte
Der Wehrwolf Bund deutscher Männer gebildet haben. Er stellte
vor allem ideologisch eine vorweggenommene NSDAP im kleinen dar
und hob sich aus dem restlichen völkisch-nationalistischen
Spektrum durch die Betonung des Volksgemeinschafts-Gedankens heraus.[55]
Insofern erinnert er an das Gleichnis Ingmar Bergmans vom "Schlangenei",
durch dessen dünne Schale man das schon fertig ausgebildete
Reptil erblicken könne. Der Gründer und Führer dieses
seit seiner Gründung im Januar 1923 in Halle/Saale residierenden
Bundes, der Gymnasiallehrer Fritz Kloppe, stammte im übrigen
aus Bernburg.[56]
Seit Anfang 1924 stand der Wehrwolf auch in einem formellen Bündnis
mit dem Stahlhelm und sollte jene Personen organisieren, die durch
ihre Jugend am Fronteinsatz gehindert worden waren.[57]
|
| In
den turbulenten Herbsttagen des Jahres 1923, als der Kreis Bernburg
das Zentrum sowohl der links- als auch der rechtsradikalen Bewegung
in Anhalt war,[58] kam es
zur ersten formellen Gründung einer Bernburger NSDAP-Ortsgruppe.
In gewisser Weise wirkte sich hier auch die Nähe des deutlich
radikalisierteren (preußischen) Staßfurt aus. Die Angaben
über den genauen Termin dieser Ortsgruppengründung bewegen
sich zwischen dem 11. September und dem 9. November. Auf jeden Fall
wäre eine Bestätigung durch die Reichsleitung aufgrund
des nach dem fehlgeschlagenen Münchener Hitler-Putsch erlassenen
NSDAP-Verbotes nicht mehr möglich gewesen. Eine erneute Ortsgruppengründung,
d. h. eine Legalisierung der bestehenden Gruppe, soll mit 67 Mitgliedern
wahrscheinlich unter dem Namen Nationalsozialistische Freiheitspartei
im März/April 1924 erfolgt sein.[59]
Die Treuschaft Lützow, die unter das seit 1923 bestehende reichsweite
SA-Verbot fiel, wurde in Anhalt im September 1924 unter Umgehung
dieses Verbotes und unter Ausbildung von militärischen Strukturen
in den neu gegründeten Frontbann überführt, der zudem
als Dachorganisation aller völkischen Wehrverbände gedacht
war. Damit war eine neue Qualität der Organisationsanbindung
erreicht; während die Treuschaft Lützow nur im mitteldeutschen
Raum aktiv gewesen war handelte es sich bei dem von Ernst Röhm
gegründeten Frontbann um eine reichsweite Organisation. Die
Ausbildung der Frontbann-Mitgliedschaft, die zu großen Teilen
mit der NSDAP-Mitgliedschaft identisch gewesen sein wird, erfolgte
in Bernburg teilweise durch aktive Unteroffiziere der Reichswehr.
Gegenüber dem Wehrwolf, dessen Gauleitung Anhalt sich bis Anfang
1926 weiterhin in Bernburg befand, bestand aber anscheinend wegen
seiner Anbindung an den Stahlhelm inzwischen ein Unvereinbarkeitsbeschluss.[60]
Das stabilisierte rechtsradikale Spektrum konnte in den beiden anhaltischen
Landtagswahlen des Jahres 1924 unter den Firmierungen Völkisch-Sozialer
Freiheitsblock bzw. Nationalsozialistische Freiheitspartei zwei
bzw. eines der 36 Mandate erlangen.[61]
Auch in der Bernburger Stadtverordnetenwahl erlangten die Völkischen
jetzt zwei Mandate.[62] Doch
der Höhepunkt rechter Radikalisierung war vorerst überschritten,
in den verschiedenen Wahlen des Jahres 1924 ging in Bernburg der
Anteil der NSDAP-Vorläuferorganisationen von 11 % (4. Mai)
auf 7 % der gültigen Stimmen (7. Dezember) kontinuierlich zurück.
Öffentliche NSDAP-Versammlungen erzielten im "Bürgertum"
keine Resonanz mehr.[63]
Die Beruhigung der Verhältnisse in der "relativen Stabilisierung"
in der zweiten Hälfte der 20er Jahre verfehlte auch seine Wirkung
auf den rechten Rand des politischen Spektrums nicht. Nach der Aufhebung
des NSDAP-Verbots 1925 wurden zwar im Kreis Bernburg erneut NSDAP-Ortsgruppen
gebildet. Doch vorläufigen Bestand hatten nur die in Aderstedt
(sogar noch vor der Bernburger Ortsgruppe gegründete[64])
und die in der Kleinstadt Güsten; die Ortsgruppe Freckleben
ging nach kurzer Zeit wieder ein. Auch in Bernburg selbst stagnierte
die Mitgliederzahl der Ortsgruppe 1925/26 bei etwa 70 Mitgliedern,[65]
verminderte sich wahrscheinlich sogar, und spätestens nach
dem Weggange des Ortsgruppenleiters Hölzke kam 1928 deren Tätigkeit
wohl gänzlich zum Erliegen. Auch in der Landeshauptstadt Dessau
stand die Organisation der NSDAP in jener Zeit vor dem Zusammenbruch,
die Mitgliederzahl ging dort gleichfalls auf ein Minimum zurück.
Neben der NSDAP selbst wurde schon 1925 in Bernburg ein - freilich
mitgliederschwacher - Völkischer Frauenbund gegründet,
der 1926 in den Deutschen Frauenorden, eine Vorläuferorganisation
der Nationalsozialistischen Frauenschaft, überführt wurde.[66]
Die NSDAP blieb im ersten Mitgliederaufschwung bis 1926 im wesentlichen
auf die Kreisstadt beschränkt. In den Landgemeinden konnten
in jenen Jahren Radikalisierungstendenzen noch durch die Deutschnationalen,
resp. den Stahlhelm aufgefangen werden, zumal auch der Wehrwolf
1924 zumindest zeitweise in diese Front eingebunden war. In Oberpeißen
z. B. bestand eine allem Anschein nach sehr starke Wehrwolf-Gruppe,
ohne dass Tendenzen zur Bildung einer NSDAP-Ortsgruppe zu erkennen
wären. Von 124 Personen, für die im Zeitraum 1921 bis
1926 im Untersuchungsgebiet eine Mitgliedschaft in der NSDAP und
ihren Vorgängerparteien nachgewiesen werden konnte, wohnten
allein 84 in Bernburg, weitere 25 in Aderstedt vor den Toren der
Kreisstadt, 12 in Güsten und Amesdorf. Eine weitere relativ
starke Mitgliedschaft bestand in Staßfurt-Leopoldshall, der
wohl auch die drei Mitglieder der Nachbarstadt Hecklingen zuzurechnen
sind.[67] Es wäre verfehlt,
diese frühen Mitglieder der Jahre 1921 bis 1926 durchweg auch
späterhin in Aktivistenfunktionen der NSDAP zu erwarten; zum
einen gab es schon in dieser Periode eine starke Mitgliederfluktuation,
zum anderen trat ein großer Teil der einmal ausgetretenen,
ausgeschlossenen oder gestrichenen Mitglieder der Partei überhaupt
nicht mehr oder erst relativ spät wieder bei.
Zentrale Figuren der Organisationsphase zwischen 1921 und 1926 waren
der Justizsekretär am Amtsgericht Bernburg, Gustav Hölzke,
und der Syndikus der land- und forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände
in Bernburg, Dr. Robert Tesch. Hölzke hatte seit 1921/22 den
Aufbau der Treuschaft Lützow betrieben und fungierte parallel
dazu 1923 als Gauvorsitzender Anhalt des Wehrwolf. Dr. Tesch - völkisch
organisiert seit 1910 - war seit 1921 Ortsgruppenführer Bernburg
und Gauleiter Sachsen-Anhalt-Thüringen des dann 1922 formell
aufgelösten Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes
und Verleger des bis April 1925 zwei mal wöchentlich erscheinenden
anhaltischen Parteiorgans "Der Freiheitskampf". Die Rivalität
zwischen Hölzke und Dr. Tesch führte 1925 zum zeitweiligen
Bestehen zweier NSDAP-Ortsgruppen in Bernburg, die jeweils den Anspruch
erhoben, die 'wahre' nationalsozialistische Organisation zu sein.
Als Führer der NSDAP-Ortsgruppe setzte sich schließlich
Hölzke in erster Linie wegen der Protektion des anhaltischen
NSDAP-Führers, Gaugeschäftsführer Hauptmann a. D.
Loeper, und dessen Verbindungen zur NSDAP-Reichsleitung gegen seinen
Konkurrenten durch.[68] Die
Oppositionsgruppe um Dr. Tesch wurde von der Reichsleitung, obwohl
ihre Mitgliedschaftsanmeldungen dort eher eingingen als die der
Hölzke-Gruppe, nicht anerkannt.[69]
Seit 1926 verloren die Bernburger Nationalsozialisten ihre Führungspersönlichkeiten.
Dr. Tesch verließ nach weiteren persönlichen Scharmützeln
mit Hölzke, ausgetragen in der lokalen Presse und auch öffentlich
handgreiflich vor der Post,[70]
Bernburg im April 1926 und ging nach Schlesien.[71]
Hölzke wurde 1928 im Ergebnis einer Reihe von Disziplinarverfahren
aus dem anhaltischen Staatsdienst entlassen. Zuvor schon war er
auch in der eigenen Partei wegen seines - aus der Sicht der Opponenten
- amoralischen Lebenswandels und nicht ausreichender Vorbildhaftigkeit
stark in die Kritik geraten und hatte, offensichtlich, um die innerparteilichen
Wogen zu glätten, schon 1926/27 den Vorsitz in der Ortsgruppe
zeitweise zumindest formal abgeben müssen.[72]
Auch der Führer der Aderstedter NSDAP-Ortsgruppe, der Steiger
Karl Möhring, verließ Aderstedt 1926. Innerhalb kurzer
Zeit war die Organisation ihrer Führerschaft entkleidet, was
neben der allgemeinen Beruhigung der wirtschaftlichen und politischen
Verhältnisse als mitverursachend für deren Niedergang
angesehen werden muss. Die Bernburger NSDAP brachte in der Folgezeit
keine regional bzw. überregional bedeutsamen Persönlichkeiten
mehr hervor, worin der hauptsächliche Grund für ihre relativ
späte Reorganisation erst 1930 zu suchen ist.
In
der dauerhaften Existenz völkisch-nationalistischer Gruppen
in Bernburg spiegelte sich lediglich in extremer Weise die Verfassung
des "Bürgertums" insgesamt. So trat unter den Angestellten
des Bernburger Amtsgerichts nicht nur der NSDAP-Ortsgruppenführer
Gustav Hölzke mit einer extremen politischen Positionierung
hervor, sondern auch die augenscheinlich weit auf der Rechten stehenden
Amtsgerichtsräte Hachtmann und Dr. Röver, letzterer auch
als lokaler Wehrwolfführer.
Der von den völkisch-nationalistischen Gruppen gepflegte und
weithin auf Resonanz stoßende Stil der politischen Auseinandersetzung
dokumentiert sich in der "Mitteldeutschen Presse" (Staßfurt),
dem Organ des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, mit
der insbesondere ländliche Arbeitgeber im Kreis Bernburg auch
ihre Beschäftigten flächendeckend 'versorgten', und zu
deren Standardrepertoire Leitartikel wie "Der jüdische
Wurm an der Wurzel der deutschen Eiche" gehörten.[73]
In einem relativ kurzen, gegen die Bernburger sozialdemokratische
"Volkswacht" gerichteten Artikel vom 10. Januar 1922 wurde
z. B. deren Redakteur Budnarowski mit den Titulierungen "Jude
mit dem Runkelrübenkopf", "Maulheld und Dreckjude",
"Lumpenjude", "galizischer Jude" bedacht. Nur
am Rande sei bemerkt, dass Budnarowski kein Jude war und es dem
Redakteur der "Mitteldeutschen Presse" nur darum ging,
alle Feindesmerkmale vereinigt auf eine Hassperson darzustellen.
Schon 1923/24 wurden Juden, aber auch politisch links stehende Einwohner
in den Straßen der Stadt Bernburg wie auch in den Orten des
Kreisgebietes von nicht selten mit "Spazierstöcken"
(und mitunter auch anderen Waffen) ausgerüsteten Gruppen von
Jugendlichen und jungen Männern belästigt und verprügelt.
Die Täter sind in erster Linie dem Wehrwolf, aber auch der
"Treuschaft Lützow", der die Jugendarbeit für
den Stahlhelm besorgenden Halbwüchsigen-Vereinigung Scharnhorst
(Bund der Jungmannen) und dem Stahlhelm selbst zuzuordnen. Die flächendeckende
Gründung von Reichsbanner-Ortsgruppen im gesamten Kreis Bernburg
ist als Abwehrmaßnahme gegen derartige Vorfälle anzusehen,
es gab in jedem Falle ein zeitliches Nacheinander von Stahlhelm,
der nach eigenen Angaben schon Ende 1924 in allen Orten Anhalts
festen Fuß gefasst hatte,[74]
und Reichsbanner.[75] Ein
Stahlhelmeigener Rückblick aus dem Jahre 1926 bekannte sich
dann auch nur wenig verblümt dazu, die politische Polarisierung
erst in das bis dahin in der Nachkriegskrise gemäßigte
und im wesentlichen erschütterungsfreie Anhalt hineingetragen
zu haben.[76] Noch während
des sogenannten Kapp-Putsches im März 1920 war es in Bernburg
und Umgebung völlig ruhig geblieben.[77]
Die besagte, vor allem über den Stahlhelm hereingetragene,
politische Polarisierung und Radikalisierung bedeutet jedoch nicht,
dass unter dem Bestehen dieser Polarisierung nicht auch vom Reichsbanner
an der Gewaltspirale gedreht worden wäre; die Kultivierung
gegenseitiger Feindschaft dürfte in den meisten Fällen
lokal eine starke Eigendynamik erlangt haben.
Der in diesem Zusammenhang schwerwiegendste gewalttätige Vorfall
ereignete sich im Juli 1923. Der Stahlhelm und die rechts von ihm
stehenden Organisationen glaubten zu wissen, dass anlässlich
des "Antifaschistentages" am 29. Juli die Revolution in
Bernburg ausgelöst werden sollte. Kommunisten und Sozialdemokraten
wussten freilich nichts davon, was den Stahlhelm und Gefolgschaft
jedoch nicht daran hinderte, in Anmaßung von Polizeibefugnissen
in der ganzen Stadt Patrouille zu gehen und die Passanten auf Waffen
zu untersuchen. Nachdem sich keiner der politischen Gegner provozieren
ließ schoss in der Nacht schließlich ein dem Stahlhelm
angehörender 43-jähriger Bankbote, Teilnehmer des Chinafeldzuges
1900/01 und des Weltkrieges seit 1914, mit seinem mitgeführten
Dienstrevolver auf eine Gruppe Kommunisten. Er verletzte einen von
ihnen und erhielt im nachfolgenden Handgemenge mit einem Passanten,
einem ehemaligen Kommunisten, der ihm die Waffe zu entringen versuchte,
selbst einen Schuss aus der eigenen Waffe, an dessen Folgen er ein
halbes Jahr später verstarb.[78]
Der
Einfluss der völkisch-nationalistischen Gruppen reichte in
Bernburg bis in die rechtsliberale Deutsche Volkspartei, deren Parteisekretär
Joseph Schmid von der "Volkswacht" sogar als geistiger
Kopf des völkischen Spektrums angesehen wurde. Er machte durch
Aussagen wie: "Die Familie Cohn regiert die Republik, aber
die Volkserhebung kommt, der Sturm bricht los." von sich reden.[79]
Nach längerer Zeit wurde er durch die Deutsche Volkspartei
entlassen und fand als Stahlhelm-Kreisleiter neue Beschäftigung.
Ein weiterer prominenter Überläufer aus der DVP war der
Ingenieur und Fabrikbesitzer August Schweinefuß, der 1919
im Vorstand der DVP-Ortsgruppe und 1921 noch auf der "Vereinigten
Bürgerliste" zur Stadtverordnetenwahl zu finden war[80]
und 1924 für die Nationalsozialistische Freiheitspartei - so
die Firmierung während des NSDAP-Verbots - in die Stadtverordnetenversammlung
einzog.
Zur Zeit des Münchener Hitlerputsches im Oktober 1923, als
Angehörige des Stahlhelm, des Wehrwolf und der Treuschaft Lützow
aus Bernburg und anderen Orten mit unbekanntem bzw. geheimgehaltenem
Ziel verschwanden und sich in die Schwarze Reichswehr einreihten,[81]
sah selbst der der DVP nahestehende und die "bürgerliche"
Mehrheitsmeinung vorgebende "Anhalter Kurier" in Bayern
den "Sammelpunkt all derer, die noch an den deutschen Gedanken
glaubten" und die "undeutschen Ideen des Marxismus"
zu bekämpfen beabsichtigten. Deshalb: "hinaus aus der
Regierung mit allen, die von Marx nicht los können und ihrem
internationalen demokratischen [! - T.K.] Anhang. Berlin hat die
letzte Staatsnotwendigkeit nicht in Erbpacht, wenn dort kein Sinn
mehr ist für das, was Deutschland nottut, oder kein Mut, es
durchzuführen, dann soll eben München führen."[82]
| 3.2
Mitgliederstruktur und Eintrittsmotivationen der frühen
NSDAP-Mitglieder |
Die
soziale Zusammensetzung der NSDAP und ihrer Vorgänger- bzw.
Ersatzorganisationen im Zeitraum zwischen 1921 und 1926 gestaltete
sich im Untersuchungsgebiet nicht einheitlich, sondern wies zwei
unterschiedliche Ausprägungen auf: den "Normalfall"
Bernburg/Güsten/Amesdorf/Hecklingen und die "Ausnahme"
Aderstedt. War die Partei im "Normalfall" ihrer Berufsstruktur
nach mehrheitlich eine Partei der neuen und alten Mittelschichten,
in der allein schon die kaufmännischen Angestellten und die
Angestellten und Beamten des öffentlichen Dienstes jeweils
ein Fünftel der Mitgliedschaft ausmachten, so war die NSDAP
in Aderstedt eine fast reine Arbeiterpartei. Auch hinsichtlich des
Durchschnittsalters gibt es große Differenzen: 30 Jahre im
"Normalfall" Bernburg/Güsten/Amesdorf/Hecklingen,
42 Jahre in Aderstedt. Und schließlich gab es in Aderstedt
keine Frauen in der Organisation, im "Normalfall" aber
wenigstens 7 % (die jedoch alle aus Bernburg kamen).[83]
Diese unterschiedlichen Ausprägungen von Parteimitgliedschaft
bedürfen differenzierter Erklärungen, für Aderstedt
bestanden offensichtlich andere Entstehungsbedingungen.
Im Kern war die NSDAP - auf den "Normalfall" Bernburg/Güsten/Amesdorf/Hecklingen
bezogen - eine Partei der unteren Angestellten und Beamten, in denen
wiederum die kaufmännischen Angestellten eine zentrale Position
einnahmen. Für die Existenz der NSDAP und die Dominanz der
unteren Angestellten- und Beamten in ihr war eine Kombination aus
verweigerter gesellschaftlicher Anerkennung, angespannter Erwerbslage
und erheblicher völkisch-antisemitischer Vorbelastung ebendieser
unteren Angestellten- und Beamtenschichten, insonderheit der kaufmännischen
Angestellten, maßgeblich. Obwohl die Angestelltenliste zu
den Bernburger Stadtverordnetenwahlen 1919 noch keine direkte organisatorische
oder personelle Verbindungslinie zum bald darauf in Bernburg agierenden
völkisch-nationalistischen politischen Spektrum aufweisen sollte
war mit ihr doch schon dessen sozialer Rahmen umrissen: von den
elf Kandidaten der Angestelltenliste waren sieben kaufmännische
Angestellte.[84]
Die Kandidatenliste der Deutsch-sozialen Partei zu den Stadtverordnetenwahlen
1921 bewegte sich im gleichen Rahmen und zeigte eine unterbürgerliche
Profilierung mit proletarischem Einschlag. Ihre sechs bisher in
der lokalen Politik nicht hervorgetretenen Kandidaten gaben als
Berufe Wagenschreiber, Materialienverwalter, Vorarbeiter, Reserve-Lokomotivführer,
Angestellter und Kontorist an.[85]
Die Liste der Deutsch-sozialen Partei repräsentierte jene Schichten,
die auf der "Vereinigten Bürgerliste" zu kurz kamen,
und dokumentierte damit auch eine soziale Trennlinie innerhalb des
gegenüber der Arbeiterbewegung einig sein sollenden "Bürgertums".
Die Zusammensetzung des Bernburger "Bürgertums" scheint
nämlich im 1921er Wahlvorschlag "Vereinigte Bürgerliste"[86]
auf den Kopf gestellt. Dieser liest sich wie eine Fortsetzung der
Honoratiorenpolitik des Kaiserreiches: allein 17 der 30 Kandidaten
waren Fabrikbesitzer, Firmeninhaber, Direktor, Handwerksmeister,
Händler, Apotheker, Gastwirt, Arzt oder Rechtsanwalt. Selbst
bei großzügiger Auslegung der Berufsangaben sind jedoch
insgesamt nur neun Angestellte, Beamte und Lehrer auf der Liste
auszumachen (vier weitere Kandidaten waren Frauen bzw. Rentner).
Wie schon für 1919 stellt sich auch für das Jahr 1921
wieder die Frage, ob die Differenzen der rechten 'Abweichler', in
diesem Falle der Deutsch-sozialen Partei, inhaltlicher oder personeller
Natur waren. Einen direkten Hinweis darauf gibt es nicht. Einige
Indizien deuten jedoch darauf hin, dass es sich im Kern tatsächlich
um inhaltliche Differenzen handelte. Die sozialdemokratische Lokalzeitung
"Volkswacht" berichtete, die programmatische Kernaussage
der Deutsch-Sozialen in Bernburg liefe auf die Abwehr einer 'jüdisch-marxistisch-imperialistischen
Weltverschwörung' hinaus. Doch hätte es deswegen nicht
eines eigenständigen Auftretens bedurft. Antisemitismus und
Antisozialdemokratismus sowieso waren auch links von der Deutsch-Sozialen
Partei in überreichlichem Maße anzutreffen. So zeigte
sich denn auch die "Volkswacht" weniger wegen der Deutsch-Sozialen
als wegen der Präsenz einiger schon als "Judenfresser"
bekannter Persönlichkeiten auf der 1921er "bürgerlichen"
Einheitsliste, die sie im übrigen ob ihrer Profillosigkeit
in ihrer Spannweite von linksliberal bis konservativ als "Kreuzung
aus Karpfen und Kaninchen" bezeichnete, äußerst
besorgt. Tatsächlich scheint von einem nicht unbedeutenden
Teil des "Bürgertums" die doppelte Demütigung
des Jahres 1918 - Weltkriegsniederlage und innenpolitischer Machtverlust
- mit einer Aktivierung unterschwellig vorhandener antisemitischer
Denkmuster verarbeitet worden zu sein. Einzig die linksliberale
Deutsche Demokratische Partei kann unter den "bürgerlichen"
Parteien in Bernburg als frei von Antisemitismus bezeichnet werden.[87]
Sie war jedoch innerhalb des Bernbürger "Bürgertums"
unbedeutend und ordnete sich seit 1921 wieder eher dem 'bürgerlichen
Gesamtinteresse' unter, unternahm also nicht - wie in der Landeshauptstadt
Dessau - den Versuch, eine die politischen Lager partiell überbrückende
Funktion einzunehmen.[88]
Die Existenz der Deutsch-Sozialen wäre daher nur zu einem geringeren
Teil daraus zu erklären, dass diejenigen, denen der in der
"bürgerlichen" Einheitsliste vertretene 'normale'
Nationalismus und Antisemitismus als nicht ausreichend erschien,
in der Gemeinderatswahl 1921 die radikalere DSP unterstützten.
Viel bedeutender war die mangelnde Bereitschaft des "vereinigten
Bürgertums", den unterbürgerlichen Schichten über
eine adäquate Präsenz auf der Liste auch eine entsprechende
Geltung nach außen zu verschaffen. Dies provozierte die Gründung
der DSP mit einem von Beginn an erheblichen Masseneinfluss.[89]
Die von der DSP vertretenen sozialdemagogischen Forderungen bildeten
nicht die eigentliche Grundlage, sondern lediglich die Legitimierung
ihrer Existenz, die Möglichkeit, sich von den anderen "bürgerlichen"
Parteien abzuheben.[90] Die
Zusammensetzung der Kandidatenliste entsprach dabei jedoch nicht
der selbstbenannten Zielgruppe, der Arbeiterschaft.[91]
Wenn auch über die erste öffentliche Versammlung berichtet
wurde, dass noch am selben Abend eine Anzahl Arbeiter der Partei
beigetreten sei,[92] so sagt
das - so es denn der Wahrheit entsprach - über die tatsächliche
Zusammensetzung der Mitgliedschaft nicht viel aus.
Zudem befanden sich die unteren Angestelltengruppen, insbesondere
wieder die kaufmännischen Angestellten, bereits seit Kriegsende
in einer schwierigen sozialen Lage, die geeignet war, eine Radikalisierung
hervorzurufen. Schon Anfang 1919 warnte der Arbeitsnachweisverband
Sachsen-Anhalt vor weiterem Zustrom in die völlig überlaufenen
kaufmännischen Angestelltenberufe, sei es von aus dem Heeresdienst
oder auch von aus der Schule Entlassenen. In Bernburg selbst gelang
es nicht, die aus dem Heeresdienst entlassenen Angestellten wieder
in ihre ehemaligen Tätigkeiten einzugliedern; die während
des Krieges eingestellten Hilfskräfte waren anscheinend nicht
bereit, ihre Positionen zu räumen. Durch den Städtischen
Arbeitsnachweis Bernburg gemachte Arbeitsangebote wie Ochsentreiben
in Dröbel, Kohlenschaufeln auf der Zuckerfabrik Ilberstedt
oder Arbeit beim Wegebau wurden als offene Brüskierung empfunden.
Das Vaterland wäre dem nun stellungslosen Kriegsteilnehmer
zu Dank verpflichtet, aber stattdessen würden andere Menschen
ihm seine Arbeit streitig machen, die diesen Erwerb noch nicht einmal
dringend nötig hätten, und die Stadtverwaltung würde
sich weigern, solche Personen zu entlassen und Kriegsteilnehmer
dafür einzustellen.[93]
Diese angespannte Erwerbslage erfuhr im Übergang von der Nachkriegskrise
zur allgemeinen Stabilisierung noch eine weitere zeitweilige Verschärfung.
In Bernburg und Umgegend herrschte 1923/24 eine im Vergleich zum
Reich exorbitant hohe Arbeitslosigkeit, die auch die Angestellten
nicht verschonte. Die entsprechenden Zahlen lagen seit Anfang 1923
über dem Reichsdurchschnitt und erreichten bis zum elfeinhalbfachen
des Reichswertes (Anfang 1924)! |
| Verantwortlich
für diesen Extremwert zeichneten in erster Linie Entlassungen
in der Kaliindustrie. Nachdem in der Inflation noch gute Geschäfte
zu machen waren wurden mit der Währungsstabilisierung und der
damit verbundenen Verteuerung der Arbeitskraft seit Ende 1923 die
Belegschaftszahlen rapide reduziert.[94]
Für die bereits benannte Verbindung von verschärftem Antisemitismus
mit unbefriedigtem Geltungsbedürfnis spricht, dass der auf
der "bürgerlichen" Einheitsliste kandidierende Bernburger
Sekretär des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes durch
die sozialdemokratische "Volkswacht" als "Oberhäuptling
der Antisemiten" angesehen wurde.[95]
Daraus wäre vorsichtig auf ein überproportionales Vorhandensein
einer antisemitischen Grundeinstellung in den Kreisen der unteren
Angestelltenschaft zu schließen, Weiterhin erscheint es möglich,
dass sich einige extreme Vertreter nicht mit der Kandidatur des
DHV-Sekretärs zufrieden geben wollten.
Der im Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband traditionell stark
verankerte Antisemitismus ließ sich auch durch die Frontlinien
in den Arbeitskämpfen ständig aufs neue legitimieren.
Aus Bernburg ist vom Jahresende 1921 der Vorgang überliefert,
dass sich die Firmen des Textilhandels - im Gegensatz zu denen des
Lebensmittel- und des Eisenwarenhandels - unter ihren Wortführern
Baruch und Levy der Allgemeinverbindlichkeit des Landestarifvertrages
widersetzten und erst durch den Schlichtungsausschuss zu dessen
Einhaltung gezwungen werden mussten. Außerdem wären die
Verhandlungen durch das unkooperative und betrügerische Verhalten
des Bernburger Vorsitzenden des sozialdemokratischen Zentralverbandes
der Angestellten (ZdA) verschleppt worden.[96]
Selbst wenn sich dieser Arbeitskampf nicht so, wie hier durch die
"Mitteldeutsche Kaufmannspost", das Organ des DHV, kolportiert,
abgespielt haben sollte, so kommt es doch auf die propagandistische
Wirkung der Nachricht an. Bekräftigt wurden zwei Grundüberzeugungen,
die vom "raffenden jüdischen Kapital" und die vom
ehrlosen "Marxismus", der den notleidenden Angestellten
in den Rücken fällt.
In einem anderen Fall sahen sich die industriellen kaufmännischen
Angestellten Anfang 1922 im Schlichtungsausschuss einer fast geschlossenen
Front von Arbeitgebervertretern und Arbeitnehmervertretern (Arbeiter)
gegenüber, die - auf Vorschlag der letzteren - Töpferverdienste
zur Bemessungsgrundlage bei der Festlegung "angemessener Gehälter"
für Angestellte nahmen.[97]
Auch hier war es wieder der "Marxismus", der verhindern
half, dass der Angestellte ein seiner Leistung entsprechendes Einkommen
erhält. Der Zentralverband der Angestellten hat denn auch angesichts
solcher Frontstellungen unter den kaufmännischen Angestellten
kaum Fuß fassen können; bei den Kaufmannsgerichtswahlen
des Jahres 1921 in Bernburg entfielen auf ihn gerade zwei der zehn
Sitze, der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband (DHV) und der
liberale Gewerkschaftsbund der Angestellten (GdA) erlangten jeweils
vier.[98]
Es ist kaum überraschend, dass unter den lokalen Angestelltengewerkschaften
in dieser Zeit eine deutliche positive Resonanz auf den Nationalsozialismus
nur für den Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband nachzuweisen
ist. Unter den neun Kandidaten des im wesentlichen vom DHV repräsentierten
Gesamtverbandes deutscher Angestelltengewerkschaften (Gedag) zu
den Angestelltenversicherungswahlen im Januar 1922 finden sich zwei
Personen (ein Handlungsgehilfe und ein Buchhalter), die im Jahre
1924 Unterstützungsunterschriften für die Liste der Nationalsozialistischen
Freiheitspartei zu den Stadtverordnetenwahlen leisten sollten. Für
die beiden anderen Richtungen - AfA-Bund und GdA - ist in zu dieser
Zeit eine Parteinahme für den Nationalsozialismus noch nicht
zu beobachten.[99]
Bei einer Analyse der Kandidatenaufstellung der SPD zu den Gemeinderatswahlen
kann zudem das Jahr 1921 als der Beginn eines sich über den
weiteren Verlauf der Weimarer Republik fortziehenden Rechtstrends
in der Angestelltenschaft ausgemacht werden. Kamen in Bernburg,
Nienburg, Neundorf und Rathmannsdorf summarisch 1919 noch 26 % aller
SPD-Gemeinderatskandidaten aus der Angestelltenschaft, so ging ihr
Anteil schon 1921 auf 22 % zurück, um dann bei 17 % (1924)
bzw. 18 % (1927/31) zu stagnieren.[100]
Der Abwendung der Angestellten von der Sozialdemokratie ist selbst
in deren Domänen schon sehr früh nachzuverfolgen. Stimmten
im Versicherungsamt Bernburg in der Betriebsratswahl vom Dezember
1921 noch 22 der 23 Wählenden für den sozialdemokratischen
Zentralverband der Angestellten und nur einer für die gemeinsame
Liste von Deutschnationalem Handlungsgehilfenverband und liberalem
Gewerkschaftsbund der Angestellten, so waren schon ein halbes Jahr
später im Juni 1922 nur noch 17 der 21 Wählenden für
den ZdA zu gewinnen.[101]
Die
Entstehung der Aderstedter NSDAP folgt einem gänzlich anderen
Schema als im Rest des Kreises. Einzig in Aderstedt wurde die NSDAP
zur Arbeiterpartei. Sie wies damit eine Sozialstruktur auf, wie
sie auch bei ländlichen deutschnationalen Ortsgruppen in jenen
Jahren vorgekommen sein soll.[102]
Bei einer Arbeiterbevölkerung von reichlich zwei Dritteln der
Einwohnerschaft hatte es die Sozialdemokratie in Aderstedt nur in
den Wahlen zwischen 1918 und 1920 geschafft, dieses Potential auszuschöpfen
bzw. sogar zu überschreiten (78 % bzw. 68 %). Danach pendelte
sich ihr Wählerstimmenanteil wieder auf die schon aus dem Kaiserreich
bekannten Werte um 50 % ein. Die anscheinend relativ geschlossene
Gruppe derjenigen Arbeiter, die die SPD vor dem Ersten Weltkrieg
noch nicht hatte erreichen können, wandte sich jetzt wieder
von ihr ab und sah in der NSDAP ihren Vertreter.[103]
Von dem schon in der Vorkriegszeit in der lokalen Politik in Gegnerschaft
zur SPD tätigen Steinmetz, Landwirt und späteren Bürgermeister
Karl Wilhelm sen. ist überliefert, dass er zwischenzeitlich
bis Anfang der 20er Jahre der SPD angehörte, bevor er vor allem
unter dem Einfluss seines Sohnes, des Elektrikers Karl Wilhelm jun.
(später NSDAP-Ortsgruppenleiter in Aderstedt) zum Nationalsozialismus
übertrat.[104] Die
Abgrenzung beider Aderstedter Arbeitergruppen ist nach außen
hin etwas unscharf, es scheint jedoch ein schwacher Trend dahingehend
bestanden zu haben, dass bei der SPD tendenziell eher die besser
qualifizierten und nach Bernburg einpendelnden Arbeiter zu finden
waren, während die NSDAP eher als die Vertreterin der niedriger
qualifizierten und in den Steinbrüchen, in der Landwirtschaft
und im Kalischacht direkt am Orte beschäftigten Arbeiter anzusehen
ist. Die "Volkswacht" wusste zur Gemeinderatswahl 1927
aus Aderstedt zu berichten, dass die neunköpfige "Nationale
Liste" der NSDAP mit zwei Ausnahmen aus Beschäftigten
der örtlichen Steinbruchfirmen Meißner und Hoier bestand.[105]
Von einem eventuell ausgeübten Druck seitens dieser Arbeitgeber
zur Präsentierung einer gewünschten politischen Haltung
ist jedoch nichts bekannt, auch sind die Betriebsinhaber selbst
zu keinem Zeitpunkt als Nationalsozialisten nachweisbar, so dass
eher von besonderen engen Kommunikationsbeziehungen in dieser Beschäftigtengruppe
ausgegangen werden muss. Die NSDAP-Liste aus der Gemeinderatswahl
des Jahres 1927 wies mit der gleichfalls Steinbruchbeschäftigte
enthaltenden SPD-Liste doppelt so häufig Überschneidungen
in den Berufsangaben auf wie mit der "Unpolitischen Liste"
und stand sozialstrukturell faktisch zwischen beiden, einzig ein
Kandidat, ein kaufmännischer Angestellter, fand keine berufliche
Entsprechung auf den benachbarten Listen.[106]
Neben
den lokalen politischen Konstellationen und der politischen Meinungsbildung
in Großgruppen sind es im einzelnen aber erst Faktoren der
Persönlichkeit und der Biographie, die die Hinwendung zur NSDAP
wesentlich mitbestimmten. Für die Mehrzahl der frühen
NSDAP-Mitglieder war der Erste Weltkrieg das einschneidendste Erlebnis
in ihrem Leben gewesen. Es ist nun interessant zu sehen, dass die
Personen an der Spitze der NSDAP im militärischen Bereich keinesfalls
Mannschaftsdienstgrade innehatten: Hölzke war Vizewachtmeister,
der Aderstedter Ortsgruppenleiter Möhring Oberleutnant. Interessant
ist in dieser Hinsicht auch die Mitgliederliste des Marinevereins
Bernburg. Für den Mitgliederbestand des Jahres 1930 sind -
über den gesamten Zeitrum der Existenz der NSDAP - 25 Parteibetritte
nachzuweisen. Knapp ein Viertel dieser Personen (6) findet sich
schon unter den bis 1926 erstmalig eintretenden NSDAP-Mitgliedern,
darunter die Spitzenkandidaten zu den Stadtverordnetenwahlen 1921
und 1924.[107] Es liegt
der Schluss nahe, dass auch ein Äquivalent für die ehemals
in militärischen Führungspositionen gefundene Bestätigung
jetzt in der NSDAP gesucht wurde. Im Gegenzug liegen keine Indizien
dafür vor, dass es eventuell gesellschaftliche Entwurzelung
resp. Schwierigkeiten bei der Führung eines normalen zivilen
Lebens waren, die in dieser Frühphase der lokalen Entwicklung
ausschlaggebend für die Hinwendung zur NSDAP gewesen wären.
Andersherum konnte aber das Engagement in der NSDAP in dieser Hinsicht
Schwierigkeiten verursachen, wie z. B. die vermehrten Disziplinarverfahren
Hölzkes ausweisen.
Diesem beschriebenen Geltungsdrang benachbart ist der unbedingte
Aufstiegswille, der in diesen Kreisen - unbeschadet tatsächlich
vorhandener Kenntnisse und Fähigkeiten - immer wieder zu beobachten
ist. Nichts illustriert diesen unbedingten Aufstiegswillen besser
als das nachfolgende Inserat aus der "Mitteldeutschen Presse"
im Oktober 1922, das sich schon optisch durch zwei einleitende Hakenkreuze
von anderen Inseraten abhob:
"19jähriger,
sehr solider, strebsamer national und völkisch denkender
junger Mann sucht irgendwelche Stellung als Arbeiter in der
Technik im Büro oder eine Vertrauensstellung in einem
Ort wo selbiger ein Technikum oder Ingeneur oder Fachschule
nebenbei besuchen kann[.] Arbeitet seit 1919 praktisch als
Schlosser, Dreher, Elektromonteur und hat beim Eisenbahnerstreik
im Febr. ds. J. als Technischer-Nothelfer eine Lokomotive
geführt und hat oberrealschulbildung. Arbeitet augenblicklich
als Arbeiter auf einem großen Werke da er sich sein
Studium selbst verdient und ist nicht organisiert.
Gefällige Angebote an die Exp. der Mitteldeutschen Presse
unter 'Hakenkreuz'."[108] |
| 3.3
Biographisches Beispiel: Emma Hentschel (Dessau) |
Insgesamt
ist es aufgrund des weitgehenden Fehlens biographischer Quellen
kompliziert, die Eintrittsmotivationen der frühen Mitgliedschaft
darzustellen. Aus dem gesamten Kreis Bernburg steht keine einzige
illustrierende Biographie zur Verfügung, was angesichts einer
Zahl von weniger als 200 bis zum Jahre 1928 von der "Bewegung"
erfasster Personen auch kaum erstaunt. Ersatzweise ist es jedoch
möglich, auf die Biographie einer frühen Nationalsozialistin
aus der Landeshauptstadt Dessau zurückzugreifen, deren Entwicklungsgang
eine Reihe von Rückschlüssen auf die Bernburger Situation
zulässt. Die 1936 - also äußerst zeitnah und ohne
den späteren Zwang zu Retuschen - niedergeschriebenen Erinnerungen
Emma Hentschels stellen daher einen Glücksfall für die
historische Forschung dar.[109]
|
Emma Hentschel (um 1925) [110]
|
Emma Hentschel wurde 1881 in Heyersdorf in der preußischen
Provinz Posen geboren und entstammte einem alten schlesischen Bauern-
und Mühlenbesitzergeschlecht. Man kann also unterstellen, dass
die Familie nicht ganz unvermögend, wenn nicht sogar tonangebend
im Dorfe war.[111] Über
die Zahl der Geschwister ist nichts überliefert; auf jeden
Fall erbte sie aber nicht den Hof und zog 1905 nach ihrer Heirat
mit einem Lokführer in die Großstadt Posen.
Dort kam sie - zuvor schon glühende Bismarck-Verehrerin - mit
den Ideen des ehemaligen Hofpredigers Adolf Stöcker in Berührung,
die in ihrer Mischung aus Antisemitismus und sozialkonservativer
Reformpolitik sie weiterhin beeinflussen sollten. Nach außen
hin trat sie jedoch politisch nicht hervor, was jedoch nicht weiter
verwundert; ihr Mann war Beamter, schon von daher war Zurückhaltung
geboten, außerdem wurden jeweils im Jahresabstand drei Kinder
geboren und schließlich war im Deutschen Reich Frauen eine
politische Aktivität überhaupt erst seit 1908 erlaubt.
|
|
Weiter radikalisieren sollte sich ihre politische Haltung im Gefolge
des Ersten Weltkrieges, als Posen in Erfüllung des Versailler
Vertrages an Polen abgetreten wurde. In dieser Zeit wurden sie und
ihr Mann nach eigenem Bekunden infolge der von polnischer Seite
gegenüber dem deutschen Bevölkerungsteil forcierten scharfen
Repression und systematischen Verdrängungspolitik Fanatiker;
"wilder Hass" gegen die "verräterische marxistische
Regierung" in Berlin, die sie an die Polen ausgeliefert hätte,
hätte von ihnen Besitz ergriffen. Über konkrete Verfolgungen
seitens der Polen gegenüber den Hentschels ist jedoch nichts
bekannt. Um der zweifellos auch ohne konkrete persönliche Pressionen
diskriminierenden Lebenslage zu entgehen schloss sich die Familie
Hentschel 1920 dem Massenexodus an und kehrte, wie der größte
Teil der deutschen Bevölkerung Posens,[112]
'heim ins Reich', nach Dessau.
In Dessau trafen sie auf eine relativ entspannte Atmosphäre,
die kaum etwas von den in der Nachkriegskrise nur wenige Kilometer
entfernt sich abspielenden auch bewaffneten Kämpfen ahnen ließ.
Vielmehr wehte hier - so Emma Hentschel - "noch ein verspätetes
Hoflüftchen". Dass diese Ruhe gerade von den verhassten
'Marxisten' in der Landesregierung gewährleistet wurde, die
einerseits jeden Streik schnell vor einer eventuellen Radikalisierung
zu beenden suchten und andererseits mit hohem Einsatz bemüht
waren, die im restlichen Mitteldeutschland stark präsente Reichswehr
aus dem Lande fernzuhalten, realisierten die Hentschels anscheinend
nicht.
Die Katastrophe traf die Familie 1923: der Mann starb an den Folgen
eines Arbeitsunfalls. Emma Hentschel stand allein mit drei minderjährigen
Kindern und musste in der Folge zusehen, wie das Familienvermögen
in der Hyperinflation wertlos wurde und auch die Witwenpension zum
Leben nicht mehr ausreichte. In dieser Situation brachte ihr gerade
16 Jahre alt werdender Sohn Walter im November 1923 den nationalsozialistischen
"Völkischen Beobachter" mit den Berichten über
Hitlers fehlgeschlagenen Putsch an der Münchener Feldherrnhalle
mit nach Hause. Walter Hentschel hatte wohl schon länger im
völkisch-nationalistischen Spektrum verkehrt. Ansprechpartner
für ihn war der SA-Vorläufer "Treuschaft Lützow".
Emma Hentschel hatte von alldem infolge von Trauer und Inflation
- wie auch vom Bestehen einer NSDAP-Ortsgruppe in Dessau seit September
1923 - anscheinend nichts wahrgenommen, es ist aber auch nicht anzunehmen,
dass sie es missbilligt hätte. Jedenfalls entschied sie nun,
dass dies in Zukunft die politische Richtung der Familie sein sollte,
las alle verfügbare Literatur und begann, die nationalsozialistischen
Versammlungen zu besuchen.
Emma Hentschel hatte in ihrem Lebensverlauf bislang zwei gesellschaftliche
Abstiege hinnehmen müssen: den ersten von der Tochter des Dorfpatriarchen
zur Frau eines im wesentlichen in der Anonymität der Großstadt
untergehenden Lokführers, den zweiten von der materiell zumindest
auskömmlich lebenden Beamtenehefrau zur um ihre und ihrer Kinder
materielle Existenz kämpfenden und letztlich doch am Rande
der Gesellschaft stehenden Witwe. Die Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen
Bewegung sollte ihr, deren bisheriger Lebensweg durchaus auch als
Abfolge von Zurücksetzungen und Demütigungen gesehen werden
kann, neues Selbstvertrauen geben. Die Erlangung dieses neuen Selbstbewusstseins
beschreibt sie anlässlich des geschlossenen Auszug der nationalsozialistischen
Versammlungsteilnehmer aus einer öffentlichen Versammlung der
linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei, als man den nationalsozialistischen
Diskussionsredner nicht sprechen lassen wollte: "Es war ein
wundervolles Gefühl, zum ersten Male unmittelbar die Gemeinschaft
zu spüren, als wir mit den anderen um einer gemeinsamen Idee
willen demonstrativ den Saal verliessen." Im Spätsommer
1924 wurde sie dann formell Mitglied der Nationalsozialistischen
Freiheitspartei und nach Aufhebung des NSDAP-Verbots findet sich
im März 1925 in der Meldung über die ersten Mitglieder
der neugebildeten Ortsgruppe neben dem späteren Gauleiter Wilhelm
Loeper und 13 anderen auch ihr Name. Sie erhielt damals die sehr
niedrige Mitgliedsnummer 6.992.
In der Folge sollte sie völlig in der Bewegung aufgehen. Emma
Hentschel, die sich und die Familie mit Näharbeiten über
Wasser hielt, wurde zu einer Art 'Mutter der Kompanie', die Organisationsarbeiten
besorgte, anfallende Näharbeiten ausführte, auswärtige
prominente Redner und durchreisende Parteigenossen beherbergte,
später auch Waffen und belastende Dokumente versteckte.[113]
Daneben besuchte sie natürlich die Parteitage und -treffen.
Anmeldung der Dessauer NSDAP-Neugründungsmitglieder 1925
bei der Parteizentrale [114]
Auch
ihre Kinder, die neben dem Studium eigenen Erwerbstätigkeiten
nachgehen mussten, schlossen sich, sobald sie die staatlichen anhaltischen
Gymnasien und die dort gewährte Schulgeldfreiheit hinter sich
gelassen hatten, der NSDAP an. Die Tochter Dorothea wurde 1926 vom
"Völkischen Beobachter" als erste nationalsozialistische
Lehrerin bezeichnet, der Sohn Walter sollte später während
eines Studienaufenthaltes in den USA die dortige NSDAP-Auslandsorganisation
mit aufbauen. Insgesamt schaffte sie es, den selbst erlittenen sozialen
Abstieg durch ihre Kinder wieder zu kompensieren. Tochter Dorothea
avancierte im Dritten Reich zur Gaugeschäftsführerin des
Nationalsozialistischen Lehrerbundes in Magdeburg-Anhalt und später
zur Funktionärin des NSLB an dessen Sitz in Bayreuth, Sohn
Walter erreichte im Reichsluftfahrtministerium die Stufe eines Oberregierungsrates
und Tochter Katharina wurde Auslandslehrerin in Guatemala und später
wohl auch in Spanien.
Doch es wäre zu kurz gegriffen, die seinerzeitige Hinwendung
Emma Hentschels zum Nationalsozialismus und ihr dauerhaftes Verbleiben
in der Bewegung nur aus der Enttäuschung über die eigene
Lebenslage erklären zu wollen. Vielmehr verfolgte sie sehr
konkrete Gesellschaftsvorstellungen für das kommende "Dritte
Reich". Diese verbanden sich mit der von ihr in der Rückschau
verklärten Stellung ihres Vaters in ihrem Heimatdorf. Sie sah
ihren Vater, in jungen Jahren preußischer Garde-Ulan, als
den allseits gerechten und wohltätigen Patriarchen des Dorfes,
der bei allen Arbeiten im weißen Hemd - eine Lichtgestalt!
- voranging und deren Beginn mit dem Satz "Das walte Gott"
anwies. Ein Patriarch, in dessen Obhut man sich stets begeben konnte,
weil seine Entscheidungen stets richtig waren. Diese Rolle übertrug
sie auf Adolf Hitler, der die von Klassenkämpfen zerrissene
deutsche Gesellschaft so organisieren sollte wie die aus ihrer Sicht
heile Welt ihres kleinen idyllischen Dorfes. Diese Sichtweise auf
die Zukunft Deutschlands entsprach der von der NSDAP propagierten
"Volksgemeinschaft". Auch die übliche irrationale
ekstatische Führerverehrung war ihr nicht fremd. Noch 1936
bezeichnete sie eine halbminütige Begegnung mit Adolf Hitler
während des Reichsparteitages 1927, dem sie zuvor regelrecht
hinterhergerannt war, als den erhebendsten Augenblick ihres Lebens.
Emma Hentschel hat - mit Ausnahme eines kurzen Intermezzos als Kassenwartin
- nie eine Funktion in der NSDAP bekleidet. Doch daraus eine relative
Bedeutungslosigkeit schließen zu wollen wäre völlig
verfehlt. Gerade Personen ihres Zuschnitts halfen in ihrem ausdauernden
und fanatischen Wirken und in ihrer ständigen Verfügbarkeit
die Organisationskontinuität einer von inneren Streitigkeiten
und großer Mitgliederfluktuation zerrissenen Partei besonders
in den Jahren vor der Weltwirtschaftskrise zu sichern. Ohne diese
Aktivisten wäre der rasante Mitglieder- und Wähleraufschwung
der NSDAP 1930 und schließlich der nationalsozialistisch-rechtsbürgerliche
Wahlsieg in den anhaltischen Landtagswahlen vom April 1932 nicht
möglich gewesen. Gleichzeitig wird auch anhand des Lebenslaufes
Emma Hentschels deutlich, dass die im Kaiserreich und im Umfeld
des Ersten Weltkrieges erfahrenen Prägungen von großer
Bedeutung für eine spätere Hinwendung zum Nationalsozialismus
waren.
Nach 1933 spielte Emma Hentschel, auch infolge von Krankheit, in
der Dessauer NSDAP kaum mehr eine Rolle. 1937 verzog sie mit einer
ihrer Töchter nach Bayreuth und ist auch 1943 dort noch nachweisbar.
Dann verliert sich ihre Spur.
| 4.
1930/31: Der Durchbruch
|
| 4.1
Reorganisation und politischer Aufstieg |
Die
beiden Bernburger Lokalzeitungen, die sozialdemokratische "Volkswacht"
und der liberale "Anhalter Kurier", meldeten im Januar
1930, dass sich die Ortsgruppe Bernburg des Bundes Oberland aufgelöst
und ihre Mitglieder sich einer anderen "nationalen Gruppe"
angeschlossen hätten. Sie würden aber weiterhin im alten
Heim, dem Hause des Hauptmanns a. D. Freiherrn Ulrich von Bothmer,
Prokurist bei den Metallwerken Kessler & Sohn, zusammenkommen
wollen. Beiden Zeitungen war entgangen, dass es sich bei der "anderen
nationalen Gruppe" um die NSDAP handelte, die in den vergangenen
drei Jahren aus dem öffentlichen Leben Bernburgs verschwunden
und nunmehr völlig unbedeutend war.[115]
In der Zeit des "Dritten Reiches" verfasste Darstellungen
der lokalen NSDAP-Geschichte versuchen zwar, eine ungebrochene Organisationskontinuität
und bedeutende Aktivität zu suggerieren, doch handelt es sich
hier durchgängig um Übertreibungen.[116]
1927/28 hatte es funktionierende NSDAP-Ortsgruppen im Kreis Bernburg
lediglich noch in Aderstedt vor den Toren Bernburgs und wahrscheinlich
auch in der Eisenbahner-Kleinstadt Güsten an der Bahnstrecke
Staßfurt-Aschersleben gegeben. Zu den 1927 stattgefundenen
Bernburger Stadtverordnetenwahlen und den Kreistagswahlen war die
NSDAP nicht mehr angetreten. In dieser Zeit kann das vor den Toren
Bernburgs gelegene Aderstedt als der Wahrer der nationalsozialistischen
Organisationskontinuität im Kreis Bernburg gelten. Nicht nur,
dass dort zur Gemeinderatswahl 1927 die einzige nationalsozialistische
Liste im Kreis aufgestellt wurde, auch die zehn Positionen umfassende
Kandidatenliste der NSDAP zur anhaltischen Landtagswahl 1928 enthielt
zwei Kandidaten aus Aderstedt, jedoch keinen aus Bernburg![117]
In dieser Wahl konnte sie wiederum eines der 36 Mandate erlangen,
das an den Dessauer Gauleiter und späteren Reichsstatthalter
Hauptmann a. D. Wilhelm Loeper fiel.[118]
Auch der Stahlhelm unterlag im Kreis Bernburg zur gleichen Zeit
einer ähnlichen Organisationskrise, ohne dass die NSDAP dies
für sich hätte ausnutzen können.[119]
In
den Jahren vor 1930, als die NSDAP im völkisch-nationalistischen
Spektrum des Kreises Bernburg eher eine untergeordnete Rolle spielte,
wurde dieses Spektrum in erster Linie vom Wehrwolf Bund deutscher
Männer und Frontkrieger repräsentiert. Auf dem Höhepunkt
seiner Organisationsentwicklung lassen sich 1927 im Kreis Bernburg
13 Wehrwolf-Ortsgruppen nachweisen. Nach einer vorübergehenden
Schwäche 1928/29 waren 1930/31, mit erneut einsetzender Radikalisierung,
wiederum acht Ortsgruppen, teilweise auch mehrere Orte umfassend,
existent. Mit dem Aufstieg der NSDAP verschwanden diese jedoch.
In der Kreisstadt Bernburg scheint die Neugründung vom Frühjahr
1930 keinen langen Bestand gehabt zu haben und ist schon 1931 nicht
mehr nachweisbar. 1932 gab es im Landkreis nur noch Ortsgruppen
in Güsten und Gerbitz, 1933 nur noch die Gerbitzer. Die Mitgliedschaft
des Wehrwolf diffundierte in andere Organisationen, zu einem größeren
Teil zur NSDAP, zu einem geringeren Teil auch zum Stahlhelm. Von
einem mehrheitlichen, direkten und organisierten Übergang der
Mitglieder zur NSDAP kann jedoch nicht die Rede sein.[120]
In Bernburg selbst war weiterhin mindestens seit 1927 der in der
Freikorps-Tradition der Nachkriegszeit stehende Bund Oberland wieder
aktiv. Allerdings dürfte auch er kaum mehr als 20 bis 30 Mitglieder
umfasst haben. Beiden, dem Wehrwolf und dem Bund Oberland, die im
übrigen eng kooperierten, kommt somit aus retrospektiver Sicht
eine Platzhalterfunktion für die NSDAP zu, sowohl was die personellen
als auch was die programmatischen Kontinuitäten betrifft.[121]
Mit dem Übergang des größten Teiles der Mitglieder
des Bundes Oberland zur NSDAP bestand Anfang 1930 in Bernburg wieder
eine Keimzelle für die Reorganisation der NSDAP. Die formelle
NSDAP-Mitgliedschaft des vorherigen Oberland-Führers von Bothmer
datiert vom 1. April 1930.[122]
Kurz darauf fungierte er als SA-Führer in Bernburg.
Ein Grund für die vorherige relative Schwäche der NSDAP
in Bernburg noch Ende 1929 dürfte im Fehlen einer geeigneten
Führungspersönlichkeit gelegen haben, erst von Bothmer
scheint diese Lücke ausgefüllt zu haben. Auch waren die
politischen Unterschiede zwischen den einzelnen Organisationen nur
gradueller Natur, so dass die augenscheinlich größere
Aktivität von Wehrwolf und Bund Oberland über eine gewisse
Zeit für diese den Ausschlag gegeben hatte.
Angesichts
der noch kurz zuvor zu beobachtenden Schwäche der Partei stellte
der NSDAP-Wahlerfolg in den Reichstagswahlen vom 15. September 1930
zumindest eine sehr große Überraschung dar. Von lediglich
2 % der gültigen Stimmen in der Reichstagswahl vom 20. Mai
1928 hatte sie sich innerhalb von zwei Jahren auf jetzt 14 % steigern
können und wurde faktisch aus dem Nichts drittstärkste
Partei im Kreise hinter der SPD und der KPD. Woher kamen aber plötzlich
diese Wähler? Eine populäre Legende, dass vor allem die
vorherigen Nichtwähler den Aufstieg der NSDAP ermöglicht
hätten, kann hier von vornherein ausgeschlossen werden. Selbst
unter der Annahme, dass sämtliche der gegenüber 1928 neu
hinzugekommenen Wählerstimmen der NSDAP zugefallen wären,
hätten sie lediglich ein reichliches Drittel des NSDAP-Stimmenvolumens
bilden können. Vielmehr rekrutierte sich der Stimmenzuwachs
der Nationalsozialisten zum größten Teil aus dem Wählerpotential
der Parteien des restlichen "nationalen" Wählerlagers.
Doch nicht alle "bürgerlichen" Parteien waren gleichmäßig
von dieser Wählerwanderung in Richtung der Nationalsozialisten
betroffen. Während Deutsche Volkspartei, Deutschnationale Volkspartei
und Deutsche Staatspartei jeweils zwischen einem Drittel und der
Hälfte ihres vorherigen Wählerpotentials verloren, blieben
Zentrumspartei und Wirtschaftspartei stabil. Stabil zeigte sich
in der Summe auch das "sozialistische" Wählerlager.
SPD und KPD hatten zusammen 1928 56 % der gültigen Stimmen
bekommen, jetzt 55%. Lagerintern hatte die SPD leicht an die deutlich
kleinere KPD abgeben müssen. Zwischen den Ergebnissen in der
Kreisstadt, wo SPD und KPD beide noch leicht hatten gewinnen können,
und den Ergebnissen im Landkreis tat sich jedoch eine Schere auf.
Angesichts auch deutlicherer Verluste der SPD im Landkreis muss
davon ausgegangen werden, dass dort auch ehemalige SPD-Wähler
in geringerem Umfang zum Wahlerfolg der NSDAP beitrugen. Nur in
einem Falle jedoch (Neundorf) hatten ehemalige KPD-Wähler offensichtlich
einen beträchtlichen Anteil am Aufstieg der lokalen NSDAP.[123]
Reichstagswahlergebnisse
im Untersuchungsgebiet am 14. September 1930,
Anteil der Parteien in % der gültigen Stimmen[124]
|
| |
KPD |
SPD |
Deut-
sche Staats- partei |
Zen-
trum |
DVP
|
Wirt-
schafts- partei |
DNVP
|
Deut-
sches Land- volk |
Deut-
sche Bauern- partei |
Konser-
vative Volks- partei |
NSDAP
|
Gewinn
/ Verlust des "sozialistischen" Lagers
(KPD + SPD) gegenüber
20. Mai 1928 in Prozentpunkten |
| Bernburg
|
11,1
|
39,6
|
2,0
|
2,0
|
16,1
|
8,0
|
3,3
|
0,8
|
0,0
|
0,9
|
16,2
|
0,9
|
| "5
Orte"[125] |
24,9
|
32,8
|
1,9
|
1,8
|
8,9
|
8,9
|
5,5
|
2,4
|
0,1
|
0,4
|
12,5
|
-3,5
|
| "Dörfer"[126]
|
13,4
|
46,0
|
1,2
|
1,2
|
8,0
|
2,7
|
5,5
|
9,9
|
0,6
|
0,3
|
11,2
|
0,7
|
| Gesamt
|
15,5
|
39,4
|
1,8
|
1,8
|
12,0
|
6,8
|
4,5
|
3,6
|
0,2
|
0,6
|
13,9
|
-0,4
|
|
|
Obwohl
die Wahlergebnisse des Vorjahres noch etwas anderes auszusagen schienen
befand sich die SPD außerhalb der Kreisstadt auch ohne das
Vorhandensein einer politisch ins Gewicht fallenden NSDAP schon
Ende 1929 in der politischen Defensive. Ein Teil der Bevölkerung
des Kreises Bernburg war zu diesem Zeitpunkt schon wieder auf den
Stand des Kaiserreichs zurückgeworfen worden, das eine freie
politische Meinungsäußerung nicht zugelassen hatte. Der
Güstener Holzhausfabrikant und Stahlhelm-Ortsgruppenführer
Lohmüller 'überzeugte' z. B. im Dezember 1929 die bei
ihm beschäftigten Arbeiter von der Notwendigkeit des Besuchs
einer Anti-Young-Plan-Versammlung.[127]
Auch ein in der sozialdemokratischen Zeitschrift "Das Freie
Wort" veröffentlichter Bericht aus dem Nachbarkreis Köthen
dürfte durchaus Gültigkeit für die Verhältnisse
im Kreis Bernburg beanspruchen:
"Landarbeiter im Joch! Die Einzeichnungen zum Volksbegehren
[gegen den Young-Plan] auf dem Lande sind in viel größerem
Umfang unter Zwang erfolgt, als selbst die Zahl der ungültigen
Stimmen vermuten läßt. Auch hier in Mitteldeutschland
war das Hauptwerbemittel für Hugenbergs Volksentscheid die
Drohung mit der Entlassung. Und davor zittert der Landarbeiter;
denn er hat meistens einen Schein unterschrieben, durch den er sich
selbst aus der Arbeitslosenversicherung herausgebracht hat."[128]
So
findet sich denn auch unmittelbar vor dem Volksentscheid gegen den
Young-Plan in der "Volkswacht" folgender Aufruf:
"Wen
Terror zwingt, wer bestimmt damit zu rechnen hat, daß
wirtschaftlich starke Elemente so gewissenlos sein werden,
ihm unerträgliche wirtschaftliche Schädigung zuzufügen,
falls er sich am 22. Dezember nicht an der Abstimmung über
das 'deutsche' Volksbegehren beteiligt, der macht den Stimmzettel
ungültig! [...] Keine Stimme den Hugenbergern!"[129]
|
Die
NSDAP konnte während des Jahres 1930 ihre Mitgliedschaft verdoppeln.
Sind per Ende Dezember 1929 im Untersuchungsgebiet 87 registrierte
Mitglieder nachweisbar - was in etwa wieder dem Mitgliederstand
des Jahres 1925 entsprach - so waren es ein Jahr später bereits
192.[130] Diese Steigerung
vollzog sich relativ gleichmäßig. Zwar ist zum 1. September
1930 - also im unmittelbaren Reichstagswahlkampf - eine deutliche
Häufung von Eintritten festzustellen, doch fielen dafür
in den beiden Monaten davor und danach die Eintrittszahlen schwächer
aus. Es trat also unter dem Eindruck der Zuspitzung im Reichstagswahlkampf
niemand ein, der nicht auch sonst eingetreten wäre.[131]
Der entscheidende Impuls der Radikalisierung ging von Bernburg aus.
Waren unter den Mitgliedern Ende 1929 erst 49 % Bernburger (und
ein weiteres Viertel Aderstedter), so kamen von den während
des Jahres 1930 im Untersuchungsgebiet Eintretenden bereits 71 %
aus der Kreisstadt. Gleichzeitig gewann die Partei aber auch immer
mehr Positionen im ländlichen Raum; für elf weitere Orte
sind Eintritte registriert.
1931 stieg die NSDAP-Mitgliedschaft im Kreis Bernburg weiter; es
konnten im Untersuchungsgebiet 242 Personen mit Neu- bzw. Wiedereintritten
nachgewiesen werden.[132]
Die Partei wuchs jetzt ins Territorium hinein: Waren 1930 noch 71
% der Eintritte in Bernburg erfolgt, so sind 1931 der Kreisstadt
nur noch 44 % der Neueintritte zuzuschreiben. Der Rest verteilt
sich auf die Kleinstädte und Dörfer des Landkreises, wo
im Vorfeld der Kommunalwahlen im Herbst 1931 einige Ortsgruppen
gegründet wurden.
Zur schnellen Ausbreitung der NSDAP in der Kreisstadt Bernburg 1930/31
dürfte die kleinstädtische Siedlungsweise entscheidend
beigetragen haben. Anders als in Großstädten wohnten
die Aktivisten der politischen Lager eng beieinander, im Einzelfall
sogar im selben Haus. Zwar war der Süden der Stadt - wie für
1931 anhand der Wohnstraßen der Stadtverordnetenkandidaten
und der Zustimmungsunterschriften Leistenden festzustellen ist -
deutlich stärker von Aktivisten der SPD und der KPD bewohnt
und das Stadtzentrum sowie dessen westliche Erweiterung mehr ein
Einflussgebiet der "bürgerlichen" Parteien, doch
eine Konstituierung politisch 'reiner' Wohn- bzw. Quartiersmilieus
erfolgte nicht. Selbst in den Gebieten, in denen die Dominanz eines
Lagers am weitesten fortgeschritten war - für das "sozialistische"
Lager das von Grönaer und Hallescher Straße gebildete
Dreieck südlich des Waisenhausplatzes, für das "nationale"
Lager das Karree Annenstraße-Kaiserstraße-Schloß-Saale
- wohnten jeweils auch Aktivisten der Gegenseite. Eine eindeutige
Konzentration auf bestimmte Quartiere ist von daher auch für
die NSDAP nicht festzustellen.
| 4.2
Struktur der Mitgliedschaft und Platz der NSDAP im Parteiensystem |
Die
Mitgliederzahl der NSDAP erscheint, gemessen an der größten
Partei im Gebiet, der SPD, und auch gemessen an dem in der Reichstagswahl
1930 aktivierten Wählerpotential als sehr gering; auf ein SPD-Mitglied
entfielen sechs Wähler, auf ein NSDAP-Mitglied 36.[133]
Insgesamt ist diese Mitglieder-Wähler-Relation jedoch typisch
für eine radikale Partei in der Aufstiegsphase. Die NSDAP des
Jahres 1930 kann als fast vollständig aus Aktivisten bestehend
angesehen werden, während im Gegensatz dazu der größere
Teil der SPD-Mitglieder als eher inaktiv einzuschätzen ist.[134]
Diese nationalsozialistischen Parteiaktivisten waren die Meinungsmultiplikatoren,
mit deren Wirken sich in erster Linie der Wahlerfolg des 15. September
1930 verband. Eine Analyse dieser Personengruppe ermöglicht
es, den "Explosionsherd" resp. jene Schichten zu finden,
von denen die Radikalisierung im "nationalen" Lager 1930/31
ausging.
In einer ersten Draufsicht weist sich die NSDAP-Mitgliedschaft jener
Jahre (fast) durchgängig als männlich und protestantisch
aus. Geschlecht und Konfession scheiden daher als Merkmale, mit
denen die Mitgliedschaft gegenüber der Durchschnittsbevölkerung
zu differenzieren wäre, aus. Angesichts der Tatsache, dass
es sich bei der NSDAP um eine radikale Partei im Aufstieg handelte,
überrascht es nicht, sie im Kreis Bernburg als eine fast reine
Männerpartei vorzufinden. Nur 4,6 % der Ende 1929 vorhandenen
Mitglieder und 2,5 % bzw. 2,1 % der 1930 bzw. 1931 Eintretenden
waren Frauen.[135] Auch
nicht überraschend ist - angesichts eines Protestantenanteils
unter der Bevölkerung von etwa neun Zehnteln - das Fehlen von
Hinweisen auf eine nennenswerte Mitgliedschaft von Katholiken.[136]
Eine eindeutige Eingrenzung des "Explosionsherdes" 1930/31
gestattet hingegen die Analyse der Altersstruktur der Mitgliedschaft.
Die altersmäßige Zusammensetzung stellt den Schlüssel
zum Verständnis der NSDAP vor 1933 dar. Mit einem Durchschnittsalter
von 32 Jahren unter allen Mitgliedern Ende 1929, von 30 Jahren unter
den 1930 Eintretenden und von 33 Jahren unter den Eintretenden 1931
war die NSDAP relativ jugendlich und in dieser Jugendlichkeit -
wie anderswo auch - nur mit der KPD zu vergleichen.[137]
Den beiden Geburtsjahrzehnten von 1893 bis 1912 entstammten von
den 1929er Mitgliedern 75 %, von den 1930 bzw. 1931 Neueintretenden
81 % bzw. 69 %, wobei die größte Verdichtung der Mitgliedschaft
unter den Geburtsjahrgängen von 1901 bis 1910 anzutreffen war.
Diesen zehn Jahrgängen gehörten 53 % der Mitglieder Ende
1929, sowie 43 % bzw. 40 % der Neueintretenden 1930 bzw. 1931 an.[138]
Die Geburtsjahrgänge 1893 bis 1912, aus denen die NSDAP ihren
Mitgliederkern rekrutierte, umfassten 45 % aller männlichen
Einwohner im Kreis (1933).[139]
Somit lieferte die Existenz dieser geburtenstarken Jahrgänge
den "Sprengstoff" für die "Explosion" in
den Jahren 1930/31. Es ist davon auszugehen, dass die innergenerationelle
Kommunikation die Ausprägung der spezifischen Altersstruktur
der NSDAP in diesen Jahren und ihre nachfolgende schnelle Ausbreitung
innerhalb des "bürgerlichen" Lagers zumindest begünstigt
hat. Ihr kam noch vor der nationalsozialistischen Versammlungsaktivität
die größere Bedeutung für den Aufstieg der NSDAP
zu.[140]
Im Vergleich der verschiedenen unter der Mitgliedschaft vertretenen
Berufsgruppen zeigen sich weitere Verjüngungen auf der proletarischen
Seite der Mitgliedschaft. Die geschlossene Jugendlichkeit der Mitglieder
aus handwerklich ausgebildeten Facharbeitergruppen, denen zudem
eine gewisse Exklusivität zu eigen war, wie Schlosser, Schmiede,
Dreher, Tischler, Bildhauer, Elektriker, Kraftfahrer und Autoschlosser,
überstieg die vorerwähnten Durchschnittswerte noch erheblich.[141]
Auf der "bürgerlichen" Seite der Mitgliedschaft waren
von dieser Auffälligkeit nur einzelne Berufsgruppen betroffen,
so im Jahre 1930 die kaufmännischen Angestellten, Ingenieure
und restlichen Angestellten (Laborant, Gutsbeamter, Landmesser,
Betriebsleiter, Bauführer, Krankenwärter, Zahntechniker,
Steiger) sowie Kleinfabrikanten und Ärzte. Relativ schwach
in den Geburtsjahrgängen 1901 bis 1910 vertreten waren dagegen
v. a. Landwirte und Gutsbesitzer, selbständige Handwerks- und
Gewerbetreibende sowie Angestellte/Beamte des öffentlichen
Dienstes, wobei hier zumindest für die ersten beiden Gruppen
in Rechnung zu stellen ist, dass diese Berufe in der Regel nicht
schon mit 19 Jahren (Geburtsjahrgang 1910) ausgeübt wurden.
Unter den Eintretenden des Jahres 1931 zeigt sich über alle
Arbeitergruppen hinweg (mit Ausnahme der Arbeiter im öffentlichen
Dienst) eine noch stärkere Präsenz der proletarischen
Mitglieder in den Geburtsjahrgängen 1893 bis 1912 und 1901
bis 1910.[142] In gleichem
Maße jugendlich waren auf der "bürgerlichen"
Seite in diesem Jahre lediglich die landwirtschaftlichen Angestellten.
Die noch größere Jugendlichkeit der proletarischen Mitglieder
ist im Zusammenhang mit den kürzeren Ausbildungszeiten zu sehen;
Arbeiter wurden dadurch früher mit dem Arbeitsmarkt konfrontiert,
früher wirtschaftlich selbständig und folgerichtig auch
politisch eher mündig. Die Resonanz auf die NSDAP unter jungen
Facharbeitern korrespondierte zudem zumindest zum Teil mit einem
Rückgang des Einflusses der SPD unter diesen Personengruppen.[143]
Hinsichtlich
des Berufsprofils der Mitgliedschaft hatte die NSDAP ihren Platz
an der Grenzlinie der beiden relativ stark gegeneinander abgeschotteten
politischen Lager, des "sozialistischen"/"proletarischen"
und des "nationalen"/"bürgerlichen" Lagers.
Doch - und das ist sehr bedeutsam - sie entstand zumindest in Bernburg
auf der "nationalen" Seite der Lagergrenze, eine andere
Interpretation lassen das vorstehend dargestellte Wahlergebnis der
Reichstagswahlen 1930 und auch die nachfolgend dargestellten Mitgliederverhältnisse
der Bernburger Parteien nicht zu. Im Landkreis gelang es ihr unter
der Vorbedingung nicht so scharf gezogener Lagergrenzen eher als
in Bernburg, Wähler und eventuell auch Mitglieder aus dem "sozialistischen"
Lager zu gewinnen. Die Positionierung an der Lagergrenze erklärt
denn auch zum Teil die hohe Wachstumsgeschwindigkeit schon vor 1933;
sie konnte sich - wenn auch mit unterschiedlicher Intensität
- in zwei Richtungen gleichzeitig ausbreiten.
Im Regelfall lässt sich eine solche interpretative Einordnung
der NSDAP in die Parteienlandschaft deshalb nicht belegen, weil
es nicht gelingt, ausreichende Belege für die Zusammensetzung
der restlichen Parteien zu erbringen. Das ist auch für Bernburg
der Fall, doch ist es möglich, anhand der überlieferten
Kandidatenlisten zur Stadtverordnetenwahl im Herbst 1931 und der
Zustimmungsunterschriften zu den einzelnen Wahlvorschlägen
leistenden Personen die beschriebene Quellenlücke zu füllen.
Somit lässt sich der Kreis der jeweiligen Parteiaktivisten
im Herbst 1931 hinreichend beschreiben. Unterstellt werden muss
jedoch, dass sich die Verhältnisse in der Gesamtmitgliedschaft
der Parteien im groben Rahmen jeweils so verhielten, wie unter den
hier erfassten Parteiaktivisten und Unterstützern. Im Falle
der NSDAP ist eine Überprüfung möglich, die nur geringe
Abweichungen ergibt; für die anderen Parteien muss es bei der
Annahme bleiben.
Der Vergleich der Kandidatenlisten und Zustimmungsunterschriften
in Bernburg 1931 präsentiert sich die NSDAP in einer Mittelstellung,
wie sie schon anhand der Wahlergebnisse seit 1924 zu vermuten war.
Sie stand nicht nur in einer summarischen Betrachtung, sondern auch
im detaillierten Nachvollzug sozialstrukturell an der Grenzlinie
der beiden überkommenen politischen Lager. Unter den acht zur
Bernburger Stadtverordnetenwahl im Herbst 1931 aufgestellten Listen
kann unter formalen sozialstatistischen Kriterien - aber eben nur
nach diesen ! - lediglich die "Katholische Gemeinde" (d.
h. die Zentrumspartei) den Charakter einer allumfassenden "Volkspartei"
für sich beanspruchen. Die innere Strukturierung ihrer Aktivisten
bildete die Relation der Bevölkerungs-Großgruppen fast
spiegelbildlich ab. Das erstaunt insofern nur wenig, als soziale
Statuszuweisungen für das Bekenntnis zu dieser anderswo ein
eigenes politisches Lager bildenden Partei nur eine untergeordnete
Rolle gespielt haben dürften. Die Anordnung der übrigen
sieben Parteien nach dem durchschnittlichen sozialen Status der
auf ihren Listen vertretenen Kandidaten sowie der für diese
Listen Zustimmungsunterschriften leistenden Personen zeigt in aufsteigender
Linie von "niedrigem" bis "hohem" Sozialstatus
zwei Arbeiterparteien (KPD und SPD)[144],
drei Parteien des neuen Mittelstandes (NSDAP, "Bürgerliste"
- d. h. DVP - und Deutsche Staatspartei), eine Partei des alten
Mittelstandes ( "Mittelstandsvereinigung" - d. h. Wirtschaftspartei)
und eine Partei, die von altem Mittelstand und Oberschicht geprägt
wurde ("Nationale Liste" - d. h. DNVP).[145]
|
Soziale
Zusammensetzung der Kandidaten und Zustimmungsunterschriften
Leistenden zur Stadtverordnetenwahl in Bernburg 1931 (in %)[146]
|
|
|
KPD
|
SPD
|
NSDAP
[147] |
DVP
[Bür- ger- liste] |
Deut-
sche Staats- partei |
DNVP
[Natio- nale Liste] |
Wirt-
schafts- partei [Mittel- stands- vereinig.] |
Zentrums-
partei [Katho- lische Gemein- de] |
Bevölke-
rungsanteil 1933 (ml.Erwerbstätige und Erwerbslose)
[148] |
| 1-9:
Arbeiter gesamt |
98
|
86
|
37
|
2
|
10
|
21
|
15
|
64
|
64
|
| 1
Landarbeiter |
6
|
0
|
0
|
0
|
0
|
3
|
2
|
2
|
|
| 2
ungelernte Arbeiter |
55
|
33
|
13
|
0
|
0
|
6
|
0
|
19
|
| 3
Hausangestellte |
0
|
0
|
0
|
0
|
0
|
6
|
0
|
0
|
| 4-9
Facharbeiter und
Angelernte gesamt |
37
|
52
|
24
|
2
|
10
|
6
|
12
|
43
|
| 4
Metallfacharbeiter und
-angelernte |
16
|
26
|
9
|
0
|
6
|
3
|
5
|
15
|
| 5
Bau- und Holz-facharbeiter
und -angelernte |
10
|
10
|
1
|
0
|
0
|
0
|
0
|
8
|
| 6
Facharbeiter und Angelernte
des polygraphischen Gewerbes |
0
|
1
|
0
|
0
|
0
|
3
|
0
|
0
|
| 7
Bergleute |
0
|
4
|
1
|
0
|
0
|
0
|
2
|
0
|
| 8
andere Facharbeiter |
12
|
11
|
11
|
2
|
0
|
0
|
2
|
17
|
| 9
Arbeiter im öffentlichen Dienst |
0
|
1
|
1
|
0
|
3
|
0
|
2
|
4
|
| 10-15
Angestellte gesamt |
2
|
13
|
50
|
71
|
68
|
21
|
17
|
25
|
23
|
| 10
kaufmännische Angestellte
und Handlungsgehilfen |
2
|
1
|
30
|
38
|
13
|
3
|
10
|
8
|
|
| 11
Lehrer |
0
|
0
|
0
|
2
|
39
|
6
|
0
|
2
|
| 12
Angestellte und Beamte
öffentlicher Dienst (außer
Lehrer) |
0
|
4
|
5
|
29
|
13
|
3
|
7
|
6
|
| 13
landwirtschaftliche Angestellte |
0
|
0
|
0
|
0
|
0
|
0
|
0
|
0
|
| 14
Werkmeister |
0
|
0
|
0
|
2
|
3
|
3
|
0
|
4
|
| 15
andere Angestellte |
0
|
8
|
14
|
0
|
0
|
6
|
0
|
6
|
| 16-19
Selbständige gesamt |
0
|
1
|
13
|
26
|
23
|
55
|
68
|
11
|
13
|
| 16
Handwerk und Gewerbe |
0
|
0
|
12
|
17
|
16
|
39
|
66
|
8
|
|
| 17
Fabrikbesitzer und
Direktoren |
0
|
0
|
0
|
7
|
3
|
6
|
2
|
2
|
| 18
Landwirte und Gutsbesitzer |
0
|
0
|
0
|
0
|
0
|
0
|
0
|
0
|
| 19
freie Berufe |
0
|
1
|
1
|
2
|
3
|
9
|
0
|
2
|
| 20
Schüler und Studenten |
0
|
0
|
0
|
0
|
0
|
3
|
0
|
0
|
| Summe
1-20 |
100
|
100
|
100
|
100
|
100
|
100
|
100
|
100
|
100
|
| absolut
|
51
|
84
|
76
|
42
|
31
|
33
|
41
|
53
|
---
|
|
|
Die
NSDAP bildete in Bernburg 1931 den "Brückenkopf"
des "bürgerlichen" Lagers direkt gegenüber der
SPD und half somit, die Lagergrenze weiter in das bisherige 'Territorium'
des Feindes hinein zu verschieben. Ihre Schnittstellenfunktion zwischen
SPD und DVP dokumentiert sich an den Arbeiter- und Angestelltenanteilen
auf den jeweiligen Listen. Hatte die SPD 86 % Arbeiter aufzuweisen,
so waren es bei der NSDAP 37 % und bei der DVP 2%. Anders im Sektor
der Angestellten und Beamten: 13 % bei der SPD, 50 % bei der NSDAP
und 71 % bei der DVP. Hinzuweisen ist außerdem darauf, dass
bei der NSDAP sich die Relation von Facharbeitern/Angelernten zu
Ungelernten sich noch etwas günstiger als bei der SPD gestaltete
und die NSDAP tendenziell ihre Arbeiter-Aktivisten stärker
aus anderen Facharbeitergruppen bezog als die SPD, insbesondere
aus solchen nichtindustrieller Ausrichtung.[149]
Angesichts der ins Höchstmaß gesteigerten Feindschaft
nach links kann von einer Erosion der bestehenden Lagergrenze trotz
der sozialstrukturellen Schnittstellenfunktion der NSDAP zwischen
SPD und DVP nicht die Rede sein.
Sozialstrukturell am ähnlichsten war der NSDAP zudem die "Bürgerliste",
d.h. die DVP. Das dokumentiert sich nicht nur in einer Angestellten-
und Beamten-Mehrheit, die es im übrigen auch noch bei der Deutschen
Staatspartei gab, sondern in erster Linie darin, dass bei beiden
Parteien die kaufmännischen Angestellten die numerisch dominierende
Gruppe bildeten.[150] Auch
die Deutsche Staatspartei hatte noch gewisse sozialstrukturelle
Ähnlichkeiten zur NSDAP aufzuweisen. Beide "liberale"
Parteien wurden zudem in starkem Maße auch von sozialen Gruppen
getragen, die zu diesem Zeitpunkt unter den hier erfassten Aktivisten
der NSDAP noch relativ schwach vertreten waren (Angestellte und
Beamte des öffentlichen Dienstes bei der DVP, Lehrer bei der
Staatspartei), andererseits aber in bedeutendem Maße für
die Eintrittswelle in den Jahren 1932/33 verantwortlich zeichnen
sollten.[151] Offensichtlich
hat die NSDAP vor allem im Generationenübergang das Erbe der
liberalen Parteien übernommen und mehrheitlich Personen an
sich angezogen, die selbst oder deren Eltern unmittelbar nach der
Novemberrevolution Parteigänger der Deutschen Demokratischen
Partei und später der Deutschen Volkspartei waren. Die massive
Option für die NSDAP anfangs der 30er Jahre erscheint so in
erster Linie als Umorientierung des in seiner Mehrheit über
keine traditionelle Loyalitätsbindung an eine Partei verfügenden
"neuen Mittelstandes", also hauptsächlich der Angestellten
und Beamten.[152] In diese
Umorientierung waren augenscheinlich auch Personen sozial benachbarter
Schichten durch Kommunikationszusammenhänge wie Arbeitsplatz,
Verwandtschaft, früheren gemeinsamen Schulbesuch und gemeinsame
Freizeitaktivitäten eingebunden, die subjektiv ihre soziale
Lage als gleichartig einschätzten.
Die NSDAP begann ihren Siegeszug unter den zahlenmäßig
den größeren Teil des "nationalen" Lagers stellenden
unteren Angestellten und Beamten. Ihre Besonderheit lag jedoch darin,
dass sie in schneller Folge bis 1933 alle Sozialschichten, die mehrheitlich
dem "nationalen" politischen Lager zuzurechnen waren,
dominieren konnte, während die Arbeiterschaft und die Katholiken
nur an der Peripherie erfasst wurden.
Es handelt sich bei der für Bernburg 1931 festgestellten Zwischenstellung
der NSDAP an der politischen Lagergrenze um keinen Zufallsbefund;
sondern um den auch in weiteren Orten des Untersuchungsgebietes
festzustellenden Normalzustand. So finden sich in Aderstedt vor
den Toren Bernburgs bei der gleichen Gemeinderatswahl 1931 analoge
Verhältnisse. Der Arbeiteranteil unter den Kandidaten lag bei
100 % im "sozialistischen" Lager, 40 % bei der NSDAP und
14 % im restlichen "nationalen" Lager.[153]
Auch unter den Güstener Gemeinderatskandidaten waren gleiche
Relationen vorzufinden: 86 % Arbeiter im "sozialistischen"
Lager, 25 % bei der NSDAP, 16 % auf den Listen des "nationalen"
Lagers. In Güsten hatte die NSDAP außerdem mit 63 % den
höchsten Angestelltenanteil aller Listen aufzuweisen.[154]
Einzig die Stadtverordnetenkandidaten und Zustimmungsunterschriften
Leistenden in Hecklingen folgen nicht diesem Muster. Zwar bestätigt
sich in der Kategorie der Selbständigen auch hier die Zwischenstellung
der NSDAP; im "sozialistischen" Lager gab es einen Selbständigenanteil
von 3 %, in der NSDAP von 23 % und im restlichen "nationalen"
Lager von 45 %, doch ordnete sich die NSDAP, was den Arbeiter- und
den Angestelltenanteil angeht, zwischen KPD und SPD ein. Allerdings
bezog die NSDAP ihre Arbeitermitglieder vor allem aus den Reihen
der Landarbeiter und der handwerklichen Facharbeiter, während
SPD und KPD ihren eindeutigen Schwerpunkt bei ungelernten Arbeitern
und Metallfacharbeitern hatten, so dass sich hier eine Entgegensetzung
von im Orte beschäftigten Arbeitern (NSDAP) und in das nahe
Staßfurt-Leopoldshall auspendelnden Arbeitern und Angestellten
(SPD und KPD) andeutet.[155]
Die Verhältnisse in den kleineren Orten des Landkreises sind
durch die geringere Ausprägung von Partei- und Milieustrukturen
und die Praxis der Aufstellung von "bürgerlichen"
Einheitslisten nicht in einer solchen Eindeutigkeit aufzuklären
wie hier für Bernburg, Aderstedt, Güsten und Hecklingen
geschehen. Insgesamt konnte die NSDAP im Herbst 1931 erst in neun
von 34 Wahlorten des Kreises Bernburg eigenständige Kandidatenlisten
präsentieren. Die relative Schwäche der NSDAP außerhalb
der Kreisstadt erklärt sich einerseits aus einer allgemein
geringeren Organisationsneigung ländlicher Bevölkerung,
andererseits aber augenscheinlich auch aus der geringeren Präsenz
spezifischer - zumeist städtisch angesiedelter - Trägerschichten
der Partei. Für Sandersleben z. B. ist überliefert, dass
die NSDAP-Ortsgruppe erst wenige Tage vor der Wahl im Oktober 1931
gebildet worden war und sich aufgrund ihrer personellen Schwäche
nicht in der Lage sah, eine eigene Liste aufzustellen.[156]
Die
Sozialstruktur der NSDAP im gesamten Untersuchungsgebiet deckt sich
im wesentlichen mit den für die Bernburger Stadtverordnetenwahlen
1931 vorgestellten Angaben für die Parteiaktivisten. Ende 1929
betrug der Anteil der Angestellten und Beamten an der Parteimitgliedschaft
insgesamt 48 %, sank dann jedoch unter den Neueintritten 1930 und
1931 auf 41 % bzw. 36%. Der Arbeiteranteil hingegen stieg von 40
% unter allen Mitgliedern Ende 1929 auf 46 % unter den Neueintritten
1930, um dann wieder auf 40 % unter den Neueintritten 1931 abzufallen.
Die restlichen Mitglieder verteilen sich auf Selbständige aller
Art, v. a. Handwerksmeister, Kleinfabrikanten und selbständige
Kaufleute, sowie Schüler und Studenten. Auch für den im
Zeitraum 1929 bis 1931 vorliegenden Höchststand proletarischer
Einfärbung der Partei ist somit eine "bürgerliche"
Parteimehrheit zu konstatieren.
Bei näherer Untersuchung erweist es sich, dass die willkürliche
Grenzziehung zwischen den (versicherungsrechtlich definierten) Großgruppen
Arbeiter und Angestellte/Beamte eher geeignet ist, den Blick für
die Gemeinsamkeiten der NSDAP-Mitgliedschaft zu verstellen. Immerhin
stellten in der Summe Facharbeiter und Angestellte/Beamte jeweils
genau zwei Drittel der 1930 und 1931 Eintretenden, unter den Ende
1929 vorhandenen Mitgliedern waren es sogar drei Viertel. Auf der
proletarischen Seite hat es den Anschein, als wenn es in erster
Linie Arbeiter mit handwerklicher Ausbildung aus Klein- und Mittelbetrieben,
also "untypische" Arbeiter waren, die der NSDAP angehörten.
Oftmals kam ihnen auch eine gewisse Exklusivität zu (Elektriker,
Autoschlosser, Kraftfahrer). Bei einigen besteht zudem der Verdacht
bzw. ist nachgewiesen, dass sie späterhin selbständige
Handwerksbetriebe führten. Weiterhin sind bestimmte Facharbeiter-Berufsgruppen
nur sehr gering vertreten (Bergleute, Maurer) oder fehlen ganz (Druckereiberufe,
Facharbeiter und Angelernte der Produktionsbereiche in der Chemischen
Industrie). Zwei der insgesamt elf Schlosser des Jahres 1930 sind
späterhin als Lokführer bzw. Reservelokführer registriert.
Auch bei den als Landarbeiter in der Statistik aufgeführten
Mitgliedern handelt es sich in der Regel nicht um einfache Landarbeiter,
sondern mehrheitlich um solche etwas herausgehobener Funktionen
(Geschirrführer, Gärtner, Bereiter, Schafmeister) oder
um "landwirtschaftliche Gehilfen", d. h. in der Familienwirtschaft
beschäftigte Söhne von Landwirten.
Die erstellte Statistik berücksichtigt zudem nur den momentanen
beruflichen Status, nicht aber den beruflichen Entwicklungsgang.
Insbesondere auf der proletarischen Seite der Mitgliedschaft gab
es jedoch einige Mitglieder mit deutlich ausgeprägten wechselhaften
Erwerbsbiographien. Beispielhaft dafür soll Otto Tauchmann
aus Bernburg, geboren 1893, stehen. Tauchmann trat der nationalsozialistischen
Bewegung spätestens 1924 bei und war Kandidat des Völkisch-Sozialen
Freiheitsblocks in der Landtagswahl vom Juni 1924. Zu dieser Zeit
gab er an, Arbeiter zu sein. 1925 zählte er zur Oppositionsgruppe
des Dr. Tesch. Da diese Gruppe nicht anerkannt wurde bedurfte es
eines erneuten (erfolgreichen) Eintrittsversuchs im August 1926.
Die Mitgliederkartei vermerkte ihn anlässlich dieses Eintritts
als "Boten". Nach einem Austritt im April 1929 erfolgte
ein Wiedereintritt zum Jahresbeginn 1930 und bald darauf ein Ausschluss
zum 1.6.1930. In dieser Zeit und in den nächsten Jahren firmierte
er als "Handelsmann". Bei seinem Wiedereintritt 1940 schließlich
gab er als Beruf "Helfer" an.
Die sich in den Parteiein- und -austritten Tauchmanns dokumentierende
Diskontinuierlichkeit in der Zugehörigkeit zur Partei war durchaus
ein allgemeines Kennzeichen der Jahre vor 1933. Von den 118 für
das Jahr 1930 nachgewiesenen neueingetretenen Mitgliedern konnten
für 18 vorherige Mitgliedschaften und für 34 ein späterer
Austritt, Ausschluss bzw. eine Streichung sowie für 25 von
den letzteren ein noch späterer Wiedereintritt nachgewiesen
werden.[157]
| 4.3
Eintrittsmotivationen |
Angesichts
der über lange Zeit geringen gesellschaftlichen Akzeptanz der
NSDAP auch in "bürgerlichen" Kreisen stellt sich
die Frage, was den Massenzulauf in sehr kurzen Zeiträumen auslöste.
Eine monokausale Antwort darauf gibt es nicht, vielmehr scheint
nicht nur ein Weg zur NSDAP geführt zu haben.
Eintritte während der Reorganisationsperiode von 1929 bis einschließlich
1931 waren vorwiegend ideologisch fundiert, wobei die Empfänglichkeit
für nationalsozialistische Ideologie mit einer bestimmten Lebenslage
stark zunahm. Als Elemente dieser Lebenslage schälen sich heraus:
ein Geburtsjahrgang in den beiden Jahrzehnten vor und nach der Jahrhundertwende,
eine Herkunftsfamilie ohne Affinität zur sozialdemokratischen
oder kommunistischen Arbeiterbewegung, ein Mittelschul- oder Realgymnasiumsbesuch,
ein kleinstädtisches Lebensumfeld, eine berufliche Tätigkeit
als unterer bis mittlerer Angestellter oder handwerklich-nichtindustrieller
Facharbeiter vorwiegend in Klein- oder Mittelbetrieben und ein Jahreseinkommen
vor der Weltwirtschaftskrise zwischen 1.200 und 1.500 Mark.[158]
Jenseits dieser objektivierbaren Faktoren der Lebenslage sind für
eine frühe Affinität zur NSDAP auch Faktoren der Persönlichkeitsstruktur
und der Biographie verantwortlich. Hierunter fallen eine bereits
länger andauernde Organisierung im völkischen Umfeld oder
in der "bürgerlichen" Jugendbewegung, eine eventuelle
Beteiligung an Freikorps-Aktionen in der Nachkriegskrise, eine durch
ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis geprägte Persönlichkeit,
eine deutliche Aufstiegsorientierung bei gleichzeitiger Wahrscheinlichkeit
des dauerhaften gesellschaftlichen Abstiegs gegenüber der Vätergeneration,
die Erfahrung von gravierenden Zurücksetzungen im bisherigen
biographischen Verlauf und - vor allen anderen Faktoren am bedeutsamsten
- eine auch jenseits von eventuell bestehender eigener Arbeitslosigkeit
subjektiv wahrgenommene akute soziale Unsicherheit infolge der einsetzenden
Weltwirtschaftskrise.[159]
Keiner der Nationalsozialisten der Jahre 1930/31 wird alle diese
Merkmale auf sich vereinigt haben. Doch je mehr von ihnen auf eine
Person zutrafen, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit
einer NSDAP-Mitgliedschaft anzusetzen. Im übrigen gelten, bezogen
auf eine bloße Anhängerschaft zum Nationalsozialismus,
diese Merkmale analog auch für die von einer Mitgliedschaft
noch weitestgehend ferngehaltenen Frauen.
Die beschriebene, für eine NSDAP-Mitgliedschaft prädestinierende
Lebenslage war vor allem bei Angestellten und Beamten anzutreffen.
Die Angestelltenschaft war die einzige Beschäftigtengruppe
in Deutschland, die im Gefolge weiter fortschreitender betrieblicher
Arbeitsteilung noch einen erheblichen reellen Zuwachs verbuchen
konnte, insgesamt hatte sich ihre absolute Zahl in Deutschland in
weniger als einer Generation mehr als verdoppelt.[160]
Gleichzeitig büßte der Angestelltenberuf dadurch, dass
er zum Massenberuf geworden war, seine Exklusivität ein. Diametral
entgegengesetzt dazu standen die Aufstiegserwartungen der größtenteils
jungen Angehörigen dieser Berufsgruppe. Die Aufstiegsfixierung
dieser Klientel wird anhand der Kandidatenlisten und Zustimmungsunterschriften
der NSDAP und ihrer Vorläufer zu den Stadtverordnetenwahlen
in Bernburg sinnfällig. Bei der Überprüfung der dortigen
Berufsangaben mit Hilfe des Adressbuches stellen sich einige Personen,
die in den Listen sich selbst als "Angestellte" bezeichneten,
im Adressbuch als schlichte Handlungsgehilfen heraus. Auch unter
den "Kaufleuten" war nur der geringere Teil tatsächlich
selbständige Händler.
Ein auf der Kreisseite der "Volkswacht" im Mai 1932 erschienener
Artikel zeigte sich erstaunlich gut über die Motive des NSDAP-Mitgliederkerns
orientiert: "Die jungen Nationalsozialisten sind die aktivsten
und fanatischsten Anbeter des Hakenkreuzes. Sie sind aber auch der
radikalste und am schwersten zu befriedigende Trupp im Gefolge Adolf
Hitlers. Diese jungen Menschen aus zumeist wohlbehüteten
Familien, die nun nicht als Kaufmann oder Bankangestellter, nicht
als Techniker oder Landwirt, nicht als Beamte oder Lehrer eine Existenz
finden können, wurden in ihrer Erregtheit darüber
und in ihrer politischen Unerzogenheit (Schule und Eltern haben
hier völlig versagt) die leichte Beute politischer Abenteurer.
Die Naziapostel haben dieser Jugend alles und jedes Erdenkliche
verheißen: je weniger konkret die Versprechungen waren, desto
stärker ist die stimmungsmäßige Zuneigung. Diese
Jugend will nicht wissen, wie wir aus unserer Not herauskommen,
sie will glauben, nur glauben [! - T.K.] an ein schöneres Reich."[161]
Der Angestellte wünschte sich deutlich vom Arbeiter abzuheben;
die Forderung der Angestelltenverbände in der Weimarer Republik
lautete einhellig dahin, den Angestellten einen "standesgemäßen"
Lebenswandel zu ermöglichen. In der Realität aber war
das in den wenigsten Fällen gewährleistet. Der Angestellte
mochte zwar mehr scheinen wollen als der Arbeiter, tatsächlich
war er ihm aber materiell mehr oder weniger gleichgestellt, er war,
was seine Einkommenssituation anging, letztlich ein Prolet mit weißem
Kragen. Eine für Bernburg 1920 zusammengestellte Einkommensübersicht
zeigt, dass lediglich die höchste Kategorie der gewerblichen
Angestelltenentlohnung keine proletarische Entsprechung mehr kannte.
Insbesondere die hochqualifizierte Metallarbeiterschaft, aber auch
die meistenteils lediglich angelernten und zuvor andere Berufe ausübenden
Fabrikarbeiter der chemischen Industrie ließen in ihren Einkünften
große Teile der Angestelltenschaft weit hinter sich. Zudem
zeigt die Statistik hohe Unterschiede zwischen den verschiedenen
Angestelltenkategorien. Während den "technischen Angestellten"
und mit Abstrichen auch der Kategorie der "Betriebsbeamten,
Werkmeister und ähnlichen Angestellten" von der Einkommensseite
her tatsächlich eine gewisse Exklusivität zukam, konnten
andererseits schon 1920 "kaufmännische Angestellte"
mehrheitlich und "Büroangestellte" sogar fast ausschließlich
lediglich Facharbeiterlöhne der Metallindustrie für sich
beanspruchen.[162]
|
Einkommen
von Angestellten und Arbeitern in der gewerblichen Wirtschaft Bernburgs
1920
(nur männliche Beschäftigte)[163]
|
| Monatsein-
kommen |
Angestellte in % |
innerhalb
der betreffenden Einkommensstufe liegende durchschnittliche Arbeiterlöhne
|
|
Gesamt |
kauf- männi- sche Ang. |
techni- sche Ange- stellte |
Betriebsbe- amte, Werk- meister und ähnliche A. |
Büro- ange- stellte |
|
bis 200 M |
1 |
3 |
0 |
0 |
0 |
Eisen und Metall: Lagerarbeiter (jung) |
|
201 bis 250 M |
1 |
0 |
3 |
1 |
0 |
Eisen und Metall: Hilfsarbeiter, Kernmacher, Gießer, Handarbeiter
für Metall (alle jung), Transportarbeiter |
|
251 bis 300 M |
1 |
2 |
0 |
0 |
0 |
|
|
301 bis 400 M |
4 |
6 |
0 |
4 |
5 |
Baugewerbe: Bauhilfsarbeiter (jung); Eisen und Metall: Schlosser,
Dreher, Schmied (alle jung), Schweißer, Hilfsarbeiter, Maschinenarbeiter
für Holz, Handarbeiter, Dreher; Holzgewerbe: Hilfsarbeiter |
|
401 bis 500 M |
11 |
16 |
5 |
6 |
14 |
Eisen und Metall: Lagerarbeiter, Maler, Former für Eisen u. Stahl
(jung), Schlosser (jung, Stücklohn), Gießer, Fräser,
Schmiede, Hobler; Chemie: Handwerker (jung); Nahrungs- und Genußmittelindustrie
- Müllereien: Speichereiarbeiter, Lagerarbeiter, Kutscher |
|
501 bis 600 M |
13 |
11 |
5 |
12 |
62 |
Eisen und Metall: Kernmacher, Mechaniker, Schmelzer, Maschinenwärter,
Gußputzer (auch im Stücklohn), Schlosser (auch im Stücklohn),
Bohrer (auch im Stücklohn), Handarbeiter für Holz, Handarbeiter
im Stücklohn, Werkzeugmacher, Tischler, Former für Rot-
und Gelbguß, Tischler, Schleifer (alle im Stücklohn); Chemie:
Fabrikarbeiter (auch im Stücklohn) |
|
601 bis 750 M |
26 |
29 |
15 |
27 |
14 |
Holzgewerbe: Maschinenarbeiter; Eisen und Metall: Monteure, Klempner
(beide auch im Stücklohn), Dreher, Handarbeiter für Holz,
Kernmacher, Former für Rot- und Gelbguß, Tischler, Schleifer
(alle im Stücklohn); Chemie: Fabrikarbeiter (auch im Stücklohn)
|
|
751 bis 1.000 M |
31 |
24 |
47 |
36 |
5 |
Baugewerbe: Poliere; Holzgewerbe: Tischler, Polierer (beide im Stücklohn);
Chemie: Handwerker im Stücklohn |
| über
1.000 M |
12 |
8 |
26 |
14 |
0 |
|
Die
Chance des Angestellten auf eine "standesgemäße"
Abhebung von der Arbeiterschaft lag nur im allmählichen Aufstieg
im Betrieb und in der in den Tarifverträgen festgelegten steigenden
Vergütung mit zunehmendem Lebensalter. Beides wurde aber schon
vor der Weltwirtschaftskrise immer unwahrscheinlicher. Zum einen
gab es in der Industrie wie auch im Handel immer weniger Aufstiegspositionen,
zum anderen begannen die Betriebe, Angestelltenpositionen wegzurationalisieren
und nur noch befristete Einstellungen vorzunehmen. Schon vor dem
"Schwarzen Freitag" 1929 bestand eine starke Angestelltenarbeitslosigkeit,
die dann sprunghaft zunahm. Die Folge war, dass eine ganze junge
Angestelltengeneration potentiell zu verelenden drohte und - sehr
wichtig - aus Geldmangel einfach keine Familie gründen konnte.
Hans Fallada hat die Lebensumstände dieses unteren Angestelltenmilieus
in seinem 1932 erschienenen Roman "Kleiner Mann - was nun?"
eindringlich geschildert.
Die Angst vor dem sozialen Abstieg, vor der Vereinzelung und dem
Ausgeliefertsein an ein Schicksal, das kaum zu beeinflussen schien,
führte große Teile der Angestelltenschaft - und von ihnen
ausstrahlend auch benachbarter sozialer Schichten - auf der Suche
nach einer positiven Zukunftsgewißheit dahin, die Verantwortung
für das eigene Leben an eine höhere Instanz zu delegieren.
Als diese bot sich die NSDAP und v. a. ihr "Führer"
Adolf Hitler an. Dabei dürfte in den Wahlen bis dahin der größte
Teil der anhaltischen Angestelltenschaft für die liberalen
Parteien votiert haben: 1918/19 für die Deutsche Demokratische
Partei und seit 1920 zur Deutschen Volkspartei überwechselnd,
von der sie seit 1930 zur NSDAP überging. Die liberalen Parteien
hatten den Angestellten schon die "standesgemäße
Lebensführung" nicht ermöglichen könne, als
nun die Arbeitslosigkeit um sich griff orientierten sie sich neu.
Dabei wirkte sich aus, dass die Angestelltenschaft schon von jeher
stark nationalistisch eingestellt war, der die Mehrheit der kaufmännischen
Angestellten repräsentierende Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband
auch stark antisemitisch. Außerdem verfügten die Angestellten
über keine traditionelle politische Loyalitätsbindung
an eine bestimmte Parteirichtung; auch das erleichterte den Übergang
zur NSDAP.
Der unter den kaufmännischen Angestellten tonangebende und
schon in seinem Statut die Aufnahme von Juden ausschließende
Deutschnationale Handlungsgehilfenverband[164]
hatte der nationalsozialistischen Bewegung - wie schon für
die Nachkriegskrise dargestellt - das Bett bereitet. Es verwundert
daher nicht, dass sich einzig unter den in Bernburg im Herbst 1931
neu gewählten elf NSDAP-Stadtverordneten auch zwei DHV-Mitglieder
befanden.[165] In der NSDAP-Gesamtmitgliedschaft
Bernburgs Ende 1931 war immerhin ein Viertel aller Mitglieder kaufmännische
Angestellte.
Die massive Option von Handels- und Buchhaltungsangestellten für
den Nationalsozialismus wird auch auf die Bekanntschafts- und Verwandtschaftskreise
und die dort zu findenden Angestellten und Beamten anderer Berufsfelder
durchgeschlagen haben. Wie die Ergebnisse der Angestelltenversicherungswahlen
ausweisen unterlag die gesamte Angestelltenschaft in der Weimarer
Zeit einem deutlichen Rechtstrend. Herrschte in der Stadt Bernburg
insgesamt noch 1922 Gleichstand zwischen allen drei Gewerkschaftsrichtungen,
so war schon 1927 der sozialdemokratische AfA-Bund eindeutig auf
den letzten Platz verwiesen - und das trotz anzunehmender relativer
Verbesserung der sozialen Lage der Angestellten zumindest der älteren
Jahrgänge in der relativen Stabilisierung.[166]
Der Rechtstrend unter den Angestellten dürfte sich auch nach
1927 weiter fortgesetzt haben. Im Landkreis Bernburg hingegen scheinen
sich die Umschichtungen vorerst zwischen dem liberalen GdA und dem
konservativen Gedag vollzogen zu haben. Aus dem Jahre 1932 sind
dann jedoch verstärkte Eintrittsbewegungen in die GdA-Ortsgruppen
berichtet, die als "Flucht" der Angestellten aus dem AfA-Bund
in den GdA gedeutet werden können.[167]
|
Die Wahl der Vertrauensmänner zur Angestelltenversicherung
in Stadt und Kreis Bernburg 1922 und 1927 (in % der gültigen
Stimmen)[168]
|
|
|
Jahr |
AfA-Bund
|
GdA
|
Gedag |
|
|
|
|
|
|
|
Bernburg |
1922 |
35 |
34 |
31 |
|
|
1927 |
21 |
37 |
42 |
|
|
|
|
|
|
|
Landkreis Bernburg [169] |
1922 [170] |
33 |
44 |
22 |
|
|
1927 |
32 |
32 |
36 |
|
darunter: |
|
|
|
|
|
- Bernburg-Land |
1927 |
17 |
10 |
73 |
|
- Güsten |
1927 |
4 |
52 |
44 |
|
- Nienburg |
1927 |
27 |
38 |
35 |
|
- Sandersleben |
1927 |
52 |
15 |
33 |
|
- Hecklingen |
1927 |
53 |
12
|
35
|
|
Auch
die Kandidatenaufstellung der SPD zu den Gemeinderatswahlen dokumentiert
den beschriebenen Rechtstrend in der Angestelltenschaft. Kamen in
Bernburg, Nienburg, Neundorf und Rathmannsdorf zusammen[171]
1919 noch 26 % aller SPD-Kandidaten aus der Angestelltenschaft,
so ging ihr Anteil schon 1921 auf 22 % zurück, um dann bei
17 % (1924) bzw. 18 % (1927/31) zu stagnieren.
Auch die in der NSDAP sichtbar überproportional vertretenen
nichtindustriell-handwerklichen Arbeiter, die in Teilen der sozialdemokratischen
und kommunistischen Arbeiterbewegung von jeher fern standen, waren
in den Kommunikationszusammenhang der niederen Angestellten- und
Beamtenschaft einbezogen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass in
Teilen der Facharbeiterschaft, insbesondere unter den Metallfacharbeitern
und -Angelernten ein ähnlicher Rechtstrend oder zumindest eine
partielle Abwendung von der sozialistischen Arbeiterbewegung existierte
wie unter den Angestellten. Bis 1927 hatte es eine beständige
Zunahme des Anteils der Metallfacharbeiter und -Angelernten an den
Kandidaten der SPD zu den Gemeinderatswahlen gegeben; in den kontinuierlich
mit Quellen zu belegenden Orten Bernburg, Nienburg, Neundorf und
Rathmannsdorf zusammen 1919 13 %, 1921 16 %, 1924 20 %, 1927 27%.
Im Jahr 1931 jedoch fiel ihr Anteil wieder deutlich auf 20 % zurück.
Es ist davon auszugehen, dass Entwicklungen an der Basis mit einer
gewissen Verzögerung bis in die Parteiorganisationen und die
hier dokumentierte untere Funktionärskategorie 'durchgereicht'
wurden. Inwieweit nun aber Teile der hochqualifizierten Facharbeiterschichten
- für die hier die Metallfacharbeiter exemplarisch stehen -
sich in ihrer politischen Haltung direkt am Beispiel der Angestellten
orientierten, ist angesichts der Unkenntnis über die konkreten
Komunikationszusammenhänge im sozialen und politischen "Grenzgebiet"
kaum zu beurteilen. Zumindest scheint sich aber ihre Bindung an
die sozialdemokratische Partei gelockert zu haben, wenn auch offene
Übergänge zum Gegner schon aufgrund des internen Gruppendrucks
gering blieben.[172]
| 4.3.1
Die "überflüssige Generation": Angestelltenarbeitslosigkeit
in der Weltwirtschaftskrise |
Schon
im vorhergehenden Kapitel konnte exemplarisch für Emma Hentschel
aus der Landeshauptstadt Dessau gezeigt werden, dass die Mitgliedschaft
in der NSDAP zur Kompensation erlittener persönlicher Zurücksetzungen,
Misserfolge, Frustrationen oder dgl. benutzt werden konnte. In Zeiten
wirtschaftlichen Aufschwungs treten diese jedoch kaum hervor und
die Zahl der sich subjektiv als 'Verlierer' verstehenden ist überschaubar,
so dass auch der Zulauf für extremistische Parteien gering
bleibt. Das kennzeichnete die Situation in Bernburg zwischen 1925
und 1929. Die Weltwirtschaftskrise jedoch zerstörte massenhaft
Aufstiegshoffnungen und löste durch Massenarbeitslosigkeit,
Kurzarbeit und Konkurse massenhafte soziale Abstiegsbewegungen aus.
In späteren Befragungen, in erster Linie in den Entnazifizierungsverfahren
nach 1945, wurde seitens der Anfang der 30er Jahre eingetretenen
Parteimitglieder immer wieder die Bedeutung der grassierenden Arbeitslosigkeit
und des damit verbundenen drohenden oder realen sozialen Abstiegs
für diesen Schritt unterstrichen. Man könnte das durchaus
als Versuch der nachträglichen Reinwaschung ansehen, wenn nicht
auch andere zeitgenössische Quellen, die noch nichts von einer
späteren Entnazifizierung wissen konnten, dies bestätigen
würden.
Aus gesamtdeutscher Sicht hat Peukert die zwischen Jahrhundertwende
und Beginn des ersten Weltkrieges geborenen Jahrgänge, die
auch im Untersuchungsgebiet die stärkste NSDAP-Neigung aufzuweisen
hatten, als die "überflüssige Generation" gekennzeichnet.
Sie gehörten "zum größten Geburtenberg, den
die deutsche Geschichte überhaupt verzeichnet"[173]
und trafen bei Eintritt in das Erwerbsalter auf einen nicht mehr
aufnahmefähigen Arbeitsmarkt, der ihrer nicht bedurfte: "Das
demographische und sozioökonomische Signum dieser Generationserfahrung
ist die Überflüssigkeit und Unbrauchbarkeit des Einzelnen,
gemessen an der Kluft zwischen der geringeren Arbeitskräftenachfrage
und dem dramatisch angeschwollenen Arbeitskräfteangebot."[174]
Die "Jungerwachsenenarbeitslosigkeit" konzentrierte sich
am stärksten bei qualifizierten Jungarbeitern in industriellen
Hochburgen, also bei der Personengruppe, die auch im Untersuchungsgebiet
den proletarischen Anteil der NSDAP-Mitgliedschaft charakterisiert.
"Fragt man nun, was diese Struktur der Erwerbslosigkeit lebensgeschichtlich
für einen Jugendlichen des Jahrgangs 1914 etwa bedeutete, so
ist offensichtlich, dass seine eigene Lebensperspektive sich, wenn
er Gleichaltrige oder etwas Ältere in seiner näheren Umwelt
betrachtete, mit jedem Lebensjahr zu verschlimmern drohte. Ihm musste
daher klar sein, dass die folgenden 10-15 Lebensjahre für ihn
zu den arbeitsmarktmäßig ungünstigsten überhaupt
in der damaligen deutschen Gesellschaft zählen mussten. Die
von ihm überschaubare nächste biographische Zeitspanne
nach Schulentlassung und Lehrabschluß war sozusagen abschüssig
und endete ohne Zukunftsperspektive. Dies charakterisiert in ganz
zentralem Maße die Erfahrungen der Massenarbeitslosigkeit
dieser Altersgruppe, für die sich der allgemeine demographische
Überhang und die sozioökonomische Krisensituation bedrohlich
verknüpften."[175]
Peukert wäre vor dem Hintergrund der ermittelten NSDAP-Eintrittszahlen
hinzuzufügen, dass diese Beschreibung nicht nur auf die nach
der Jahrhundertwende, sondern auch auf die im Jahrzehnt davor geborenen
Jahrgänge, und nicht nur auf die tatsächlich arbeitslos
werdenden jungen Erwachsenen, sondern auch auf die ständig
von Arbeitslosigkeit Bedrohten zutraf.
Die Angehörigen dieser Jugendgeneration waren nach Peukert
"in einen sozialen Leerraum gestoßen, auf den sie selbst
reagieren mussten, wenn sie nicht in Depression verfallen wollten."[176]
Sowohl die Zugehörigkeit zu sogenannten "Wilden Cliquen"
als auch die massenhafte Zugehörigkeit zu den militarisierten
Männerbünden aller Weltanschauungsrichtungen ist demzufolge
als Versuch zu sehen, diese Leere zu füllen. Peukert weist
darauf hin, "daß der totale Erfassungsanspruch, den diese
Organisationen an ihre Mitglieder stellten, und die ideologische
Perspektive einer totalen Alternative zum als bankrott erfahrenen
'System' angesichts der lebensweltlichen Erfahrungen dieser Generation
Attraktivität besaßen. Es ist ganz charakteristisch,
daß gerade die Altersgruppen der Jungerwachsenen zwischen
dem 20. und 30. Lebensjahr überproportional in diesen Kampforganisationen
vertreten waren, wie sie auch überproportional in der Statistik
der Erwerbslosigkeit auftauchten."[177]
Es ist davon auszugehen, dass auch die nicht von Arbeitslosigkeit
betroffenen Angehörigen dieser Generation über die unter
Altersgenossen intensivierte Kommunikation an dieser Erfahrung von
Perspektivlosigkeit Anteil hatten und sich - relativ unabhängig
vom tatsächlichen Status - in einer subjektiv gleichartigen
Lage sahen.
Für einen Zeitgenossen wie Sebastian Haffner konnte die von
Peukert beschriebene Sinnsuche dieser "überflüssigen
Generation" sich durchaus als Abenteurertum darstellen. In
seinen 1939 niedergeschriebenen Beobachtungen vermerkte er, dass
gerade von den nicht mehr zur Einberufung gelangten Jahrgängen,
die aber im Ersten Weltkrieg und in der Nachkriegskrise, als sämtliche
gesellschaftlichen Verhältnisse ins Rutschen kamen, sozialisiert
worden waren, der ungewohnte Frieden als Verunsicherung empfunden
und auf der Suche nach Orientierung der Nationalsozialismus als
Ordnungsfaktor interpretiert worden wäre: "Ungefähr
zwanzig Jahrgänge junger und jüngster Deutscher waren
daran gewöhnt worden, ihren ganzen Lebensinhalt, allen Stoff
für tiefere Emotionen, für Liebe und Hass, Jubel und Trauer,
aber auch alle Sensationen und jeden Nervenkitzel sozusagen gratis
aus der öffentlichen Sphäre geliefert zu bekommen - sei
es auch zugleich mit Armut, Hunger, Tod, Wirrsal und Gefahr. Nun,
da diese Belieferung [nach 1923 - T.K.] plötzlich ausblieb,
standen sie ziemlich hilflos da, verarmt, beraubt, enttäuscht
und gelangweilt. Wie man aus eigenem lebt, wie man ein kleines privates
Leben groß, schön und lohnend machen kann, wie man es
genießt und wo es interessant wird, das hatten sie nie gelernt.
So empfanden sie das Aufhören der öffentlichen Spannung
und die Wiederkehr der privaten Freiheit nicht als Geschenk, sondern
als Beraubung. Sie begannen sich zu langweilen, sie kamen auf dumme
Gedanken, sie wurden mürrisch - und sie warteten schließlich
geradezu gierig auf die erste Störung, den ersten Rückschlag
oder Zwischenfall, um die ganze Friedenszeit zu liquidieren und
neue kollektive Abenteuer zu starten."[178]
Für den Nationalsozialismus hätten gerade diese seit der
Jahrhundertwende geborenen Jahrgänge eine leichte Beute bedeutet:
"Die Massenseele und die kindliche Seele sind sehr ähnlich
in ihren Reaktionen. Man kann sich die Konzeptionen, mit denen Massen
gefüttert und bewegt werden, gar nicht kindlich genug vorstellen.
Echte Ideen müssen, um massenbewegende historische Kräfte
zu werden, im allgemeinen erst bis auf die Fassungskraft eines Kindes
heruntersimplifiziert werden. Und eine kindische Wahnvorstellung,
gebildet in den Köpfen von zehn Kinderjahrgängen und vier
Jahre hindurch in ihnen festgenagelt, kann sehr wohl zwanzig Jahre
später als tödlich ernsthafte 'Weltanschauung' ihren Einzug
in die große Politik halten.
Der Krieg als ein großes, aufregend-begeisterndes Spiel der
Nationen, das tiefere Unterhaltung und lustvollere Emotionen beschert
als irgendetwas, was der Frieden zu bieten hat; das war 1914 bis
1918 die tägliche Erfahrung von zehn Jahrgängen deutscher
Schuljungen; und das ist die positive Grundvision des Nazitums geworden.
Von dieser Vision her bezieht es seine Werbekraft, seine Simplizität,
seinen Appell an Phantasie und Aktionslust; und von ihr bezieht
es ebenso seine Intoleranz und Grausamkeit gegen den innerpolitischen
Gegner: weil der, der dieses Spiel nicht mitmachen will, gar nicht
als 'Gegner' anerkannt, sondern einfach als Spielverderber empfunden
wird. Und schließlich bezieht es von ihr seine selbstverständlich
kriegsmäßige Einstellung gegen den Nachbarstaat: weil
jeder andere Staat wiederum nicht als 'Nachbar' anerkannt wird,
sondern nolens volens Gegner zu sein hat - sonst könnte ja
das ganze Spiel nicht stattfinden!
Vieles hat dem Nazismus später geholfen und sein Wesen modifiziert.
Aber hier liegt seine Wurzel: nicht etwa im 'Fronterlebnis', sondern
im Kriegserlebnis des deutschen Schuljungen. [...] Die eigentliche
Generation des Nazismus aber sind die in der Dekade 1900 bis 1910
Geborenen, die den Krieg, ganz ungestört von seiner Tatsächlichkeit,
als großes Spiel erlebt haben."[179]
"Jenseits der bloßen Demagogie und der Programmpunkte
versprach er [Hitler - T.K.], deutlich und fühlbar ehrlich,
zweierlei: die Wiederherstellung des großen Kriegsspiels von
1914-18; und die Wiederholung des großen sieghaft-anarchischen
Beutezuges von 1922. Mit anderen Worten: seine spätere Außenpolitik
und seine spätere Wirtschaftspolitik. Er brauchte dies nicht
wörtlich zu versprechen; er konnte ihm sogar scheinbar widersprechen
(wie in den späteren 'Friedensreden'): man verstand ihn doch.
Und das schuf ihm seine wirklichen Jünger, den Kern der eigentlichen
Nazipartei. Es appellierte an die beiden großen Erlebnisse,
die sich der jüngeren Generation eingeprägt hatten. Es
sprang als elektrischer Funke auf alle über, die heimlich diesen
Erlebnissen nachhingen."[180]
Auffällig ist, dass Haffner hier die Wirkungen der Massenarbeitslosigkeit
weitestgehend ausblendet, was möglicherweise mit seiner eigenen,
materiell gesicherten Herkunft in Verbindung steht.
Für das Untersuchungsgebiet fehlen originäre Aussagen,
die dieses Muster bestätigen würden. Trotzdem ist es auch
hier plausibel. Schließlich ist die höchste Sättigung
an Nationalsozialisten in den betreffenden, von Haffner benannten
Jahrgängen evident, sie stellten 1930/31 immerhin fast die
Hälfte der Mitglieder und somit deren Alters-Kern.
Die vom Flensburger Gerhard M., geboren 1914 und Sohn eines geschäftlich
durchaus erfolgreichen Fahrradhändlers, geschilderte Motivation
seines Eintritts in die nationalsozialistische Bewegung 1931 bestätigt
die Beobachtungen Haffners und dürfte in dieser oder ähnlicher
Form auch für viele junge Parteimitglieder im Kreis Bernburg
zu veranschlagen sein: "Da Vater mit dieser Partei sympathisierte,
wurde auch ich diesen Gedankengängen nahegebracht. Anläßlich
einer Versammlung, in die Vater mich mitnahm, sah ich dann die recht
schneidigen Männer der SA zum ersten Male. Und ich muß
sagen, dieses schneidige Exakte zog mich sofort an. Als ich dann
hörte, daß diese Männer öfter Saalschlachten
gegen Kommunisten schlugen, war ich gleich mit Begeisterung dabei,
denn nichts haßte ich mehr als die Kommunisten, und zwar,
weil ich mir unter diesen immer diese banditenhaft aussehenden Erwerbslosen
vorstellte, bekleidet mit Schlägermütze, die Hände
in den Taschen, [die] faul und pöbelnd an den Ecken standen.
Und diese SA-Männer standen nun in meinen Augen in wohltuendem
Gegensatz zu diesem Gesindel, das ich immer aus tiefstem Herzen
haßte. Außerdem lernte ich noch die Männer des
Reichsbanners kennen, die der Sozialdemokratischen Partei nahestanden,
auch diese waren mir sympathisch, denn auch hier herrschte anscheinend
ein etwas disziplinierterer Dienst und besserer Ton. Da ich jedoch
glaubte, als zukünftiger Geschäftsmann kein 'Sozi' sein
zu können, neigte ich eben mehr zu den Nazis. Die Hauptsache:
gegen die Kommunisten. [...] Vater hatte mich Ende 1931 einmal mit
nach 'Bellevue' genommen, wo eine NS-Versammlung stattfand. Es sollte
ein Pg. Kaufmann sprechen (der spätere Gauleiter Hamburgs).
Der Saal war voll, und kurz vor Beginn marschierte eine Gruppe sogenannter
SA-Männer geschlossen in den Saal und formierte sich vorn vor
der Bühne. Diese Männer trugen alle Stiefelhosen und lange
Stiefel, Koppel und Schulterriemen über ein weißes Hemd.
Es waren alles gutgewachsene, große Kerle und hielten strenge
Disziplin. Sie standen vorn, mit ernsten Gesichtern, entschlossen,
jeden Ruhestörer sofort aus dem Saal zu werfen. Ich schaute
wie gebannt auf diese Männer: Nun wußte ich, was mein
Ideal eines jungen Menschen war: soldatische Haltung, soldatisches
schneidiges Aussehen, Ernst und Entschlossenheit. Nun wußte
ich auch, was ich haßte: Albernheit, Lässigkeit, überlanges
Haar, zu saloppe Kleidung, kurz: den sogenannten 'Tanzbodentyp'.
Weichliches Wesen, Albernheiten, zuvieles Lachen und Flachsen habe
ich von jeher gehaßt, nur kannte ich den Gegenpol noch nicht.
Aber was ich hier sah, entsprach meinem Wunschbild. Im selben Augenblick
war mein Entschluß gefaßt: Ich wollte SA-Mann werden.
Ich haßte die an den Straßenecken herumstehenden jungen
Menschen, die für mich eben 'Strolche' waren. Sie hatten beide
Hände bis an die Ellenbogen in den Taschen, die Mütze
recht schief auf dem überlangen Haar, so standen sie zigarettenrauchend
in Gruppen an den Straßenecken und pöbelten gelegentlich
Vorübergehende an. Diese Menschen habe ich von jeher mit starker
Abneigung bedacht. Und hier: Hier stand der Gegenpol. Ernst, diszipliniert,
einheitlich, aber nett gekleidet. Am selben Abend habe ich mich
dann gemeldet und mußte gleichzeitig Mitglied der NSDAP werden.
Im Februar 1932 [mit gerade 18 Jahren - T.K.] wurde ich dann offizielles
Mitglied. Die Aufgabe der SA-Stürme war der Schutz der Versammlungen,
bei denen es meistens zu Schlägereien mit den Kommunisten kam."[181]
An diesem Beispiel wird auch ein Stück Zeitgeist sichtbar,
die Tatsache, dass die deutsche Gesellschaft sich partout nicht
vom Patriarchalismus und insbesondere auch nicht vom Militarismus
des Kaiserreiches trennen wollte, sondern ihn im Gegenteil weiter
kultivierte. Die "bürgerlichen" Zeitungen dieser
Jahre vermitteln oft den Eindruck, dass der Weltkrieg nicht vorbei,
sondern nur kurz angehalten worden sei.
In
den Jahren der Weltwirtschaftskrise in die NSDAP eingetretene Personen
haben immer wieder auf die Bedeutung der Massenarbeitslosigkeit
für diesen Schritt hingewiesen. Angesichts der überproportionalen
Mitgliedschaft von Angestellten in der Partei muss daher die Angestelltenarbeitslosigkeit
als wesentlich die Ausbreitungsgeschwindigkeit und die Zusammensetzung
der Partei beeinflussend angesehen werden.
Die allgemeine Wahrnehmung der Arbeitslosigkeit war schon vor der
Weltwirtschaftskrise zwischen Arbeitern einerseits und Angestellten
andererseits sehr verschieden. In großen Teilen der Arbeiterschaft
galten diskontinuierliche Erwerbsbiographien durchaus nicht als
ehrenrührig, sondern waren auch außerhalb von Krisenzeiten
Bestandteil des normalen Erwerbslebens, so z. B. allgemein bei ungelernten
Arbeitern und saisonal bedingt bei Landarbeitern, Bauhandwerkern,
Ziegelei- und Steinbrucharbeitern. Die Angestellten hingegen waren
psychisch auf eine akut eintretende oder auch nur mittelbar drohende
Arbeitslosigkeit nicht vorbereitet, sie traf sie somit wesentlich
stärker. Schließlich waren sie unter anderem auch deshalb
Angestellte geworden, um diesem Proletarierschicksal zu entgehen.
Es ist hier allerdings zwischen verschiedenen Angestelltenkategorien
zu differenzieren. Während auf technische Angestellte (und
Beamte sowieso) die erstrebte Arbeitsplatzsicherheit auch tatsächlich
zutraf, fanden sich kaufmännische und Büro-Angestellte
schon vor der Weltwirtschaftskrise in einer deutlich unsichereren
Stellung; fast zwei Drittel aller arbeitsuchend gemeldeten Angestellten
im Bereich der Arbeitsamtsbezirke Dessau, Bernburg und Wittenberg
kamen Ende 1928 aus der Kategorie der männlichen kaufmännischen
und Büro-Angestellten.[182]
Auch wenn ein statistischer Beleg mangels lokaler zeitgenössischer
Erhebung an dieser Stelle nicht möglich ist, dürfte die
Arbeitsplatzsicherheit eines Stammarbeiters in der Metallindustrie
höher einzuschätzen sein als die eines kaufmännischen
Angestellten. Freilich änderte dies nichts am Anspruch des
letzteren auf soziale Absicherung.
Genaue Angaben über die konkrete Höhe der Arbeitslosigkeit
in der Weltwirtschaftskrise liegen erst für Juni 1933 vor,
als deren Maximum schon leicht überschritten war. In den Städten
des Kreises Bernburg wurden zu diesem Zeitpunkt zwischen 22 % (Bernburg)
und 33 % (Güsten) aller männlichen Angestellten als arbeitslos
gezählt. Diese Werte lagen immer noch deutlich unter den Werten
für die männlichen Arbeiter, die sich zwischen 36 % (Bernburg)
und 53 % (Leopoldshall) bewegten.[183]
Insgesamt war Anhalt nach Sachsen (der Höhe des Arbeiteranteils
an der Bevölkerung folgend) das Flächenland mit der höchsten
Wohlfahrtserwerbslosigkeit, wobei die Werte für Stadt und Kreis
Bernburg ihrerseits wiederum über dem anhaltischen Durchschnitt
lagen.[184]
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Bedeutsamer
als die absolute Höhe der Arbeitslosigkeit scheint jedoch ihre
Steigerung seit Beginn der Weltwirtschaftskrise gewesen zu sein.
Gegenüber dem Stand vom 31.12.1929 stieg im Arbeitsamtsbezirk
Bernburg die Zahl aller arbeitsuchend Gemeldeten (Angestellte inbegriffen)
in der Spitze auf 231 % (14. Januar 1933). Die Zahl der arbeitsuchend
gemeldeten Angestellten innerhalb der Arbeitsamtsbezirke Dessau,
Bernburg und Wittenberg erhöhte sich in der Spitze jedoch auf
460 % (31. Juli 1932) des Wertes von Ende 1929![185]
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| |
|
Die hiervon ausgehende Traumatisierung dürfte nicht nur aktuell
für die Radikalisierung in der Weltwirtschaftskrise, sondern
auch nachfolgend im "Dritten Reich" bedeutsam gewesen
sein. Die allgemeine Nachgiebigkeit im Falle von politisch motivierten
Bedrohungen mit dem Hinweis auf einen möglichen Arbeitsplatzverlust
ist nur vor dem Hintergrund der in der Weltwirtschaftskrise gemachten
Erfahrungen vollends zu verstehen.
Doch die Arbeitslosigkeit erfasste nicht alle Angestelltenkategorien
zeitgleich und insgesamt auch nicht gleichmäßig. Die
männlichen kaufmännischen und Büro-Angestellten stellten
zu keinem Zeitpunkt weniger als 47 % der Arbeitsuchenden, während
die männlichen technischen Angestellten in der Spitze einen
Wert von 28 % erreichten; die weiblichen Angestellten belegten einen
zwischen 21 % und 30 % schwankenden Anteil. Tendenziell wurden männliche
technische Angestellte später von der Arbeitslosigkeit betroffen
als männliche kaufmännische und Büro-Angestellte.[186]
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|
Noch charakteristischer als die Verteilung auf die Angestellten-Großgruppen
gestaltete sich die Altersverteilung der arbeitsuchenden Angestellten.
Zudem wies sie starke Parallelen zur Alterstruktur der Angestellten
in der NSDAP im Untersuchungsgebiet auf. Nach dem Stand vom 31.
Dezember 1930 zählten 68 % der männlichen arbeitsuchenden
Angestellten und 73 % der mit einer NSDAP-Mitgliedschaft 1929/30
registrierten Angestellten zur Kerngruppe der Geburtsjahrgänge
1893 bis 1912. Bei einer weiteren Eingrenzung auf die beschriebenen
Kernjahrgänge 1901 bis 1910 ergeben sich Werte von 41 % zu
43%.[187]
|
Altersstruktur
der Angestelltenarbeitslosigkeit in den Arbeitsamtsbezirken Dessau, Bernburg
und Wittenberg 1930/31 (in % der als arbeitsuchend gemeldeten Angestellten
in der jeweiligen Altersgruppe)[188]
|
| Altersgruppe
|
männliche Angestellte |
weibliche Angestellte |
|
|
gesamt |
kaufmännische und
Büro-Angestellte |
technische Angestellte |
gesamt |
|
|
31.12.30 |
31.12.31 |
31.12.30 |
31.12.31 |
31.12.30 |
31.12.31 |
31.12.30 |
31.12.31 |
| bis
18 J. |
3 |
2 |
4 |
2 |
|
|
12 |
6 |
| über
18 bis 21 J. |
13 |
|
16 |
15 |
6 |
2 |
24 |
21 |
| über
21 bis 25 J. |
17 |
19 |
19 |
21 |
13 |
16 |
22 |
27 |
| über
25 bis 30 J. |
20 |
17 |
18 |
14 |
24 |
20 |
15 |
15 |
| über
30 bis 40 J. |
24 |
27 |
25 |
28 |
22 |
25 |
19 |
19 |
| über
40 bis 45 J. |
8 |
8 |
5 |
6 |
11 |
10 |
3 |
5 |
| über
45 bis 60 J. |
12 |
15 |
9 |
12 |
17 |
21 |
4 |
6 |
| über
60 J. |
4 |
3 |
3 |
2 |
7 |
5 |
1 |
|
| Summe
|
100 |
100 |
100 |
100 |
100 |
100 |
100 |
100 |
Eine
unter dem Schlagwort des "Problems der älteren Angestellten"
in der Weimarer Republik allgemein diskutierte besondere Notlage "älterer"
Angestellter jenseits eines Alters von 30 oder 35 Jahren ist anhand der
vorliegenden Arbeitslosigkeitsstatistik nicht zu erkennen. Sie waren keinesfalls
stärker von Arbeitslosigkeit und Deklassierung betroffen als ihre
jüngeren Kollegen (so man davon ausgeht, dass sie sich in gleichem
Maße wie diese erwerbslos meldeten).[189]
Die beschriebene zeitgenössische Diskussion ist wohl in erster Linie
als Forderung dahingehend zu verstehen, dass vor den jungen Angestellten
erst die "älteren" Angestellten zu versorgen wären.
Neben der allgemeinen Krise am Arbeitsmarkt und dem gleichzeitigen Auftreten
geburtenstarker Jahrgänge auf diesem wird auch die Umsetzung dieser
Forderung durch Arbeitgeber zu den überproportionalen Arbeitslosigkeitswerten
unter der jungen Generation beigetragen haben.[190]
| 4.3.2
"Volksgemeinschaft" als verklammerndes Element |
Die
Hinwendung zur NSDAP hat - aus einer Außensicht heraus - gemeinhin
etwas irrationales. Die Weltwirtschaftskrise stellte jedoch einen großen
Teil vor allem junger und vor allem "bürgerlicher" Menschen
vor eine solche existentielle Bedrohung, dass sie dafür aus ihrer
Erziehung und ihrer eigenen Lebenserfahrung heraus keine Bewältigungsmuster
entwickeln konnten und eine 'Endzeitstimmung' entwickelten. In Reflektion
dieser 'Endzeitstimmung' bestanden in der "bürgerlichen"
Gesellschaft eine Reihe von Deutungsangeboten, die im wesentlichen von
den drei Säulen Ablehnung des Versailler Vertrages, Volksgemeinschafts-
und Führerglaube getragen wurden. Diese mussten von der NSDAP lediglich
aufgegriffen, komprimiert und am geradlinigsten vertreten werden.
Die Grundlage dieses vom Nationalsozialismus ausgeformten Deutungsmustergebäudes
bildete die vorhandene verfestigte nationalistische Grundeinstellung und
die Stilisierung des Versailler Vertrages zum Universalschuldigen für
alle negativen Entwicklungen der Nachkriegszeit - einschließlich
der persönlichen Misserfolge, Enttäuschungen und Demütigungen.
Also: Weil das Land vom "internationalen jüdischen Kapital"
geknechtet ist gibt es Klassenkampf in Deutschland und geht es den Deutschen
schlecht. Ergo: ich als Angestellter, Handwerker usw. bin schlecht bezahlt
bzw. ohne Aufträge weil Deutschland vom feindlichen Ausland geknechtet
wird. Oder in den Worten des NSDAP-Gauleiters Loeper 1930: "Die Quelle
allen Elendes sei das Diktat von Versailles, das müsse beseitigt
werden, wenn eine Wandlung zur Gesundung eintreten solle."[191]
Die strikte Ablehnung des Versailler Vertrages, dokumentiert am eindrucksvollsten
im Volksentscheid gegen den Young-Plan 1929, aber auch in lokalen Aktionen
symbolischer Art, wie in der Abhaltung eines den Protest zum Ausdruck
bringenden "Deutschen Abends" durch die Deutsche Volkspartei
in Bernburg 1929 oder in der symbolischen öffentlichen Verbrennung
des Young-Planes durch den Wehrwolf Güsten im März 1930,[192]
war "bürgerliches" Gemeingut. Darauf ließ sich aufbauen,
wie beispielsweise die Verlesung des Buches "Revolution 1933"
von Martin Bochow in der Januar-Versammlung 1931 der Hecklinger Ortsgruppe
des deutschnationalen Bundes Deutscher Frauen-Dienst (Königin-Luise-Bund)
zeigt.[193] Die Botschaft des
in belletristischer Form gehaltenen Propagandawerkes war ebenso simpel
wie eingängig: Provoziert durch die Begehrlichkeiten des internationalen
- insbesondere des amerikanischen - Kapitals und durch die Unfähigkeit
einer republikanischen Politikerkaste würden sich die Lebensbedingungen
des deutschen Volkes, v. a. der unteren Schichten (Arbeiter, Bauern, Kleingewerbetreibende),
rapide verschlechtern. Eine letztendlich scheiternde kommunistische Revolution
würde Deutschland in ein noch größeres Chaos stürzen
und es letztendlich völlig dem Ausland ausliefern.[194]
Hatte man einmal diese Prognose akzeptiert, so war man weiterhin bereit
zu akzeptieren, dass Abhilfe nur dann geschaffen werden kann, wenn die
inländischen Agenten der "jüdisch-bolschwewistischen-imperialistischen
Weltverschwörung" kaltgestellt werden und das in der Folge dieses
Vorgangs einige deutsche Volk auch gegen den äußeren Feind
zusammensteht und die Ketten des Versailler Vertrages abwirft. Selbstredend
war angesichts einer solcherart empfundenen Unrechtslage Gewaltanwendung
jeglicher Art - natürlich immer in "Notwehr" - in jedem
Falle legitimiert. Und ganz nebenbei wurde auch der Antisemitismus legitimiert.
Bezogen auf die in einem Konkurrenz- oder auch Abhängigkeitsverhältnis
zu Juden stehenden Personengruppen (z. B. Händler, kaufmännische
Angestellte, Ärzte, Rechtsanwälte) bedeutet dies, dass in deren
Projektion die 'unsauberen Praktiken' der jüdischen Konkurrenz bzw.
Arbeitgeber für bestehende Arbeitslosigkeit und Aufstiegsblockierung
verantwortlich zeichnen würden. Diese Sichtweise war beispielsweise
für einen Handlungsgehilfen insofern naheliegender, als es dann noch
einen Ausweg gab, die Beseitigung der "Judenherrschaft". Würde
er aber andersherum (in marxistischer Denkrichtung) die zunehmende Konzentration
als gesetzmäßig ansehen, sähe seine persönliche Perspektive
schon subjektiv viel negativer aus. In der subjektiven Sicht der sich
Radikalisierenden konnte sich der persönliche Aufstieg nur noch über
einen radikalen gesellschaftlichen Wandel vollziehen; darin unterschied
sich der NSDAP-Angestellte nicht wesentlich vom ungelernten KPD-Arbeiter.
Das in dieser Sichtweise nötige Zusammenstehen gegen den äußeren
und inneren Feind wurde in den Begriff der "Volksgemeinschaft"
gegossen, der im übrigen auch keine Erfindung des Nationalsozialismus
war, sondern sich schon seit dem Weltkrieg in Gebrauch befand und von
allen "bürgerlichen" Richtungen befürwortet wurde;
die Unterschiede im Gebrauch dieses Terminus zwischen den rechten Organisationen
waren lediglich gradueller Natur. Die Fiktion der "Volksgemeinschaft"
wurde zum kleinsten gemeinsamen Nenner, zur verbindenden Klammer für
recht unterschiedliche gesellschaftliche Interessen: "In ihrem, von
vielen Schlagworten umgegebenen Rahmen konnte nahezu jeder die Erfüllung
seiner sozialen Sehnsüchte erwarten: von den enttäuschten Kriegsheimkehrern
über die Jugend zu den Angestellten, Beamten und Bauern bis zu den
Großagrariern, der Wirtschaft und dem Militär."[195]
Der Gemeinschaftsgedanke hatte in Deutschland einen theoriegeschichtlichen
und Rezeptions-Vorlauf seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aufzuweisen[196]
und war nach dem Weltkrieg in unterschiedlicher Intensität zum "bürgerlichen"
gedanklichen Allgemeingut avanciert: "Überspitzt formuliert
könnte man sagen, dass es ab der Jahrhundertwende, besonders aber
nach 1918 nur noch ein beherrschendes geisteswissenschaftliches Thema
gab: Die Gemeinschaft. Dabei soll die Streuung der Vorstellungen und Ziele
nicht verwischt werden, die sich mit einer solchen Idee verknüpften.
Gemeinschaftsutopien entwarfen die sozialistischen Gruppierungen genauso
wie die nationalistischen, die völkischen wie die rassistischen,
die berufsständischen wie die kirchlichen Verbände. Gerade diese
Bandbreite unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen lässt sich
als Indiz für die starke Hinwendung zum gemeinschaftlichen Ethos
werten. Sie alle verband untereinander kaum ein ideologischer, weltanschaulicher
oder religiöser Zusammenhang und doch ist bei so vielen dieser Traum
von Einheit und Zusammengehörigkeit vorhanden. Die 'große Sehnsucht
nach Gemeinschaft' hatte das deutsche Volk ergriffen."[197]
Die von der NSDAP offerierte Volksgemeinschaft wurde nicht etwa zufällig
von den potentiellen Anhängern aufgegriffen, sondern man suchte v.
a. innerhalb der "bürgerlichen" Schichten angesichts der
zunehmenden Krisensymptome nach einer Bewegung, die den nationalistischen
Rausch des August 1914 und das verklärte Schützengrabenerlebnis
des Ersten Weltkrieges, als es "nur noch Deutsche, und keine Parteien
mehr" gab und der Klassenkampf beseitigt schien, wiederaufleben lassen
könnte.[198] Insofern handelt
es sich bei der Option für die nationalsozialistische Volksgemeinschaft
um das Unvermögen zur und die Angst vor der individuellen Wahrnehmung
der eigenen Interessen, oder, wie der deutsche Soziologe Erich Fromm 1943
im amerikanischen Exil schrieb, die "Furcht vor der Freiheit".
Man wollte keine Konflikte mehr lösen müssen; die Volksgemeinschaft
sollte alle Unterschiede in Herkunft, Stand, Beruf, Vermögen, Bildung,
Wissen und Kapital einebnen. Und eventuell auch einen Ausweg aus dem abzusehenden
individuellen "Versagen" im Kampf um gesellschaftliche Positionen
bieten, die eigene Niederlage ungeschehen machen.
Der Gemeinschaftsgedanke erfuhr seine Verbreitung vor allem durch die
Jugendbewegung seit Beginn des Jahrhunderts.[199]
Anhand der von Emma Hentschel[200]
und dem Bernburger Ortsgruppenleiter Kurt Kleinau bekannten Daten bzw.
ihrer eigenen Aussagen ist exemplarisch nachzuverfolgen, dass das in der
Jugend aktiv rezipierte Liedgut der zeitgenössischen Laienspielbewegung
in seiner Propagierung des Idylls, des kleinen Glücks, den Boden
für die Annahme des Volksgemeinschaftsgedankens vorbereitet hat.[201]
Im Kreis Bernburg trat mit der expliziten Betonung der "Volksgemeinschaft"
besonders der Bund Wehrwolf hervor, der zeitweilig auch die Führungsfunktion
im völkischen Organisationsspektrum übernahm und der NSDAP von
allen Gruppierungen auch am ähnlichsten war.
Es steht außer Frage, dass die NSDAP äußerst aktiv für
ihre Ziele geworben hat, doch hätte sie nie eine solche Bedeutung
erlangt, wenn ihre späteren Trägerschichten nicht nach einer
Partei dieses "volksgemeinschaftlichen" Zuschnitts gesucht hätten.
Auch die anderen "bürgerlichen" Parteien, allen voran die
Deutsche Volkspartei, spürten diese irrationale Massenstimmung und
versuchten ihr zu entsprechen. Schon zu den Landtagswahlen im November
1924 hatte die "bürgerliche" Sammlungsliste (ohne NSDAP)
als "Bürgerliche Volksgemeinschaft" firmiert, und im Kreis
Bernburg trat z. B. die gemeinsame Liste der Rechten (incl. NSDAP) zu
den Gemeinderatswahlen in Rathmannsdorf 1931 als Liste "Volksgemeinschaft"
auf. Doch die "bürgerlichen" Parteien liefen den Ereignissen
hinterher, die NSDAP war mit der aufkommenden Weltwirtschaftskrise letztendlich
schneller und entschiedener.
Der unbedingte Glaube an die "Volksgemeinschaft" hob die Mitgliedschaft
der NSDAP von der der übrigen "bürgerlichen" Parteien
und auch von der SPD ab. Sehr häufig vorkommende persönliche
Angriffe wegen der Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Bewegung
scheinen unter frühen Nationalsozialisten selbst dann noch diesen
Glauben verstärkt zu haben, wenn sie in der Rücksichtnahme auf
die eigene soziale Lage den erzwungenen zeitweiligen Austritt aus der
Partei zum Ergebnis hatten.[202]
Nur am Rande sei bemerkt, dass auf der Seite des politischen Feindes die
KPD ein analoges Heils-Modell anzubieten hatte und auch in der Sozialdemokratie
zwar nicht der Volksgemeinschafts-Gedanke, doch aber der Führer-Begriff
eine gewisse Konjunktur erlebte. Es ist weiterhin darauf hinzuweisen,
dass die relativ große Resistenz der stark katholisch und kommunistisch
durchsetzten Milieus gegenüber dem Nationalsozialismus aus der Sättigung
mit Glaubensinhalten eigener Heilslehren herrührte.
In einem gewissen Gegensatz zur Anbetung der "Volksgemeinschaft"
stand eine weit verbreitete unterschwellige Verklärung des Kaiserreiches,
artikuliert nicht nur von Älteren, die damit die Hoffnung auf die
Wiederherstellung einmal gehabter Privilegien und verlorenen Sozialprestiges
verbanden,[203] sondern auch
von Jüngeren, die das Kaiserreich im Friedenszustand gar nicht mehr
hatten wahrnehmen können. Die Tatsache, dass ein Teil der jetzt eintretenden
NSDAP-Mitglieder die "goldenen" Vorkriegs-Zeiten des Kaiserreichs
mangels Alters nicht mehr bewusst erlebt hatte, tat dieser Projektion
keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: um so leichter konnte an das Bild glauben,
wer die seinerzeitige Wirklichkeit nicht kannte. Freilich, das Kaiserreich
hatte den betroffenen Schichten tatsächlich gesicherte Lebenspositionen
geboten.
Brief
eines Bernburger Kaufmanns an den Vorsitzenden der
Deutschen Volkspartei 1931
"Bernburg,
den 13 Sept. 1931.
An den
Vorsitzenden der Deutschen Volkspartei Herrn Dr. Dingeldey
in Berlin.
Sehr geehrter Herr Dr. Dingeldey.
Sie
werden entschuldigen daß ich Sie mit Schreiben belästige.
Ich bin ein kleiner Mann des Volkes, als Geschäftsmann
dem kleinen Mittelstand angehörend bin ich z. Zt. 47
Jahre alt. Solange ich wahlberechtigt bin habe ich immer nur
volksparteilich gewählt und dabei sieht es nun so aus
als hätte man sich nur das eigene Grab gegraben. Bei
den ganzen Parteigezänk, welches ich ja nur aus der Zeitung
erlese sehe ich bisher niemals daß auch nur des kleinen
Mannes gedacht wird, und grade dies ist doch ein sehr hoher
Prozentsatz der volksparteilichen Wähler, und lebt und
strebt in diesen Sinne. Da aber nun gar nicht einmal nach
denen gefragt oder auch nur einmal zu deren Rettung
auch nur einmal etwas getan wird, höre ich aus
immer weiteren Kreisen es ist das letzte mal daß Sie
in diesen Sinne gewählt haben. Mir liegt es fern zu tadeln
oder Vorschläge zu machen nur gestatte ich mir einmal
für den kl. Mittelstand darauf aufmerksam zu machen,
die dauernde Steuerpressung hat den Kleinbetrieb gänzlich
zum Erliegen gebracht. Treten Sie nun endlich einmal dafür
ein daß der kleine Besitz und Betrieb durch Abgabenermäßigung
geholfen wird, und durch Abgabe von Betriebskapital auf längere
Frist geholfen wird. Wie schön war es in Deutschland
in früherer Zeit. Da lies einer den anderen leben, der
große und der kleine, und beide standen sich gut dabei,
heute drängt sich alles nur an die Krippen und sucht
einen Posten zu erwischen beileibe nur nicht arbeiten. Wielange
soll dies noch dauern, wo sollen zuletzt noch Steuerzahler
herkommen, dann doch nur kurz ein schreckliches Ende als ein
Ende ohne Schrecken. Ich selbst benötige dringend ein
kl. Kapital von 400 Mk. Vielleicht unterstützt die Volkspartei
einmal einen langjährigen Wähler und guten Deutschen.
Als Gegenleistung werde ich auch weiterhin bemüht sein
wie bisher im Volksparteilichen Sinne in meinen Kreißen
zu wirken. Es ist dies nicht nur ein Scherz grade unter Uns
kleinen Leuten ist ein sehr guter Kern, der müste aber
auch erhalten werden es ist ungefähr das Rückgrat
der Armen[.] Nehmen Sie es nicht für ungut Herr Dr. Die
Not for den Untergang treibt mich Namens des kleinen Mittelstandes
zu diesen ungewöhnlichen Schritt. Ich hoffe Sie werden
einen aufrechten deutschen Manne dies Vorgehen verzeihen,
sowie mir geht es z. Zt. 100 000 kleiner Existenzen. Helfen
Sie mir und ich wirke weiter im kleinen zum Wohle der Partei
und das Ganzen.
In besonderer Hochachtung Hermann Haase
Bernburg, Saale,
Stiftstr.53"[204]
|
Noch fragwürdiger
als der Volksgemeinschaftsgedanke in seiner völligen Negierung gesellschaftlicher
Widersprüche zeigte sich die darauf aufsetzende quasi-religiöse
Überhöhung des "Führers".[205]
Die Person des gesamtnational auftretenden "Führers" Adolf
Hitler hob die NSDAP im Kreis Bernburg spätestens seit 1929 von den
anderen völkischen Organisationen ab und sicherte ihr ihnen gegenüber
auch in dieser Hinsicht einen nicht mehr aufzuholenden Vorteil, zumal
es auch gelang, einen Teil des Hitler'schen Abglanzes auf den regionalen
Stellvertreter, Gauleiter Wilhelm Loeper, zu übertragen. Hinzu kommt,
dass z. B. der Wehrwolf als eigentlich ernst zu nehmender regionaler Konkurrent
sich nicht annähernd so professionell zeigte wie die NSDAP und dessen
aus Bernburg stammender "Führer" Fritz Kloppe in Halle
nach wie vor einer Tätigkeit als Gymnasiallehrer nachging und es
ablehnte, sich an Wahlen mit einer eigenen Liste zu beteiligen.
| 4.3.3
Biographische Beispiele: Ulrich von Bothmer, Kurt Kleinau,
Alfred F. |
In
der Hinwendung des Bund Oberland- und späteren Bernburger SA-Führers
Hauptmann a. D. Freiherr Ulrich von Bothmer (geb. 1889) zur NSDAP wird
die Zugkraft des Volksgemeinschafts-Gedankens deutlich. Bis 1929 war der
Genralstabsoffizier des Ersten Weltkrieges, der es abgelehnt hatte, in
die Reichswehr der Weimarer Republik übernommen zu werden und seit
1921 als kaufmännischer Angestellter der Metallwerke L. Kessler &
Sohn in Bernburg tätig war, Parteigänger der Deutschnationalen
Volkspartei gewesen. In seinen in den 50er Jahren niedergeschriebenen
Erinnerungen bezeichnete er sich selbst aus seinem "ganzen Werdegang
heraus [als] ein Kaisertreuer, treu dem Königshaus der Hohenzollern.
Wohl sprachen mich die Ziele der NSDAP an. Ich sah in ihr den einzigen
aussichtsreichen Gegner gegen Marxismus und Kommunismus und sah in dem
Wollen der bürgerlichen Parteien einen Schrittmacher für den
Marxismus, dem diese Parteien die breite Masse des Volkes über Not
und Verzweiflung in die Arme trieb. Die Lehre 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz'
fesselte so ganz mein Herz. [! - T.K.] - Ich gehörte innerlich schon
lange zu diesen nationalen Sozialisten. Und doch fand ich den Weg zur
Partei erst nach langem Widerstreben, weil mich die oft zu Tage tretende
Ablehnung gegen Monarchie und Hohenzollerntreue abstieß. Erst als
ich erkannte, dass die bürgerlichen Parteien, auch die königstreue
DNVP, niemals in der Lage sein würden, den wertvollsten, unverdorbensten,
am wenigsten von Fäulnis ergriffenen Teil des Volkes, die Arbeiterschaft,
aus den marxistischen Fängen zu retten, verschrieb ich mich ganz
der Partei. Es ging nicht um die Monarchie, sondern um das deutsche Volk,
die Rettung Deutschlands vor dem Bolschewismus."[206]
Damit übertrug er auch die früher dem Kaiser geltende unbedingte
gläubige Gefolgschaft auf Adolf Hitler. Auch bei von Bothmer gingen
Volksgemeinschaftsgedanke und Führergläubigkeit eine kaum aufzulösende
Einheit ein. Ob der nach dem Ersten Weltkrieg erlittene individuelle gesellschaftliche
Statusverlust, der Abstieg vom Offizier zum kaufmännischen Angestellten,
bei von Bothmer auch die Akzeptanz der Volksgemeinschaft beförderte,
ist nicht mehr aufzuklären.
Der
spätere Bernburger Ortsgruppenleiter Bernburg-Wasserturm Kurt Kleinau
steht beispielhaft für jene Mitglieder, die vor ihrem NSDAP-Eintritt
noch nicht durch Mitgliedschaften im völkischen Spektrum hervorgetreten
waren.[207] Kurt Kleinau wurde
1899 in Bernburg geboren und schlug nach dem Besuch des Gymnasiums und
der Teilnahme am Ersten Weltkrieg wie schon sein Vater die kaufmännische
Laufbahn ein, zuerst seit 1919 als Volontär im Kaliwerk Solvayhall,
danach seit 1920 als kaufmännischer Lehrling in der Bernburger Eisenwarenhandelsfirma
Riebe. Nach der Lehre wurde er angestellter Reisender einer Magdeburger
Firma für Werkzeugmaschinen und Werkzeuge. Kurt Kleinau verstand
sich in dieser Funktion als einer herausgehobenen Angestelltenkategorie
zugehörig und legte großen Wert darauf, nicht mit einem einfachen
Vertreter gleichgesetzt zu werden.[208]
Aus der 1926 in einer wirtschaftlich sicheren Situation geschlossenen
Ehe sollten vier Söhne hervorgehen. Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise
trafen Kurt Kleinau gleich zu deren Beginn; seine Magdeburger Firma musste
liquidiert werden und er erhielt die Kündigung zum Jahresende 1929.
Es gelang ihm aber, nach nur einem Vierteljahr von einer Leipziger Firma
für Werkzeugmaschinen und Werkzeuge in gleicher Funktion eingestellt
zu werden. Sehr wahrscheinlich hatte seine schnelle Einstellung bei einem
artverwandten Unternehmen auch damit zu tun, dass er im Gegensatz zu anderen
zu gleicher Zeit entlassenen Angestellten etwas anzubieten hatte, er nämlich
über genaueste Kundenkenntnis verfügte und eventuell auch die
Kundenkartei seiner Vorgängerfirma mit einbrachte. Allerdings verringerten
sich in seiner neuen Stellung seine Bezüge um ein Viertel bis ein
Drittel unter gleichzeitiger Ausweitung seines mit Reichsbahn und Fahrrad
zu bereisenden Arbeitsgebietes, dessen größte Erstreckung von
Wolfen-Bitterfeld bis nach Hannover-Kassel reichte. Eine akute materielle
Notlage der Familie ist trotz des reduzierten Einkommens - auch angesichts
der Tatsache, dass man kostengünstig im Haus der Schwiegermutter
wohnte - zu keiner Zeit zu erkennen. Doch das Damoklesschwert des sozialen
Abstiegs schwebte ständig über ihnen; nach einer Tagebuchaufzeichnung
vom August 1932 war Kurt Kleinau auch in seiner neuen Leipziger Firma
schon dreimal vorsorglich gekündigt worden und momentan schon seit
einem Dreivierteljahr auf Kurzarbeit von 75 % gesetzt, was natürlich
auch die Geldeinkünfte der Familie um ein weiteres Viertel reduzierte,
d. h. das Arbeitseinkommen hatte sich gegenüber 1929 etwa halbiert.
Normale Erwerbsverhältnisse sollten sich für ihn erst wieder
1934 ergeben.
Eine frühe wie auch immer geartete völkisch-antisemitische Prägung
lässt sich bei Kurt Kleinau nicht ausmachen. Auch hatte er nach dem
Weltkrieg keinem Freikorps angehört. Selbst über eine eventuelle
vorherige Stahlhelm-Mitgliedschaft ist nichts bekannt. Es ist jedoch nicht
anzunehmen, dass er möglicherweise frei von Nationalismus gewesen
wäre, eher im Gegenteil, ein strammer Nationalismus gehörte
zur Grundausstattung aller "bürgerlichen" Schichten. Seine
Mitgliedschaft im liberalen Gewerkschaftsbund der Angestellten deutet
darauf hin, dass er bei den Reichstagswahlen seine Stimme wohl der Deutschen
Volkspartei oder gar der Deutschen Demokratischen Partei gegeben haben
wird. Zudem gehörte er nach 1923 dem etablierten "bürgerlichen"
Bernburger Ruderclub Hansa an. Trotzdem ist sein Eintritt in die NSDAP
zum 1. November 1931 unter der Mitgliedsnummer 680964 nur auf den ersten
Blick überraschend. Bei genauerer - retrospektiver - Betrachtung
zeigt sich, dass er für eine NSDAP-Mitgliedschaft geradezu ideal
vorbereitet war. Als Jugendlicher hatte er der Wandervogel-Bewegung angehört
und in dieser Zeit wahrscheinlich auch die dort propagierte Gemeinschaftsvorstellung
geteilt. Diese dürfte weitere Bestätigung in der Teilnahme am
Weltkrieg 1917-1919 erfahren haben. Und schließlich gehörte
er der die NSDAP tragenden Generation an, deren Mitglieder schon vor der
Weltwirtschaftskrise in ihrem Aufstieg und nun auch in ihrer materiellen
Existenz bedroht waren. Auch in seinem Falle besteht ein deutlicher Bezug
zwischen dem drohenden sozialen Abstieg und der Hinwendung zur NSDAP;
der Beginn seiner Kurzarbeit und der Eintritt in die NSDAP fielen zeitlich
zusammen. Es könnte dies der Punkt gewesen sein, an dem ihm bewusst
wurde, dass ein weiterer gesellschaftlicher Aufstieg und die damit angestrebte
Geltung[209] ihm versagt bleiben
und er in seinem Leben möglicherweise nie die gesellschaftliche Stellung
seines (nicht in die NSDAP eingetretenen) Vaters erlangen würde,
der die Position eines geachteten 1. Expedienten beim Kaliwerk Solvayhall
bekleidet hatte und zur Skatrunde des Inhabers des jüdischen Bankhauses
Gumpel zählte.[210]
Nun sind solcherlei soziale Abstiegsbewegungen, so unangenehm sie dem
Betroffenen auch erscheinen mögen, durchaus normal und auch für
die Gesellschaft insgesamt nicht problematisch, wenn sie sich mit Aufstiegsbewegungen
die Waage halten. Dem war aber in der Weltwirtschaftskrise nicht so; vielmehr
befand sich eine ganze Generation in einem vergleichbaren Abstieg und
in einer nahezu identischen Widerspiegelung dieser Lage. Im Tagebuch Kurt
Kleinaus liest sich der Vermerk über den NSDAP-Beitritt dann auch
so, als hätte er etwas getan, was jetzt alle tun: "Auch ich
stehe in der sogen. 'Braunen Armee'". Insofern ist anzunehmen, dass
die Verhängung der Kurzarbeit für ihn nur den letzten Anlass
zu einem Schritt bildete, der früher oder später auf jeden Fall
zu erwarten gewesen wäre. Denkbar ist aber auch, dass seine Zugehörigkeit
zu einer von ihm selbst als herausgehoben empfundenen Angestelltenkategorie
ihn besonders radikal auf die bis vor kurzem kaum denkbare Verschlechterung
seiner sozialen Situation reagieren ließ.
Wie viele andere dieser Eintrittsjahrgänge auch stürzte Kurt
Kleinau sich fanatisch und ausdauernd in die Parteiarbeit. Im Zuge der
Expansion der Partei stieg er im November 1932 zum Zellenleiter und im
März 1934 zum Ortsgruppenleiter der neugegründeten Ortsgruppe
Bernburg-Wasserturm auf. Seine beiden ältesten Söhne sollten
später die Nationalpolitische Bildungsanstalt in Ballenstedt besuchen,
deren Absolventen für Führungspositionen im Dritten Reich vorgesehen
waren. Da seine Wohnung sich in einer Gegend mit starker Arbeiterbevölkerung
befand machte ihn sein Engagement für die NSDAP gelinde gesagt nicht
beliebter; die Familie wurde nach dem Parteieintritt des Mannes gemieden,
die Frau auf offener Straße angespuckt, das "Nazischwein"
war in der Wohngegend verhasst. Auch einige Aufträge gingen ihm dadurch
verloren, dass er bei den potentiellen Kunden mit Parteiabzeichen am Rockaufschlag
vorsprach. Andererseits war er wohl gerade durch seine großflächigen
Geschäftskontakte als Multiplikator wichtig für die Partei.
Insgesamt scheint er auch nach 1933, wie im übrigen auch die schon
vorgestellte Emma Hentschel, keinen erkennbaren persönlichen materiellen
Gewinn aus seiner Aktivistenrolle für die NSDAP gezogen zu haben.
Nach seinem eigenen Bekunden sollte sich an der oftmals stark ablehnenden
Haltung ihm als Nationalsozialisten gegenüber erst nach 1933 etwas
ändern; man kann aber davon ausgehen, dass er hier zumindest in Teilen
"geachtet" und "gefürchtet" verwechselt hat.
Letzteres deutet aber auf den eigentlichen Gewinn hin, den er aus seinem
Engagement für die "Bewegung" zog, er konnte damit - wie
übrigens auch Emma Hentschel über die Positionen ihrer Kinder
- die für ihn so wichtige gesellschaftliche Geltung erlangen.[211]
In ähnlicher Stärke wie bei Emma Hentschel war der unbedingte
Führerglaube auch bei Kurt Kleinau ausgeprägt. In einer Tagebuchnotiz
vom August 1932 schreibt er, nachdem er die grassierende Arbeitslosigkeit
beklagt hat: "Zur Wiederaufrichtung des Glaubens an ein besseres
Deutschland ist uns ein fast namenloser Führer entstanden, Adolf
Hitler". Ein von ihm selbst verfasstes und auch veröffentlichtes
Gedicht "Deutsche Weihnacht 1933" ist in seiner Aussage eindeutig,
der "Führer" erscheint hier als 'Heiland', der die Deutschen
ins 'gelobte Land' - sprich: die "Volksgemeinschaft" - führt,
wo dann alle glücklich miteinander leben werden:[213]

Kurt Kleinau vor dem Abmarsch zum
NSDAP-Reichsparteitag 1937[212] |
|
|
"Deutsche Weihnacht 1933 Draußen
ist's finster,
Draußen ist's kalt,
Draußen steht schwarzer, schweigender Wald.
In
uns aber leuchtet der Stern
Unseres Heilands, unseres Herrn
Der Menschheit zur Freude,
Der Menschheit zum Frieden,
Ist einst er gekommen
Zur Erde hienieden!
Draußen
ist's finster,
Draußen ist's kalt,
Draußen - verlor sich die Menschheit bald!
Da
sandte uns Gott
Den Führer aus Not,
Den wirklichen Kämpfer
Für Freiheit und Brot.
Er ist uns gesandt zur Erde hienieden,
Der Menschheit zu bringen einen wahrhaften Frieden!
Drum
ist's uns nicht dunkel!
Drum ist's uns nicht kalt!
Denn der Führer führt uns,
Und das gibt uns Halt!
Er
gab zurück uns das Gottvertrau'n!
So lasset uns alle mit ihm bau'n
Das heilige deutsche Reich hienieden,
Allen Menschen zum Wohlgefallen und Frieden!" |
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Alfred
F. wurde 1908 als Sohn eines seit 1911 in Bernburg ansässigen Bäckermeisters
geboren. In den Jahren 1915 bis 1923 besuchte er das Bernburger Karls-Realgymnasium
bis zur Untertertia und trat danach bei der Firma Heinrich Koch Co. Zigarrenfabriken
Bernburg, in die kaufmännische Lehre ein, bei er auch nach Beendigung
der Lehrzeit bis Ende 1926 als Angestellter verblieb. Von Anfang 1927 bis
Mai 1929 war er bei der Bernburger Bank AG als Angestellter beschäftigt,
um dann im Juni 1929 als Bürobeamter in die Zentralverwaltung der Deutschen
Solvay-Werke AG in Bernburg überzuwechseln. Eine über längere
Zeit andauernde wirtschaftliche Notlage ist aus dieser lückenlosen und
eher einen beruflichen Aufstieg markierenden Erwerbsbiographie kaum zu konstruieren.
In gleicher Weise geradlinig wie seine Erwerbsbiographie vollzog sich sein
politischer Werdegang. Anfang 1924 war er im Alter von 14 Jahren Mitbegründer
des Scharnhorst, Ortsgruppe Bernburg, und trat im August desselben Jahres
zum Jungwolf, der Jugendorganisation des Wehrwolf, über. 1925 wurde er
dann dem Wehrwolf überwiesen, von dem aus er im Herbst 1926 zum Bund
Oberland übertrat. Nach der Auflösung des letzteren trat er per
1. Januar 1930 im Alter von 21 Jahren in die NSDAP und im Juli 1931 auch in
die SS ein. 1934 heiratete er die Tochter eines Bernburger Justizsekretärs,
eine ehemalige "Wehrwolf-Opferschwester".[214]
Angesichts seines geradlinigen beruflichen Werdeganges stellt
sich die Frage nach den Gründen für sein kontinuierliches
aktivistisches Engagement im völkischen Spektrum. So
man denn subjektiv so empfundene und auf eine politische Ebene
projizierbare Zurücksetzungen als mit verursachend für
eine Radikalisierung annimmt, bietet sich hierfür im
Falle F.'s eher die Erwerbsbiographie des Vaters an. Der Vater
ist in den Bernburger Adreßbüchern als selbständiger
Bäckermeister zweifelsfrei nur bis 1913 nachweisbar;
nach dem Ersten Weltkrieg gab es die Bäckerei F. nicht
mehr.[215] Damit
wäre auch zu erklären, warum Alfred F. nicht, wie
es vom Sohn eines Bäckermeisters zu erwarten gewesen
wäre, den Bäckerberuf erlernte und das Handwerk
des Vaters fortführte, sondern die Angestelltenlaufbahn
einschlug. Sofern man vor allem in persönlichen Demütigungen
den Hauptgrund für die Radikalisierung sehen möchte,
so bietet sich im Falle Alfred F.'s das zu vermutende familiäre
Trauma des Statusverlustes an, das zudem durch den Sohn eine
Überantizipation erfuhr. Der Vater selbst ist nicht als
NSDAP-Mitglied nachweisbar.
*
Zusammenfassend
ist für das Untersuchungsgebiet festzustellen, dass der
typische Nationalsozialist der Aufstiegsphase eben nicht der
sadistische, womöglich noch aus dem Lumpenproletariat
stammende prügelsüchtige SA-Mann war, sondern ein
relativ junger, eher weicher Kleinbürger, dessen Lebensentwürfe
sich vor dem Hintergrund eines überfüllten Arbeitsmarktes
und der Weltwirtschaftskrise als nicht realisierbar erwiesen.
Fragt man nach dem Gewinn, den die in der Organisation bleibenden
Mitglieder der Jahre 1930/31 aus ihrer Mitgliedschaft zogen,
so war es über alle dargestellten Gruppen hinweg ein
Zugewinn an Selbstwertgefühl und subjektiver Zukunftsgewißheit.
| 5.
1932/33: Vorauseilender Gehorsam |
| |
"Das
Bürgertum flattert nun einmal dahin, wo die Macht ist und wo es
sich Vorteile erhofft [...]". Wilhelm Loeper, Landesinspekteur
für Mitteldeutschland-Brandenburg, in einem Stimmungsbericht vom
11. November 1932 an die NSDAP-Reichsorganisationsleitung.[216]
|
| 5.1
Nationalsozialistische Machtübernahme in Anhalt |
Am
24. April 1932 waren die anhaltischen Nationalsozialisten am Ziel. In den
Landtagswahlen gewannen sie 15 der 32 Mandate und konnten in der Folge eine
nationalsozialistisch-rechtsbürgerliche Regierung unter dem nationalsozialistischen
Staatsminister Dr. Freyberg, bis dahin Rechtsanwalt im preußischen Quedlinburg,
bilden.[217] Schon in den Kommunalwahlen
im Oktober 1931, als die NSDAP in den Städten ihren Erfolg aus den Reichstagswahlen
des Vorjahres wiederholen konnte,[218]
hatte sich dieser Wahlsieg angedeutet.
Seit Dezember 1918 hatte die SPD in Koalition mit der linksliberalen Deutschen
Demokratischen Partei (Deutsche Staatspartei) und der Gruppierung der Bodenreformer
nahezu ununterbrochen das Land regiert. Angesichts dieser in der Weimarer
Republik nur noch in Hamburg in gleicher Weise anzutreffenden Regierungskontinuität
erstaunt die mit dem nationalsozialistischen Wahlsieg sichtbar gewordene deutlich
schnellere Faschisierung[219] des
noch aus der Zeit des Kaiserreichs mit langen liberalen und rechtssozialdemokratischen
politischen Traditionen versehenen Kleinstaates. Die Ursachen für diese
anhaltische Vorreiterrolle sind einerseits struktureller Art. Die vergleichende
historische Wahlforschung hat gezeigt, dass die NSDAP vor allem in Gebieten
besondere Erfolge erzielen konnte, die protestantisch dominiert waren und
eine kleinstädtisch-ländliche Siedlungsstruktur sowie einen hohen
industriellen Entwicklungsgrad aufzuweisen hatten. In solcherart anfälligen
Regionen war von vornherein die Schwäche zweier glaubensintensiver und
somit vor dem Nationalsozialismus immunisierender Richtungen, des politischen
Katholizismus (Zentrumspartei) und des Kommunismus, zu erwarten. Diese Voraussetzungen
trafen auf Anhalt in fast schon idealer Weise zu. Die noch im Herzogtum wirksamen
Traditionen kompromissorientierter Konfliktaustragung[220]
traten angesichts einer zunehmenden Deregionalisierung der Politik und angesichts
des Generationswechsels unter Politikern und Wählern im nunmehrigen Freistaat
Anhalt inzwischen in den Hintergrund.
Doch neben diesen strukturellen Gründen waren es vor allem aus der politischen
Entwicklung des Landes resultierende Ursachen, die für den NSDAP-Wahlsieg
1932 verantwortlich zeichneten. Über den ganzen Zeitraum der Weimarer
Republik hinweg vollzog sich unter den Wählern des "bürgerlichen"
resp. "nationalen" Wählerlagers eine Verlagerung des Schwerpunktes
zu den rechts stehenden Parteien. Diese Verlagerung führte, korrespondierend
mit der Entwicklung auf Reichsebene, aber in Anhalt von einem deutlich höheren
Niveau ausgehend, zur Marginalisierung der an der Landesregierung beteiligten
Deutschen Demokratischen Partei. Seit Beginn der Weimarer Republik bestand
in der Mitte der anhaltischen Gesellschaft ein politisches Potential ohne
traditionelle Loyalitätsbindungen an eine konkrete Partei. Sozial wurde
dieses Potential vor allem repräsentiert durch die zahlenmäßig
weiter anwachsende Schicht der Angestellten und Beamten. Es band sich 1918/19
an die DDP bzw. in geringen Teilen auch an die SPD, begann jedoch schon 1920
zur gerade gegründeten DVP hin abzuwandern. Diese fing es bis zum Ende
der 20er Jahre auf, konnte es aber gleichfalls nicht dauerhaft an sich binden
und verlor es nach 1928 bis hin zum Wahlsieg 1932 an die NSDAP. Den Regierungsparteien
SPD und DDP war dadurch, dass die Radikalisierung des "nationalen"
Lagers in den ihnen sozial am nächsten stehenden Sozialschichten stattfand,
jede Ausdehnungsmöglichkeit genommen. Vielmehr verloren sie gerade dort
- in der Mitte der Gesellschaft - weiter an Einfluss. Durch das Schwinden
der Substanz des Koalitionspartners DDP war es der SPD schon nach den Landtagswahlen
1928 nur noch möglich gewesen, mit dieser eine Minderheitsregierung einzugehen.
Von vornherein war diese Regierung auf die Stimmenthaltung der KPD oder einzelner
rechtsbürgerlicher Abgeordneter angewiesen und ihre Gestaltungsmöglichkeiten
schwanden in dem gleichen Maße, wie bei den Oppositionsparteien die
Obstruktionspolitik Oberhand gewann.[221]
Diese fragile Konstruktion führte mit zunehmender Radikalisierung der
politischen Auseinandersetzungen in der Weltwirtschaftskrise zur Regierungsunfähigkeit.
Die Demontage des parlamentarischen Systems vollzog sich schon seit 1928 durch
die rechtsbürgerlichen Parteien zu einer Zeit, als die NSDAP noch ohne
politische Bedeutung war. Damit bereiteten DVP und DNVP den Boden für
deren Erfolg. Und sie taten dies viel wirkungsvoller als es die Schimpftiraden
des zu dieser Zeit einzigen NSDAP-Landtagsabgeordneten, Gauleiter (und später
NS-Reichsstatthalter) Hauptmann a. D. Wilhelm Loeper, im anhaltischen Landtag
vermocht hätten. Auslösend für den rigiden Konfrontationskurs
seitens der Deutschen Volkspartei scheint das von der SPD 1928 abgelehnte
Koalitionsangebot - die SPD wollte nicht ohne den bewährten Koalitionspartner
DDP regieren, was wiederum die DVP nicht tolerieren wollte - gewesen zu sein.
Im Kreis Bernburg wurde diese strikte Konfrontation in erster Linie durch
die führende "bürgerliche" Zeitung, den "Anhalter
Kurier" des Herrn Zweck von Zweckenburg, umgesetzt.[222]
Das Jahr 1930 ist als das Jahr der irreversiblen Weichenstellung in Richtung
der nationalsozialistischen Herrschaft in Anhalt anzusehen. Die SPD war durch
den lange verschleppten Konkurs des von ihr begründeten Anhaltischen
Siedlerverbandes, durch eine Korruptionsaffäre und ein wirtschaftspolitisches
Kompensationsgeschäft zum Schaden der Region um Leopoldshall im Zusammenhang
mit dem Verkauf der Anhaltischen Salzwerke an die Preußag und durch
den aus wahlarithmetischen Gründen angestrebten Anschluss Anhalts an
Preußen schwer kompromittiert. Hinzu kamen etliche kleinere Skandale,
wie etwa in der Landeshauptstadt Dessau die Eingemeindung der Dörfer
Jonitz, Naundorf, Scholitz, Pötnitz und Dellnau, die wiederum eigentlich
die Wahlchancen der SPD hatte verbessern sollen. Mit den per Gesetz dem Dessauer
Gemeinderat aus diesen Dörfern zugeteilten Vertretern wurden dann je
ein sozialdemokratischer und ein demokratischer Stadtrat auf die Dauer von
zwölf Jahren gewählt, was zum dauerhaften Auszug der Rechtsparteien
aus dem Gemeinderat führte.
Das von der rechten Seite des politischen Spektrums strapazierte Wort vom
"Bonzentum" ließ sich auch auf Ebene des Kreises Bernburg
durchaus verifizieren. 1928 wurden dem Reichsbannervorsitzenden und ab 1930
auch Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins Bernburg, Oberstadtsekretär Ewald
Lichtenberg, Unterschlagungen in seiner Funktion als Vorsitzender des Mietervereins
Bernburg in Höhe von mehreren tausend Mark nachgewiesen, die für
ihn allerdings wegen der allgemeinen Konfusion im Mieterverein strafrechtlich
ohne Folgen blieben.[223] Schon im
August 1927 war der Parteisekretär für den SPD-Unterbezirk Anhalt
II (Bernburg-Köthen-Ballenstedt), Fritz Jungmann, wegen Unterschlagung
aus der Partei ausgeschlossen worden.[224]
Ende 1929 musste sich der Nienburger SPD-Stadtrat Gödicke mit - im wesentlichen
unberechtigten - Vorwürfen auseinandersetzen, er hätte gleichzeitig
die Bezüge als besoldeter Stadtrat und Arbeitslosenunterstützung
erhalten.[225] Kurz darauf wurden
Anfang 1930 im Bereich des Konsumvereins Bernburg Unterschlagungen aufgedeckt.
Ein Kassierer und ein Lagerhalter aus Hecklingen schossen sich daraufhin eine
Kugel in den Kopf.[226] 1930 war
schließlich auch das Jahr des Konkurses des Anhaltischen Siedlerverbandes.
Schon Ende 1929 hatte seitens der Bernburger SPD offiziell festgestellt werden
müssen, dass sich der von ihr initiierte Siedlerverband mit dem Projekt
Friedrichshöhe - von den Gegnern nach der Bauform "Zickzackhausen"
getauft - übernommen habe.[227]
Kurz: die Partei war durch die sich häufenden Skandale schwer diskreditiert.
Der vor allem mittels Pressekampagnen und Verleumdungsklagen vorgetragene
konzentrierte Angriff der Rechtsparteien gereichte jedoch in den Reichstagswahlen
des Jahres 1930 nur zu einer Stärkung der NSDAP. Die DVP als bisher führende
Kraft des "bürgerlichen" politischen Spektrums orientierte
sich unter dem Eindruck des Aufstiegs der NSDAP gänzlich um und ordnete
sich ihr mehr und mehr unter. Ein letzter Versuch, mittels eines - gescheiterten
- Volksbegehrens zur Landtagsauflösung Anfang 1931 die Initiative zurückzugewinnen,
schlug fehl. Die Nationalsozialisten hatten von Anfang an klargestellt, dass
sie sich nicht vor den volksparteilichen Karren spannen lassen würden.
Die NSDAP wurde zur neuen integrierenden Kraft des "bürgerlichen"
Spektrums. Den politischen Kräften rechts der regierenden Koalition ging
es - wie 1924, als schon einmal eine "bürgerliche" Einheitsliste
existierte - um die Ausschaltung der Sozialdemokratie. Alle anderen Fragen
erwiesen sich demgegenüber als sekundär.[228]
Der akute Abstieg der anhaltischen Sozialdemokratie in die politische Zweitrangigkeit
begann nach den Gemeinderats- und Kreistagswahlen im Herbst 1931. Für
die Sozialdemokraten gab es auf kommunaler Ebene keinen politischen Gestaltungsspielraum
mehr, durch die Umschichtung im "bürgerlichen" Lager zugunsten
der NSDAP waren "die Schreier an die Stelle praktischer Politiker getreten".[229]
Die nationalsozialistisch-bürgerlichen Mehrheiten verhinderten die Mitarbeit
von "Marxisten" in den Kommissionen und verweigerten die bis dahin
übliche Wahl eines Vertreters der zweitstärksten Partei (d. h. jetzt
in der Regel der SPD) zu Vizevorsitzenden; es begann die Suspendierung von
sozialdemokratischen Angestellten und Beamten. In den Kommunalparlamenten
selbst kam es zu von den NSDAP-Abgeordneten angezettelten Prügeleien.
Die Minderheitskoalition von SPD und Staatspartei auf Landesebene sah sich
durch die oppositionellen Parteien von links und rechts blockiert. Ende 1931/Anfang
1932 wurde die Regierung Deist-Weber mehrfach über Misstrauensvoten gestürzt
und anschließend mit absoluter Mehrheit wiedergewählt.[230]
Rechtsbürgerliche, Nationalsozialisten und Kommunisten[231]
verhinderten zusammen die Verabschiedung eines Etats für 1932, so dass
nur ein Notetat beschlossen werden konnte. Und nicht zuletzt belegen zahlreiche
Beleidigungs- und andere Verfahren, dass die Justiz in Anhalt zu diesem Zeitpunkt
schon streng rechts Urteile fällte.[232]
Schon seit April 1931 war die Bernburger Stadtverordnetenversammlung nicht
mehr arbeitsfähig. In Stellvertretung der dort zwischen 1928 und 1931
nicht vertretenen NSDAP betätigte sich vor allem der deutschnationale
Fraktions- und Ortsgruppenvorsitzende Dachpappen-Kleinfabrikant Dr. Philipp
als Untermineur demokratischer Verfahrensweisen und sorgte maßgeblich
dafür, dass die Rechtsfraktionen und die Kommunisten die Bürgermeisterwahl
sabotierten. Kennzeichnendes Merkmal der die Demontage des parlamentarischen
Systems vorantreibenden Politiker war in erster Linie deren Profillosigkeit.
Für Bernburg sind in jenen Jahren lediglich zwei über die Stadtgrenzen
hinaus profilierte Politiker auszumachen: der "Volkswacht"-Redakteur
und Stadtverordnetenvorsteher (bis 1931) Budnarowski und der von der Rechten
ebenfalls heftig befehdete demokratische Oberbürgermeister Gothe.
Nach den Gemeinderatswahlen vom Oktober 1931 waren KPD und SPD in den Kommissionen
der meisten Gemeinderäte nicht mehr vertreten, sie wurden durch die nunmehrigen
nationalsozialistisch-bürgerlichen Mehrheiten ferngehalten. In der Stadt
Bernburg standen elf nationalsozialistischen und fünf 'Rest'-bürgerlichen
lediglich noch zehn sozialdemokratische und vier kommunistische Stadtverordnete
gegenüber, wobei auch jetzt noch SPD und KPD angesichts der über
Jahre beiderseits sorgfältig kultivierten Feindschaft sich zum abgestimmten
Vorgehen bis zum Ende im Jahre 1933 unfähig zeigten.
Die
Möglichkeiten zur Verhinderung der nationalsozialistischen Machtübernahme
in Anhalt waren von vornherein äußerst begrenzt. Die NSDAP stellte
nach der Landtagswahl vom April 1932 mit ihren 15 Landtags-Mandaten einen
derartig großen Block dar - 19 Mandate waren für eine Mehrheit
nötig -, dass eine Regierungsbildung ohne sie kaum möglich war.
Es hätten schon KPD, SPD, DDP, DVP und der Anhaltische Hausbesitz ein
Bündnis schließen müssen, um die NSDAP von der Regierung fernzuhalten.
Ein vollkommen utopisches Projekt, schließlich liefen gleich zwei 'Feindeslinien'
durch diese gedachte Gruppierung. Doch war die Regierungsbildung der NSDAP
nicht unausweichlich. Die vom ehrgeizigen Dessauer Rechtsanwalt Dr. Eisenberg[233]
geführte Deutsche Volkspartei hätte es in der Hand gehabt, durch
ihre Verweigerung nur eine Minderheitsregierung aus NSDAP, DNVP und Hausbesitz
zuzulassen; hätte der Hausbesitz sich auch noch verweigert wären
Neuwahlen die unweigerliche Folge gewesen. Das konnte jedoch nicht in der
Intention der DVP liegen. Man hatte seit mehr als einem Jahrzehnt daran gearbeitet,
die verhasste Sozialdemokratie endlich abzuservieren. Aus welchem Grunde sollte
man sich jetzt dem endgültigen Sieg verweigern - auch wenn dieser von
einer anderen Partei erzielt worden und man selber nur noch Zaungast des Geschehens
war?
Die weitere Entwicklung sollte zeigen, wie ähnlich sich
Deutsche Volkspartei und NSDAP inzwischen waren. Anfang Juli
1932 trat die anhaltische Landesorganisation der Deutschen
Volkspartei - ihre Kapitulation vor der NSDAP besiegelnd -
aus der Partei aus. Im Anschluss daran wurden Ortsgruppen
der "Nationalliberalen Partei" gegründet. Auf
deren Dessauer Gründungsversammlung erklärte der
Landtagsabgeordnete Dr. Eisenberg, die Nationalliberale Partei
"sehe ihre Aufgabe nicht
in der Bekämpfung irgendeiner nationalen Bewegung.
So stelle sie sich 100prozentig hinter den Geist der Nationalsozialisten
gegen die Erfüllungspolitik [der Forderungen des Versailler
Vertrages - T. K.], setze sich 100prozentig ein für den
Grundsatz 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz' und für den
Ausgleich zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. In diesem
Sinne sei seine Partei 100prozentig nationalsozialistisch.
Dagegen lehne die Nationalliberale Partei 100prozentig jeden
wirtschaftlichen Sozialismus ab."[234]
Im Klartext: nationalistisch durchtränkter Wirtschaftsliberalismus,
der sogar die NSDAP als "sozialistische" Partei
einstufte.[235] Von
der Bindung an eine demokratische Staatsform hatte man sich
schon lange vorher verabschiedet; daran änderte auch
ein formales antidiktatorisches Bekenntnis nichts. Die Anfang
August 1932 von Dr. Eisenberg veröffentlichten programmatischen
Grundsätze der nur noch eine marginale Rolle spielenden
Nationalliberalen Partei begannen mit dem Satz "Wir wollen
national sein."[236]
Tatsächlich waren die Unterschiede zwischen NSDAP und DVP - wie auch
den anderen rechtsbürgerlichen Parteien - schon im Jahre 1930, dem Jahr
des Führungswechsels, lediglich noch gradueller Natur gewesen. Die Wahrnehmungsmuster
waren dieselben. Durchweg sahen sie sich von der sozialdemokratisch-demokratischen
Regierung unterdrückt und gedemütigt und konstruierten eine real
nicht existente "geschlossene Linke". Differenzen zwischen DVP und
NSDAP bestanden lediglich noch in der Frage der von der DVP angestrebten "bürgerlichen"
Einigung, die für die NSDAP deswegen kein Thema war, weil der Begriff
der "Volksgemeinschaft" sich schon als wesentlich zugkräftiger
erwiesen hatte, weiterhin in dem von der DVP kaum praktizierten Antisemitismus,
im nur von der NSDAP praktizierten Terror als Propagandainstrument und schließlich
in der Ablehnung der scheinsozialistischen Phraseologie der Nationalsozialisten
durch die DVP. Doch gerade diese Unterschiede dürften die NSDAP für
die ihr von den rechtsbürgerlichen Parteien zuströmenden Wähler
attraktiv gemacht haben. Der Dessauer "Anhalter Anzeiger" schrieb
schon im Wahlkampf 1924: "Es geht eine tiefe Sehnsucht durch die Massen,
eine Sehnsucht nach Kraft und Macht."[237]
Und diese Sehnsucht versprach die NSDAP wesentlich effektiver zu befriedigen
als alle anderen "bürgerlichen" Parteien.
Die Sozialdemokratie als bei weitem größte anhaltische Partei weigerte
sich sehr lange, die NSDAP als eigenständige politische und soziale Bewegung
wahrzunehmen. So sah der tonangebende Sozialdemokrat im Kreis Bernburg, der
"Volkswacht"-Redakteur Johann Budnarowski, den Nationalsozialismus
noch 1930 als "vorübergehende Erscheinung" an.[238]
Bezeichnend für den Fokus der sozialdemokratischen Führung ist,
dass der seinerzeitige sozialdemokratische Ministerpräsident Heinrich
Deist selbst noch in einem 1951 verfassten Lebenslauf schrieb, dass in Anhalt
"1932 [...] die Deutschnationalen mit den Nazis die Mehrheit bekamen."[239]
Es war eben umgekehrt! Doch diese Verwechslung zeigt, dass die NSDAP seitens
großer Teile der Sozialdemokratie auch zu einem Zeitpunkt noch als Anhängsel
der Deutschnationalen wahrgenommen wurde, als letztere schon relativ unbedeutend
waren und nur noch zum Mehrheitsbeschaffer der NSDAP taugten. Es war denn
auch die mangelnde Trennschärfe zwischen Deutschnationalen und Nationalsozialisten,
die Budnarowski veranlassten, in letzteren permanent 'gekaufte Subjekte' zu
sehen. Bei ländlichen deutschnationalen Arbeitgebern scheinen solche
Beeinflussungs-Praktiken durchaus üblich gewesen zu sein, doch hinsichtlich
der NSDAP ist nicht festzustellen, dass sie davon erfaßt worden wäre.
Große Teile der mittlerweile auch schon in die Jahre gekommenen anhaltischen
SPD konnten sich jedoch nicht von alten, früher einmal auch richtigen
und vor allem vertrauten Sichtweisen trennen. Schließlich hatte man
auch 1924 das Bürgerblock-Intermezzo schon nach einem Vierteljahr beenden
können.
Die anhaltische Sozialdemokratie befand sich zudem gerade zu Anfang der 30er
Jahre in einer tiefen inneren Krise. Der Generationskonflikt war aufgebrochen,
kam aber nicht zur Lösung, weil infolge des sich auch in der Arbeiterschaft
auswirkenden politischen Rechtsrutsches ein genügend starker Zulauf an
jungen Mitgliedern fehlte. Die Partei überalterte tendenziell, die alten
bewährten Funktionäre waren für neue Herangehensweisen nicht
zu gewinnen. In der Reaktion der anhaltischen SPD auf die akute nationalsozialistische
Bedrohung veranschaulichen sich denn auch sowohl der begonnene Führungswechsel
als auch der reichsweite Konflikt zwischen Abwartehaltungen einerseits und
aktivem Auftreten gegen die Gefährdung der Weimarer Demokratie andererseits.[240]
Für die Gegenpole in der anhaltischen Sozialdemokratie standen zwei Personen:
Heinrich Peus, der als Chefredakteur des "Volksblattes für Anhalt"
der anhaltischen Sozialdemokratie vier Jahrzehnte die (gemäßigt-reformistische)
Richtung vorgegeben hatte, und Gerhart Seger, der neue Chefredakteur, ein
gemäßigter Linker. Peus stand für das Ignorieren, Seger für
die aktive Bekämpfung des Nationalsozialismus.[241]
Der Meinungsbildner der Bernburger Sozialdemokraten, der "Volkswacht"-Redakteur
Budnarowski, ist eindeutig der Seger-Linie zuzuordnen. Doch auch er war nicht
bereit, seine dezidiert antikommunistische Position zeitweilig für ein
taktisches Bündnis mit der KPD in den Hintergrund treten zu lassen. Noch
auf der Unterbezirkskonferenz Anhalt II Anfang Februar 1933 äußerte
er, auf ein entsprechendes Angebot der KPD eingehend, es könne keine
Einheitsfront mit der KPD geben, solange sie andere Ziele als die SPD verfolge
und sich nicht auf den "Boden des Gesetzes" stelle.[242]
Soweit überschaubar, täuschte sich die anhaltische SPD in ihrer
Gesamtheit auch über den sozialen Charakter der nationalsozialistischen
Bewegung. Die NSDAP galt bei ihr zumeist als "arbeiterfeindlicher Mittelstand".[243]
In den verschiedensten Orten waren jedoch unübersehbar Arbeiter auf Kandidatenlisten
der NSDAP vertreten, ohne dass dies innerhalb der sozialdemokratischen Führerschaft
zu weitergehenden Überlegungen geführt hätte. Bestenfalls wurden
diese Arbeiter als eigens für den Stimmenfang bei Proletariern aufgestellte
Alibikandidaten angesehen. Ansonsten sei die Arbeiterschaft gegen die NSDAP
immun. So wurde im Februar 1932 aus Coswig berichtet, dass man sich durch
Einsicht in deren Mitgliederliste davon hätte überzeugen können,
dass der NSDAP in Coswig weniger als 5 % Arbeiter angehörten. Das könnte
zwar für die besonderen Coswiger Verhältnisse einer sozial relativ
homogenen Arbeiterschaft und einer übermächtigen lokalen Arbeiterbewegung
zutreffend gewesen sein, repräsentativ für das ganze Land war dies,
wie auch diese Untersuchung zeigt, mit Sicherheit nicht.[244]
Denkbar ist, dass seitens der aktiven Sozialdemokraten nur Industriearbeiter
als "Arbeiter" angesehen wurden, die "untypischen" Arbeiter
in Handwerksbetrieben einschließlich der als Gesellen mitarbeitenden
Meistersöhne jedoch nicht. Doch auch dies dürfte die Differenz zwischen
der Anschauung der örtlichen Sozialdemokratie und den tatsächlichen
Mitgliederverhältnissen in der NSDAP nur zu einem Teil ausfüllen.
Für Budnarowski blieb der Nationalsozialismus in sozialer Hinsicht eine
"Entartungserscheinung der absterbenden Schichten des Bürgertums.
Schichten, die durch den Krieg in Krisen gerieten, verhinderte Parvenus, die
nicht mehr Kommerzienrat werden können, Kleinbürgertum, das von
der Inflation ausgepowert wurde, beruflos gewordene Offiziere und asoziale
Elemente des Bürgertums, die im Notfalle den § 51 für sich
reklamieren, akademisches Proletariat, Antisemiten, das Lumpenproletariat
der Bourgeoisie und leider auch Teile des Proletariats, die sich kaufen lassen,
bilden die Gefolgschaft des Faschismus. Durch Geld kann man leider auch heute
noch Menschen kaufen. Programmlosigkeit ist der Ausdruck dieser Bewegung.
[...] Diese zwei Kräfte: rückwärtsgerichtete, absterbende Gesellschaftsschichten
und aufsteigende Jugend, hat der Faschismus in seinen Dienst gestellt."[245].
So ist denn auch erklärlich, warum der Antikommunist Budnarowski sich
Anfang 1930 in der Beurteilung der NSDAP mit der KPD einig wissen konnte:
"Der Faschismus ist das Kampfmittel des Kapitalismus gegen das emporstrebende
Proletariat. Weil der Faschismus die kapitalistische Diktatur erstrebt, deshalb
wird er vom Kapital ausgehalten."[246]
In Bernburg als Referenten auftretende auswärtige Funktionäre -
im speziellen aus Magdeburg - hatten einen ersichtlich realistischeren Blick
auf die NSDAP-Anhängerschaft.[247]
Auch die anderen anhaltischen Parteien scheinen den besonderen sozialen Charakter
der nationalsozialistischen Gefolgschaft nicht erkannt zu haben. Beispielsweise
findet sich in den ansonsten sehr ausführlichen Lebenserinnerungen des
seinerzeitigen langjährigen Dessauer Oberbürgermeisters Fritz Hesse
(Deutsche Staatspartei) kein Vermerk zu dieser Frage, was nur dahingehend
zu deuten ist, dass er sich die Entstehung der nationalsozialistischen Partei
auch in späteren Jahren nicht hinreichend erklären konnte.
Nach der Wahlniederlage in der Landtagswahl 1932 wurden der bereits ihrer
parlamentarischen Wirksamkeit beraubten SPD jetzt auch die Möglichkeiten
der politischen Artikulation überhaupt beschnitten. Das Verbot der sozialdemokratischen
Presse im Juli und November 1932 und von sozialdemokratischen Wahlversammlungen
und -plakaten entwickelte sich zum integralen Bestandteil nationalsozialistisch-bürgerlicher
'Wahlkampfmaßnahmen' des Ministeriums Freyberg. Anstelle politischer
Kundgebungen der Eisernen Front war in der zweiten Jahreshälfte 1932
legal allgemein lediglich noch die Veranstaltung von "Unterhaltungsabenden"
möglich. Auch war der Straßenterror mit der Machtübernahme
der NSDAP nicht mehr vorwiegend eine Angelegenheit, die zwischen Nationalsozialisten
und Kommunisten ausgetragen wurde; jetzt wurden auch Reichsbanner-Angehörige,
Versammlungen der Staatspartei usw. gewaltsam angegriffen. Die anhaltische
Sozialdemokratie als bisher dominierende Partei verstand es nicht, sich der
beständigen Einengung ihres politischen Spielraumes zu erwehren. Sie
blieb - wie die auch die Reichs-SPD - "nur ein Wahlverein, [...] eine
Wahlmaschine" und machte keine Anstalten, "sich mit jedem tauglichen
Mittel als Machtfaktor" durchzusetzen, "wenn nicht innerhalb des
Parlaments, dann außerhalb des Parlaments."[248]
Man war nicht bereit, sich das 'Recht auf die Straße' zu erkämpfen.
Freilich hatte das in der anhaltischen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung,
die schon im Kaiserreich streng legalistisch geprägt war, auch keine
Tradition. Selbst nach der Machtübertragung an Hitler im Januar 1933
gab es keinen offenen Protest. Die sozialdemokratische Parteiorganisation
blieb ohnmächtiger Beobachter ihres eigenen Niedergangs.
Die Deutsche Staatspartei, zu deren Versammlungen in Dessau zuletzt fast nur
noch die jüdischen Mitglieder kamen, hatte dem Aufstieg der NSDAP gleichfalls
nichts entgegenzusetzen. Vielmehr wurde das Verhältnis zur SPD insbesondere
in der Landeshauptstadt Dessau noch dadurch belastet, dass von dort polizeiliches
Einschreiten gegen die NSDAP gefordert, vom demokratischen Oberbürgermeister
jedoch relativ selten dem entsprochen wurde. Der "Volksblatt"-Chefredakteur
Seger zog daraus schon 1930 den Schluss, "daß im demokratisch-sozialdemokratischen
Lande Anhalt und in der Stadt Dessau die verfassungstreue Bevölkerung
minderen Rechtes ist."[249]
Die Entfremdung zwischen Sozialdemokraten und Demokraten (Staatspartei) zeigte
sich auch darin, dass dem demokratischen Oberbürgermeister der Landeshauptstadt
bei seinem erfolglosen Bestreben, das Bauhaus gegen die Angriffe der Nationalsozialisten
und rechtsbürgerlichen Parteien in Dessau zu halten, 1932 nur noch die
Kommunisten zur Seite standen.
Trotz
des Mitglieder- und Wähleraufschwungs der NSDAP gab es in Bernburg und
den benachbarten Orten keinen den umliegenden preußischen Gebieten vergleichbaren
SA-Terror. In erster Linie verantwortlich dafür scheint die Person des
schon erwähnten SA-Führers von Bothmer gewesen zu sein, der Gewalt
als Mittel der Politik ablehnte. Bothmer selbst schrieb in seinen Erinnerungen:
"Ich war ein eifriger S.A. Führer, besaß in meinem S.A.- Reservesturm
eine große Gefolgschaftstreue und Liebe, aber dieser 'Reserve'-Sturm
war bei den jungen 'aktiven' Stürmern und vor allem bei ihren Führern
nicht beliebt. Unbeliebt nicht etwa, weil wir ein 'Altherren-Sturm' waren,
der sich schonte, nur angab. Oh nein, wir setzten uns vorbildlich ein, alles
alte Soldaten des ersten Weltkrieges, die das Fürchten verlernt hatten.
- Nein, wir hatten, was Dienstauffassung, Einsatzfreudigkeit, betraf, den
besten Ruf auch bei den 'Aktiven'. Wo wir einen Saalschutz übernahmen
oder in kommunistische oder marxistische Versammlungen als Schutz für
unsere Diskussionsredner geschickt wurden, da kam es niemals zu ernstlichen
Zusammenstößen und Schlägereien, weil von uns keine Provokationen
erfolgten und weil wir aber in der Haltung alter Soldaten zum Ausdruck brachten,
daß wir, sollte es zu handgreiflicher Auseinandersetzung kommen, unseren
Mann stehen würden. Auch unsere politischen Gegner achteten uns. So wurden
die SA- Reservisten Bothmers gerne dorthin geschickt, wo es brenzlig roch
und doch Wert auf ruhigen Ablauf gelegt wurde. Auch die übergeordnete
SA.- Führung und politische Leitung wußte: 'Da passiert nichts.'
- Auch die Polizei sah uns deshalb gerne. Aber wir waren nicht beliebt, und
ich war ein Dorn im Auge den S.A.- Vorgesetzten, dem Sturmbannführer
R., dem Standartenführer M.; denn wir waren keine Rabauken, wir lehnten
das rabaukenhafte Auftreten ab. - Ich selbst erlitt manche Kränkung:
'Der Hauptmann', 'der verkappte Reaktionär'. Man machte es mir schon
nicht leicht, immer diszipliniert mit Überwindung manch inneren Widerstandes
die übernommenen Pflichten durchzuhalten. - Oft verstanden mich auch
selbst die Getreuen nicht, wenn ich streng darauf sah, daß nicht einmal
ein 'wilder Mann' vor besonders gefährlichem Einsatz eine Schußwaffe
einsteckte. Nicht immer fand ich Verständnis, wenn ich sagte: 'Nur der
Feige und Schwächling greift zur Pistole. Der Starke verläßt
sich auf sein tapferes Herz und seine Kräfte.' - Denke ich an diese Zeit
zurück, so muß ich sagen: 'Politiker' war ich nicht. - S.A.- Mann.
Ein Mann, der bereit war, unter persönlichem Einsatz die politische Führung
vor Terror zu schützen."[250]
Freilich war auch von Bothmer nicht davon frei, die öffentliche Präsenz
der SA zur Einschüchterung politischer Gegner zu nutzen.[251]
In völligem Gegensatz zu Bernburg stand jedoch die preußisch-anhaltische
Grenzdoppelstadt Staßfurt-Leopoldshall, die, wie auch die umliegenden
Orte auf beiden Seiten der Grenze, vom "Staßfurter SA-Mordsturm"
unter dem im kriminellen Milieu verwurzelten Führer Ernst Oehmig beherrscht
wurde. Dieser SA-Sturm beging über Jahre hinweg gezielt Überfälle
auf politische Gegner (sehr oft im Stil eines motorisierten Überfallkommandos
mit dem Auto eines Pfarrerssohnes), ohne dass die Angehörigen dieses
SA-Sturms von der rechtslastigen Justiz dafür angemessen belangt worden
wären. Auch einige ungeklärte Todesfälle wurden zeitgenössisch
ihnen zugeschrieben. Erst im Dritten Reich kam der Stern Oehmigs wieder zum
Sinken.
Aus
einer Beurteilung des SA-Obersturmbannführers Ernst
Oehmig, Staßfurt, durch den SA-Standartenführer Rabe,
Stendal, 4. Mai 1935:[252]
"Obersturmbannführer
Oehmig und ich sind etwa zur gleichen Zeit im Jahre 1930 in Stassfurt
zur SA gekommen. Die damalige Standarte 6, deren Sitz in Stassfurt war,
hatte zu dieser Zeit sehr schwere Kämpfe gegen die Kommune auszustehen.
Der jetzige Obersturmbannführer Oehmig war in Stassfurt als einer
der grössten Schläger bekannt, es war aber auch gleichzeitig
bekannt, dass er sich an politischen Auseinandersetzungen bis dahin
wenig oder garnicht beteiligt hatte. [Dafür erhielt er aber allein
1920-24 zehn Vorstrafen wegen Diebstahl und schwerem Diebstahl. - T.
K.] Der damalige Führer der Standarte 6, jetzige Brigadeführer
Michaelis, hatte Oehmig persönlich zum Eintritt in die SA bewogen.
Während der ganzen folgenden Kampfjahre wurde Oehmig stets dort
eingesetzt, wo wir uns mit der Faust behaupten mussten. Sein Einsatz
war damals für uns von sehr wesentlicher Bedeutung, denn zum grossen
Teil seinem Durchgreifen, richtiger gesagt seinen Fäusten, verdankte
die Stassfurter SA, dass sie sich bald, den um das vielfache stärkeren
Gegnern gegenüber auch auf der Straße behaupten konnte. Oehmig's
Beispiel hatte naturgemäss aus den Reihen der bisher politischen
Gegner Männer mit zur SA gebracht, die uns für den Kampf auf
der Strasse ähnlich wertvoll waren.
Ich habe im gleichen Gebiete wie Oehmig bis zu Ende März 1934 in
der SA gewirkt, glaube daher ihn ziemlich gut zu kennen.
Oehmig war sehr gut verwendbar als SA-Mann, er war soweit es damals
erforderlich war, auch diszipliniert. Er führte später einen
Sturm für den er sorgte. Seine Achtung, die er sich im Sturm errang,
beruhte jedoch schon damals weniger auf Führereigenschaften als
auf seinen körperlichen Kräften und seinem dementsprechenden
Durchgreifen. Als Sturmbannführer wurde er nach einer Besichtigung,
bei welcher er dem Gruppenführer Schragmüller in Hecklingen
einen verstärkten Sturmbann voll ausgerüstet zur Besichtigung
stellte, gelegentlich der Führerbesprechung in Wernigerode vor
versammeltem Führerkorps zum Obersturmbannführer befördert.
Nach der Machtergreifung kam Oehmig persönlich [als nunmehriger
Staßfurter Ratsherr - T.K.] in den Vordergrund. Behörden,
wie z.B. der Bürgermeister Kraatz in Stassfurt und auch industrielle
Werke bewarben sich - wie damals üblich - um das Wohlwollen am
Orte massgeblicher SA-Führer, wodurch in Oehmig bald ein Maßstab
für Trennung des Scheins vom Sein verloren ging. Er schien zu glauben,
nun eine gehobene Rolle spielen zu müssen, die ihm aber auf Grund
dessen, dass ihm weder Zeit noch Gelegenheit gegeben war, auch seine
geistigen Fähigkeiten seiner Stellung entsprechend entwickeln zu
können, misslingen musste." [253] |
Die
Sonderrolle Bernburgs in Bezug auf den SA-Terror drückt sich auch in
der von politischen Auseinandersetzungen geforderten Zahl der Todesopfer aus.
Nach dem ersten Toten anlässlich des schon geschilderten Vorfalls aus
dem Jahre 1923 wurde erst am 3. März 1933 wieder ein wohl dem kommunistischen
Spektrum zuzurechnender Arbeiter aus einer vorbeiziehenden NS-Demonstration
heraus erschossen.[254] Doch nach
dem Weggange des SA-Sturmbannführers von Bothmer kam es unter dem aus
Staßfurt geholten Sturmbannführer Kautz zu gleichen Zuständen
wie in Staßfurt-Leopoldshall und Hecklingen. In Staßfurt hatte
es schon im Herbst 1932 bei schweren Zusammenstößen drei Tote gegeben
und am 4. Februar 1933 schließlich war der sozialdemokratische Erste
Bürgermeister Hermann Kasten auf offener Straße von einem nationalsozialistischen
Oberschüler erschossen worden.[255]
Die bisher in Bernburg unterlassenen systematischen Misshandlungen der unterlegenen
politischen Gegner wurden in Bernburg in der Nacht vom 24. zum 25. Juni 1933
'nachgeholt'.[256]
Beschäftigungsverhältnisse
im öffentlichen Dienst unterlagen seit 1933 der vorherigen Überprüfung
auf politische Zuverlässigkeit seitens der zuständigen NSDAP-Kreis-
oder auch Gauleitung. In deren Ergebnis wurde eine Anzahl von Angestellten
und Beamten entlassen und durch "alte Kämpfer" ersetzt, in
der Stadtverwaltung Bernburg betraf dies z. B. aufgrund des "Gesetzes
zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums mindestens sechs exponierte ehemalige
SPD-Mitglieder und eine "Halbjüdin".[257]
Diese Entwicklung vorausahnend hatten schon 1932 Beamte und Angestellte (sogenannte
"Mantelträger") die SPD anscheinend in größerer
Zahl verlassen.[258]
Die Machtübernahme auf Reichsebene 1933 verschaffte der NSDAP auch einen
Zugriff auf die Unternehmen der Privatwirtschaft. Einerseits waren die Unternehmensführungen
darauf bedacht, im Interesse einer optimalen Geschäftsführung ein
gutes Verhältnis zu den neuen Machthabern zu pflegen. Andererseits trat
auch die NSDAP in Gestalt der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation
jetzt sehr offensiv gegenüber den Geschäftsführungen auf. Die
Wege, die in diesem Spannungsfeld von den Unternehmensführungen gegangen
wurden, waren durchaus unterschiedlich. So reichten Geheimrat Eilsberger von
den Deutschen Solvay-Werken in Bernburg für diese - nach heutiger Begrifflichkeit
"Landschaftspflege" - schon einige Spenden an NSDAP-Gauleiter Loeper
und die SS.[259] Doch auch hier musste
man sich dem Druck beugen und 1933 politisch motivierte Entlassungen, Pensionierungen
und Neueinstellungen akzeptieren.[260]
Generell wird es in den größeren Unternehmen der privaten Wirtschaft
1933/34 keine Einstellungen ohne die Zustimmung der NSBO gegeben haben. Im
Protokollbuch des inzwischen schon von der NSBO eingesetzten Betriebsrates
der Bernburger Landmaschinenbau-Firma Siedersleben findet sich unter dem Datum
vom 19. Juli 1933 folgender Vermerk: "Zum Schluß der Sitzung wurde
noch über Einstellungen gesprochen. Es sollen Leute, die schon im Betrieb
gearbeitet haben, außerdem Parteigenossen und jüngere Leute, um
für einen guten Nachwuchs zu sorgen, bevorzugt eingestellt werden."[261]
Diese Notiz ist so zu lesen, dass jüngere Parteigenossen, die schon im
Betrieb gearbeitet haben, vorrangig eingestellt werden sollten. Ob die vorab
dargestellte Absicht zur bevorzugten Einstellung von "Pg.'s" tatsächlich
umgesetzt wurde lässt sich nicht mehr ermitteln. Als Auslöser systemkonformen
Verhaltens dürfte aber die bekundete Absicht schon ausgereicht haben.
Die Machtergreifung der NSDAP in den Betrieben ist für die Dessauer Schultheiß-Brauerei,
die auch in Bernburg eine Niederlage unterhielt, sehr gut nachzuvollziehen.[262]
Deren entscheidender Akt war die Entlassung von 38 Arbeitern (= ca. 10 % der
Arbeiter-Belegschaft), vorwiegend KPD- aber auch SPD-Mitglieder, auf Veranlassung
des NS-Betriebszellenobmanns im Juli und August 1933. Schon zuvor war die
Arbeiterschaft des Betriebes im Juni 1933 mit der Absetzung des im März
gewählten Betriebsrates und der Einsetzung eines von der NSBO bestimmten
Betriebsrates erstmals offen gedemütigt worden. Für die im Sommer
Entlassenen wurden bis dahin arbeitslose SA-Männer eingestellt. Die verbliebene
Stamm-Belegschaft war verunsichert und wohl des größten Teils ihrer
Meinungsbildner beraubt. Gleichzeitig dürfte durch die Einstellung der
SA-Männer die Denunziation im Betrieb einen starken Anstieg erfahren
haben. Und nicht zuletzt bekamen die Arbeiter signalisiert, dass ihre Arbeitsplätze
nur bei Mitgliedschaft in einer NS-Organisation sicher waren und über
Einstellungen und Entlassungen wesentlich jetzt der NS-Betriebszellenobmann
entschied. Dessen entschiedenes Vorgehen hatte schon dazu geführt, dass
sich der Direktor und der stellvertretende Direktor dem Stahlhelm anschlossen,
während die drei weiteren Herren der Direktion per 1. März, 1. April
bzw. 1. Oktober der NSDAP beitraten. Große Organisationserfolge waren
unter der "sozialistischen" Stammarbeiterschaft jedoch trotzdem
noch nicht zu erzielen; die für Ende 1933 vermeldeten 133 Mitgliedschaften
in verschiedensten NS-Organisationen gehen wahrscheinlich auf die schon Anfang
1933 in der NSBO zu findenden Personen und die neu eingestellten SA-Mitglieder
sowie einige Angestellte zurück. Bei den im März 1934 abgehaltenen
Vertrauensmännerwahlen gab es dann aber kaum noch Widerstand gegen die
NSBO. War diese noch in den Betriebsrätewahlen ein Jahr zuvor mit 16
% der Stimmen eher eine Splittergruppe gewesen, so erhielten ihre Kandidaten
jetzt bis zu 455 von 463 abgegebenen Stimmen. Der Gesamtausfall an Nein- und
ungültigen Stimmen sowie Nichtteilnahmen betrug lediglich noch ca. ein
Zehntel der Wahlberechtigten. Damit hatte die NSBO eindeutig die Macht im
Betrieb übernommen.[263] Im
Gegensatz zu dem für die Schultheiß-Brauerei Dessau dargestellten
Verlauf gelang es dem ansonsten 'unpolitischen' stellvertretenden Vorstandvorsitzenden
in den Dessauer Askania-Werken, einem Betrieb der Metallindustrie, durch einen
im Betriebsinteresse vollzogenen rechtzeitigen Eintritt in die NSDAP ein Gegengewicht
zur dort ebenfalls sehr aggressiv auftretenden NSBO zu bilden und eine ähnliche
Entlassungswelle wie in der Schultheiß-Brauerei abzuwehren.[264]
Die
Motivationen der Wählerschaft, die 1932 zu einem Wahlerfolg führten,
in dem die NSDAP immerhin knapp drei Viertel der Stimmen des "nationalen"
Wählerlagers im Land Anhalt auf sich vereinigen konnte,[265]
sind im einzelnen nicht mehr nachzuvollziehen. Offensichtlich scheint aber
die Kombination aus der Projizierung einer 'jüdisch-bolschwistisch-imperialistischen
Weltverschwörung' und der darauf aufsetzenden Lösungsmöglichkeit
in Form der "Volksgemeinschaft" für die Wählerschaft von
hoher Plausibilität gewesen zu sein. Eine besondere Rolle kam insbesondere
der grassierenden Bolschewismusfurcht zu, ein großer Teil der "bürgerlichen"
Wähler meinte, nur noch zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus
wählen zu können. Selbst der der NSDAP scharf gegnerisch gegenüberstehende
Ballenstedter Pfarrer i. R. Karl Windschild aus dem anhaltischen Nachbarkreis
notierte unter dem 6. März 1933 in sein Tagebuch, bezugnehmend auf die
stattgefundenen Reichstagswahlen: "Daß die Kommunisten verloren
haben, ist ja zu begrüßen; denn besser als der Koziterror ist auch
der schlimmste Naziterror noch."[266]
Wenn er auch in der Zukunft sich korrigieren musste, so sollte der "Bolschewismus"
für ihn doch eine wesentliche Bezugsgröße bleiben. Zur ständigen
Neukonstituierung einer Bedrohungslage im Bewusstsein aller Bevölkerungsschichten
trug sicherlich auch - über den politischen Bereich hinaus - das seit
jeher übliche permanente genüssliche Ausweiden aller irgendwie vorgekommenen
und vermeldeten Gewaltverbrechen in den Zeitungen aller politischen Richtungen
bei. Einerseits bestand sicherlich ein Bedürfnis an solcherlei 'Information'
- das Publikum war augenscheinlich von Gewaltakten fasziniert -, andererseits
verabscheute es diese und wünschte sich eine "heile" Welt.
Hatte sich das "sozialistische" Wählerlager 1930 noch im wesentlichen
immun gegen den aufstrebenden Nationalsozialismus gezeigt, so konnte die NSDAP
hier 1932/33 spürbare Einbrüche erzielen. Der Rückgang der
Wählerstimmen in der Landtagswahl 1932 führte die anhaltische Sozialdemokratie
- auf Basis des ganzen Landes betrachtet - in absoluten Zahlen ausgedrückt
zwar nur auf das Niveau der Stammwählerschaft von 1920/24 zurück,
gleichzeitig stiegen aber die Zahl der Wahlberechtigten und die Wahlbeteiligung.
Auch der Wählerstimmenanteil der KPD fiel dann nicht mehr wesentlich
ins Gewicht. Es gab jedoch auch Abweichungen von diesem Trend. In der Kleinstadt
Nienburg (Kreis Bernburg) z. B. bestand nach der Gemeinderatswahl 1931 eine
Mehrheit von 18:11 zugunsten der Linken;[267]
in dem vor den Toren von Bernburg gelegenen und überwiegend von Industriearbeitern
bewohnten Latdorf erhielt die SPD selbst zur Märzwahl 1933 noch 55,4
% der Stimmen, weitere 22,5 % gingen an die KPD und nur 18,9 % entfielen auf
die NSDAP.[268] In der Stadt Bernburg
erreichte die NSDAP ihren Wählerhöchststand bereits zur Stadtverordnetenwahl
im Oktober 1931 und zur Landtagswahl im April 1932 mit jeweils 34 % der gültigen
Stimmen. Angesichts der Tatsache, dass das "sozialistische" Lager
in Bernburg zu den Landtagswahlen 1932 gegenüber 1928 7 % und im ländlichenTeil
des Untersuchungsgebietes sogar 15 % des damaligen absoluten Stimmenvolumens
verlor,[269] muss davon ausgegangen
werden, dass nicht nur ehemalige Nichtwähler, Jungwähler und "bürgerliche"
Wechselwähler, sondern auch ein beachtlicher Anteil ehemaliger SPD- und
KPD-Wähler zum Aufschwung der NSDAP beigetragen haben.[270]

Eine in den Jahren 1929/30 reichsweit durchgeführte sozialpsychologische
Untersuchung hat gezeigt, dass immerhin 25 % der Anhänger der Linksparteien
als autoritär strukturierte Persönlichkeiten und damit für
die nationalsozialistische Propaganda anfällig anzusehen waren.[271]
Geringe Orts- und Betriebsgrößen verstärkten diesen Trend
der autoritären Persönlichkeitszentrierung unter Arbeitern noch
weiter. Die Betriebsratswahlen Anfang 1933 im größten Betrieb des
Kreises und Zentrum der organisierten Arbeiterschaft, der Sodafabrik Bernburg
der Deutschen Solvay-Werke, drängen sich als Bestätigung dieser
Untersuchung geradezu auf. Nachdem zwei Jahre zuvor die sozialdemokratischen
Freien Gewerkschaften noch beinahe uneingeschränkt das Feld beherrscht
hatten erzielte die jetzt erstmals angetretene Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation
(NSBO) 25 % der Stimmen.[272]
Obwohl - auch angesichts der Nähe wesentlich radikalerer preußischer
Gebiete - vor allem der Landkreis Bernburg nach wie vor den Teil Anhalts mit
der relativ stärksten KPD-Präsenz darstellte, wurde der Kreis innerhalb
der Arbeiterbewegung doch deutlich durch die SPD dominiert. Die Radikalisierung
des "sozialistischen" Lagers blieb erkennbar hinter der des "nationalen"
Lagers zurück. Während die KPD 1932 in der Stadt Bernburg 21 % und
im Landkreis 35 % der Stimmen des "sozialistischen" Lagers auf sich
vereinigte waren es bei der NSDAP 62 % (Bernburg) bzw. 70 % (Landkreis) der
Stimmen des "nationalen" Wählerlagers. Es scheint außerdem
so, als ob beide Radikalisierungen - trotzdem sie in der Propaganda aufeinander
Bezug nahmen - lokal nicht voneinander abhängig waren; zumindest lässt
sich kein statistischer Zusammenhang zwischen ihnen herstellen. Die Radikalisierung
des "nationalen" Wählerlagers war keinesfalls eine direkte
Reaktion auf die Stärke und Radikalität der lokalen Arbeiterbewegung
und umgekehrt.[273]

In der Summe scheint die im Kreis Bernburg gegebene Stärke der Arbeiterschaft
und der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung die Radikalisierung im "nationalen"
Wählerlager eher noch gebremst zu haben. Während in Anhalt insgesamt
die NSDAP bei der Landtagswahl 1932 in 61 % aller Orte mehr als drei Viertel
der Stimmen des "nationalen" Wählerlagers bekam, so war dies
im Kreis Bernburg lediglich in 38 % der Orte der Fall.
| 5.2
Eintrittsmotivationen |
Der
Erfolg der NSDAP 1932 zog jene in Scharen an, die glaubten,
dass auch mit einem nationalsozialistischen Parteibuch Karriere
zu machen war, ja mehr noch, dass man es für bestimmte
Karriereschritte oder geschäftlichen Erfolg in Zukunft
sogar benötigen würde. Die Eintrittswelle der Jahre
1932/33 trug die Partei im Untersuchungsgebiet auf eine Stärke
von etwa 1.800 Mitgliedern Ende 1933.[274]
Allerdings, und das ist erstaunlich, die von der SPD als bislang
größter Partei im Untersuchungsgebiet erreichten
Gesamt-Mitgliederzahlen (Ende 1928 3.606 Mitglieder) wurden
von der NSDAP erst im Jahre 1937 übertroffen.[275]
Für die Eintrittswelle 1932/33 ist gegenüber den Eintritten vorhergehender
Jahre viel weniger Idealismus, quasi-religiöser Fanatismus und Abenteurertum,
sondern mehr und mehr schlichter Opportunismus als vorwiegender Eintrittsgrund
zu veranschlagen; ideologisch-weltanschaulich begründete Eintritte waren
jetzt eher die Ausnahme.[276] Man
nahm an, dass einem die Zugehörigkeit zur "Bewegung" abverlangt
werden würde, und versuchte dieser Forderung in vorauseilendem Gehorsam
zu entsprechen. Der Volksmund spottete denn auch hinreichend über diese
"Märzgefallenen" und "Maiveilchen" des Jahres 1933
und deutete auch die einschlägigen Organisationsbezeichnungen hinter
vorgehaltener Hand entsprechend um: NSDAP: Nun Suche Dir Auch Ein Pöstchen,
NSBO: Noch Sind Bonzen Oben, NSDStB: Nach Sehr Dürftigem Studium Bonze,
Bonze: Bin ohne Nachteil zu entbehren, NSLB: Nicken, Schweigen, Lächeln,
Bezahlen.[277]
Was der amerikanische Nachrichtenoffizier Saul K. Padover 1945 über die
rheinische Kleinstadt Würselen schrieb trifft - mit Ausnahme der konfessionellen
Ausrichtung - in vollem Umfang auch auf den Kreis Bernburg zu: "Zentrumsanhänger,
hauptsächlich kleine Kaufleute, Gewerbetreibende und Angestellte liefen
nach 1933 in Scharen zu den Nazis über, und zwar aus einem ganz simplen
Motiv: Die Angestellten wollten ihre Arbeitsplätze behalten, und die
Geschäftsleute hofften, sich ihrer ärgsten Konkurrenz, der Genossenschaften,
entledigen zu können. Diese Leute waren das Rückgrat des Nationalsozialismus,
und sie sind bedingungslos für den Krieg eingetreten."[278]
Viele der nach dem Machtwechsel eintretenden Karrieristen hatten aufgrund
bestehender Berührungspunkte der NSDAP schon länger nahe gestanden
und brauchten somit in der Regel auch keine weltanschaulichen Gräben
mit ihrem Beitritt zu überspringen. Vorbereitet durch die allseits verbreitete
Gemeinschafts-Glorifizierung und Führer-Verehrung vollzogen sie lediglich
die innere "Gleichschaltung" und nahmen das Integrationsangebot
"Volksgemeinschaft" vorbehaltlos an. Diese Entwicklung war lange
vor 1933 gesamtnational angelegt: "Ganze Generationen von Universitätslehrern,
schriftstellernden Pseudopropheten und vaterländischen Vereinsvorsitzenden
haben mitgewirkt, jene Atmosphäre zu schaffen, in der die herrschende
Vernunftfeindschaft, die Verrohung des Lebens, die Korrumpierung sittlicher
Maßstäbe nur noch der besonderen politischen Zuspitzungen und des
mitreißenden Wortführers bedurften, um ihre zerstörerische
Gewalt zu entfalten."[279]
Doch es bedurfte tatsächlich erst der 'Werbekraft' des Sieges, um sie
der Partei - in der Regel kurz vor deren vorläufiger 'Schließung'
am 1. Mai - endgültig zuzuführen. Sebastian Haffner hat in seinen
1939 niedergeschriebenen Erinnerungen versucht, diesen Personenkreis in seiner
Befindlichkeit zu charakterisieren: "Der einfachste Grund, und fast überall,
wenn man nachbohrte, der innerste, war: Angst. Mitprügeln, um nicht zu
den Geprügelten zu gehören. Sodann: ein wenig unklarer Rausch, Einigkeitsrausch,
Magnetismus der Masse. Ferner bei vielen: Ekel und Rachsucht gegenüber
denen, die sie im Stich gelassen hatten. Ferner, eine seltsam deutsche Figur,
dieser Gedankengang: 'Alle Voraussagen der Gegner der Nazis sind nicht eingetroffen.
Sie haben behauptet, die Nazis würden nicht siegen. Nun haben sie doch
gesiegt. Also hatten ihre Gegner Unrecht. Also haben die Nazis Recht.' Ferner
bei einigen (namentlich Intellektuellen) der Glaube, jetzt noch das Gesicht
der Nazipartei ändern und ihre Richtung abbiegen zu können, indem
man selbst hineinging. Sodann, selbstverständlich, auch echte gewöhnliche
Mitläuferei und Konjunkturgesinnung. Bei den primitiver und massenartiger
Empfindenden, Einfacheren schließlich ein Vorgang, wie er sich in mythischen
Zeiten abgespielt haben mag, wenn ein geschlagener Stamm seinem offenbar ungetreuen
Stammesgott abschwur und den Gott des siegreichen Feindesstamms zum Schutzherrn
wählte. St. Marx, an den man immer geglaubt hatte, hatte nicht geholfen.
St. Hitler war offenbar stärker. Zerstören wir also St. Marx' Bilder
auf den Altären und weihen wie sie St. Hitler. Lernen wir beten: Die
Juden sind schuld, anstatt: Der Kapitalismus ist schuld. Vielleicht wird uns
das erlösen."[280] Man
würde "täglich aufgefordert: nicht, sich zu ergeben, sondern:
überzulaufen. Ein kleiner Pakt mit dem Teufel - und man gehörte
nicht mehr zu den Gefangenen und Gejagten, sondern zu den Siegern und Verfolgern."[281]
Gerade für die zuletzt beschriebene Verhaltensweise standen im Kreis
Bernburg auch ehemalige Kommunisten. Der Arbeiter und spätere Schachtmeister
Paul Erbe aus Güsten gehörte bis Anfang 1933 der KPD an und war
seit Mai 1933 Mitglied von NSDAP und SA. Im Entnazifizierungsverfahren 1948
wurde über seine Aktivitäten festgestellt: "Er hatte als nunmehriger
strammer Nazi eine besonders gehässige Haltung gegenüber Andersdenkenden
eingenommen und hat, wie Zeugen bekundeten, diese geschlagen und seine ehemaligen
Genossen außerdem wüst beschimpft und drangsaliert. Er wollte mit
seinen Kumpanen die 'Rote Burg' ausräuchern und verhinderte das Betreten
des Rathauses mit Schlägen. Seine stramme Haltung vermittelte er auch
seinen Nazigenossen, indem er sie exerzieren ließ, damit sie bei Verhaftungen,
die er mit ihnen durchführte, die von ihm getragene Uniform nicht schändeten.
Bei linksgerichteten Personen waren seine Haussuchungen Spezialität.
Die Einwohner von Güsten wurden durch den Angeklagten langsam eingeschüchtert,
ein Zeuge war durch ihn vier Wochen wegen angeblicher Führerbeleidigung
in Haft. - Besonders hat sich Erbe hervorgetan bei der unrühmlichen Bücherverbrennung
der Nichtnaziliteratur, wo er eine Thälmann darstellende Strohpuppe mitverbrannte."[282]
Albert H., ebenfalls Arbeiter aus Güsten und von 1929 bis 1933 in der
KPD sehr aktiv, 1933 dann ebenfalls in der NSDAP und SA, gab im Entnazifizierungsverfahren
an, von den Kommunisten zu den Nazis übergelaufen zu sein, um mehr Geld
zu verdienen. Tatsächlich erhielt er - bis dahin schon mehrere Jahre
arbeitslos - eine Stelle als Notstandsarbeiter bei der Stadt Güsten.
Das 'Eintrittsgeld', das er dafür zahlen musste, waren die Denunziationen
an seinen ehemaligen Genossen und seine aktive Beteiligung an Haussuchungen
bei diesen. Er bekämpfte sie nun in der gleichen Intensität, wie
er sich zuvor gegen die Nationalsozialisten gewandt hatte. Auch der Judenboykott
gegen den Kaufmann Sally Neumann sah ihn in der ersten Reihe.[283]
Opportunistisches, d. h. nutzenorientiertes Eintrittsverhalten ist am stärksten
im Bereich des öffentlichen Dienstes zu beobachten. Unter dessen Angestellten
und Beamten waren naturgemäß jene für eine Hinwendung zur
NSDAP empfänglicher, die Zurückweisungen, Nichtbeförderungen
etc. hatten hinnehmen müssen. Für sie bestand die Möglichkeit,
diese Hemmnisse einer vermeintlichen oder tatsächlichen sozialdemokratischen
("marxistischen") "Parteibuchwirtschaft" anzulasten. Nachdem
mit dem Wechsel der Regierung Sanktionen einer NSDAP-Mitgliedschaft nicht
mehr zu fürchten waren, bestand für sie die Möglichkeit, sich
auf recht billige Art auch noch ein Stück Genugtuung zu verschaffen.
Doch diese Personen waren nicht unbedingt typisch für die aus dem öffentlichen
Dienst stammenden NSDAP-Neumitglieder insgesamt. Typisch waren vielmehr jene,
die relativ emotionslos ihre eigene berufliche Stellung und den perspektivischen
Bestand des "Dritten Reiches" einzuschätzen versuchten und
sich im Ergebnis dessen mit einer Parteimitgliedschaft auf der sicheren Seite
glaubten. Das von den neuen Machthabern erlassene "Gesetz zur Wiederherstellung
des Berufsbeamtentums" dürfte diesen Entscheidungsprozeß ebenso
wesentlich beeinflusst haben, wie die sichtbaren Wechsel in den Führungspositionen.
Diese Situation erzeugte die Angst, bei nicht demonstrativ hervorgekehrter
Systemloyalität eventuell selbst zu den Entlassenen oder Zurückgestuften
zu gehören. Später versuchten die Betroffenen auch vor sich selbst
die Rechtfertigung, dass einem keine andere Wahl geblieben sei. Nur wenige
waren dann rückblickend noch in der Lage, die tatsächliche Motivation
sich selbst und auch anderen gegenüber einzugestehen, wie z. B. der im
Katasteramt tätige Vermessungstechniker Arnhold W., der im Dezember 1932
der NSDAP beigetreten war: "Mir kam es lediglich darauf an, meinen Beruf
ausüben zu können, der mit Politik nichts zu tun hat."[284]
Die Regel war, dass man späterhin behauptete, der von amtlicher Stelle
gehegten Erwartung nur entsprochen zu haben,[285]
oder einer Erörterung der Eintrittsmotivation gänzlich aus dem Wege
ging.[286]
In welchem Maße die NSDAP die öffentlichen Verwaltungen eroberte
zeigt eine zeitgenössische Aufstellung der 15 Beschäftigten in der
Stadtverwaltung Sandersleben per 30. September 1934. Neun von ihnen gehörten
der NSDAP an (fünf davon erst seit 1933), ein weiterer - Stahlhelmmitglied
seit 1924 - sollte 1936 eintreten. Drei weitere Beschäftigte gehörten
seit 1933 der SA an, eine Beschäftigte war seit 1933 Mitglied der "Hitlerjugend"
(wohl des BDM) und 1934 dann der NS-Frauenschaft und der einzige Lehrling
war ebenfalls Hitlerjugend-Mitglied. Jeder Beschäftigte in der Stadtverwaltung
Sandersleben hatte also, sofern er nicht von vornherein zu den "Überzeugten"
und "alten Kämpfern" gehörte, zumindest eine Alibi-Mitgliedschaft
zur Bekundung der 'richtigen' politischen Einstellung vorzuweisen.[287]
Sehr oft wurde die frisch erworbene Parteimitgliedschaft auch offensiv einzusetzen
versucht, um Karrieren voranzutreiben. In diesem nachfolgenden offensiven
Einsetzen der neuerworbenen Parteimitgliedschaft unterschieden sich die 1932er
und 1933er Neumitglieder auch deutlich von den "alten Kämpfern",
denen es angesichts der Massenarbeitslosigkeit in erster Linie um ihre einmalige
Versorgung mit einer Arbeitsstelle ging. Die 1933er Neumitglieder hingegen
verfolgten in der Mehrzahl die Absicherung bzw. das Vorantreiben der Karriere.
Beispielhaft nachvollziehen lässt sich dieser offensive Umgang mit der
gesellschaftlichen Stellung als Parteimitglied anhand eines Schreibens des
Bernburger Rechtsanwalts Werner M., der eine mehr schlecht als recht gehende
Praxis betrieb. M. versuchte mit diesem Schreiben an den offensichtlich über
die richtigen 'Beziehungen' verfügenden Prof. N. in Halle seinem kurz
zuvor gestellten Gesuch um Ernennung zum Notar weitere Geltung zu verschaffen.
Damit beabsichtigte er einen Vorteil gegenüber zwei weiteren zur Auswahl
stehenden, der NSDAP aber nicht angehörenden Kollegen zu erlangen. Bemerkenswerterweise
stellte M. ausschließlich seine politischen Aktivitäten heraus.
Nichtsdestotrotz blieb das Gesuch letztendlich erfolglos, weil in Bernburg
kein weiterer Bedarf an Notaren bestand.
Schreiben
des Bernburger Rechtsanwalts Werner M. per 31. Mai 1937
an Prof. N. in Halle[288]
"Sehr
geehrter Herr Professor!
Unter Bezugnahme auf meinen kurzen Besuch bei Ihnen vor einigen Tagen
erlaube ich mir, Ihnen ergebenst folgendes mitzuteilen.
Der Antrag auf Ernennung zum Notar ist ausser mir von den Kollegen B[...]
und H[...] in Bernburg gestellt. Wir sind in der Zeit von etwa März
bis Oktober 1935 zur Anwaltschaft in Bernburg zugelassen und zwar in
der zeitlichen Reihenfolge, dass der Kollege B[...] älter, der
Kollege H[...] jünger ist als ich. Unter ihnen bin ich der einzige
Parteigenosse. Ich gehöre der NSDAP. seit dem 1. Mai 1933 unter
der Mitgliedsnummer 1992980 an. Ein früherer Eintritt war mir wegen
der krassen Stellungnahme meines Vaters, der demokratischer Landtagsabgeordneter
war, nicht möglich, da ich von ihm als Student und später
Referendar wirtschaftlich abhängig war. An meiner früheren
nationalen Einstellung dürfte in Anbetracht der Tatsache, dass
ich sechs Semester aktiver Waffenstudent war, kein Zweifel bestehen.
Ausserdem gehöre ich seit der gleichen Zeit dem NSKK. an. Weiter
ist mir das Amt eines stellvertretenden Kreisrechtsstellenleiters in
Bernburg übertragen worden, ausserdem ist das Verfahren zu meiner
Ernennung als Kreishauptstellenleiter bei der Kreisleitung Bernburg
in der Eigenschaft als Rechtsberater des Kreisamtes für Volkswohlfahrt
anhängig. Dem NSRB., früher BNSDJ. gehöre ich seit Ende
1933 unter der Mitgliedsnummer 36 343 an.
Ich betätige mich in den Organisationen, denen ich angehöre,
so gut ich kann. Meine Arbeit gilt vor allen Dingen meinem Motorsturm,
der sich zum allergrössten Teil aus Arbeitern und Fahrern zusammensetzt,
also nicht das Glück hat, einer der 'reichen' NSKK.-Stürme
zu sein, sodass ich glaube, hier am meisten in Bezug auf Schulungs-
und Betreuungsarbeit benötigt zu werden. Ich erlaube mir, Ihnen
in der Anlage ein Zeugnis meines Sturmführers zu überreichen.
Ich darf Sie versichern, dass ich es mit meiner nationalsozialistischen
Auffassung sehr ernst nehme, wodurch es allerdings nicht ausbleibt,
dass ich in meiner Praxis ab und zu etwas in das Hintertreffen gerate.
Ich werde ihnen nichts neues verraten, wenn ich sage, dass Bernburg
heute noch als einer der reaktionärsten Orte einen gewissen traurigen
Ruhm besitzt. Umsomehr würde ich es für richtig halten, dass
an solchen Orten die Leute in den Vordergrund gestellt werden, deren
Auffassung unbedingtes Eintreten für das nationalsozialistische
Ideengut gewährleistet. Ich möchte hierbei nicht verschweigen,
dass es für mich selbstverständlich einen grossen wirtschaftlichen
Vorteil bedeuten würde, wenn ich zum Notar ernannt werden würde.
Da ich mich vor zwei Wochen verheiratet habe, würde ich wegen der
Sorge für meine Familie der Zukunft bedeutend ruhiger gegenüberstehen.
Indem ich Ihnen, sehr geehrter Herr Professor, meinen Dank dafür
ausspreche, dass Sie mir gestattet haben, mich an Sie persönlich
zu wenden, zeichne ich mit
Heil
Hitler!
W. M[...]
Rechtsanwalt." |
Auch
der spätere Gerichtsvollzieher Kurt Hesse, der während seiner Wehrdienstzeit
1940 formell dem Amtsgericht Bernburg überwiesen worden war, hatte 1934
mittels einer wahrscheinlich auf seinen eigenen Wunsch ausgestellten Bescheinigung
über die Parteimitgliedschaft versucht, seine Karriere zu beschleunigen.
Eine solche Bescheinigung war zu dieser Zeit jedoch vollkommen ungewöhnlich.
Vielmehr wurde seitens des Oberlandesgerichts bei Bewerbern dieser Hierarchiestufe
jeweils routinemäßig bei der NSDAP-Gauleitung angefragt, ob der
Bewerber politisch unbedenklich sei.[289]
Für einen normalen Karriereverlauf wäre die standardgemäße
Formulierung "Charakter und politische Zuverlässigkeit sind in keiner
Weise zu beanstanden" hinreichend gewesen. Eine Parteimitgliedschaft
war bis 1937 dafür nicht zwingend erforderlich, eine SA- oder ähnlich
gelagerte Mitgliedschaft erschien vollkommen ausreichend. Es drängt sich
also eher der Verdacht auf, dass der schon drei Jahre in Wartestellung befindliche
Versorgungsanwärter Hesse mit der eingereichten Bescheinigung über
die Parteizugehörigkeit sicher gehen und seine "Einberufung",
d. h. die Übernahme in den Justizdienst, herbeiführen wollte.[290]
Die Anpassungsvorgänge unter den Beschäftigten des öffentlichen
Dienstes traten sowohl für die Zeitgenossen als auch für den nachgeborenen
Betrachter am stärksten durch das Verhalten der kommunalen Spitzenbeamten
hervor. Über den schon seit 1932 in der Nachfolge des beurlaubten sozialdemokratischen
Landrates Max Günther kommissarisch amtierenden und 1933 bestätigten
neuen Bernburger Landrat Johannes Pietscher, zuvor Kreisdirektor in Ballenstedt,
notierte der Ballenstedter Pfarrer i. R. Karl Windschild unter dem 4. März
1933 in seinem Tagebuch: "Interessant ist dabei der Gang des Kreisdirektors
Pietscher und seines Syndikus Reuß durch das Leben: Als 1918 die Welle
die Sozis emportrug, machte P. dem nachher ins Irrenhaus gesperrten 'Regenten'
- der Name ist mir entfallen -, der sich ... ein Auto 'requiriert', d. h.
gemaust hatte, seine Reverenz und befuhr mit ihm Arm in Arm sein Reich. Dann
war er mit Trautewein, dem Führer der Sozialdemokraten im Kreise, ein
Herz und eine Seele und strich ihm bei jeder Gelegenheit Honig um den Mund.
Jetzt kommt die nationalsozialistische Welle. Sie wächst und: 'Herr Kreisdirektor,
wir müßten uns doch mal bei den Nazis sehen lassen', sagt Herr
Reuß. 'M. w.' - Machen wir, sagt Pietscher ... Ein richtiger Kork schwimmt
eben immer oben."[291] Pietscher
trat per 1. Mai 1933 der NSDAP bei, wurde aber schon im Juni 1934 als wieder
ausgeschlossen vermeldet,[292] verblieb
aber nichtsdestotrotz bis zu seiner Pensionierung 1937 im Dienst.
Auch im Amt des Bernburger Oberbürgermeisters trat ein Wechsel ein. Friedrich
Gothe, Amtsinhaber seit 1919 und Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei
bzw. der Deutschen Staatspartei, war nicht bereit, die erforderliche Anpassung
an das neue System zu leisten, und wurde am 30. April 1933 in den vorläufigen
Ruhestand versetzt. Sein Nachfolger, der bisherige Leopoldshaller Bürgermeister
Max Eggert, war schon in der Bürgermeisterwahl 1931 als Kandidat der
Rechten erfolglos gegen Gothe angetreten[293]
und hatte noch rechtzeitig zum 1. Mai 1933 das Mitgliedsbuch der NSDAP erworben.
Anders als Gothe war eine Reihe kommunaler Spitzenbeamter durchaus bereit,
sich mit den neuen Machthabern zu arrangieren. Otto Schulz, Bürgermeister
Nienburgs von 1925 bis 1945, trat 1933 der NSDAP bei, um weiterhin Bürgermeister
bleiben zu können.[294] Karl
Luthringshausen, bis dahin Kreisgeschäftsführer der DVP in Bernburg,
wurde im März 1933 im Zusammenhang mit seinem Übertritt zur NSDAP
als kommissarischer Bürgermeister in Hecklingen eingesetzt.[295]
In Plötzkau traten der Bürgermeister und der 1. Ortschöppe,
Donath und Paul, beide bisher führende SPD-Mitglieder am Orte, mit Wirkung
vom 1. Mai 1933 zur NSDAP über und durften in ihren Ämtern verbleiben.[296]
Der Bürgermeister fungierte späterhin auch als NSDAP-Ortsgruppenleiter.
Die Masse der opportunistischen Eintritte erfolgte 1932/33 auf dem Wege des
vorauseilenden Gehorsams. Doch eine Anzahl Eintritte von Beschäftigten
des öffentlichen Dienstes wurde schon über einen auf die betreffenden
Personen ausgeübten Druck erreicht. Der Stadtsekretär Wilhelm Paul
aus Güsten wurde z. B. im April 1933 aus dem städtischen Dienst
entlassen weil er Mitglied der Konsumgenossenschaft war. Später wurde
er wieder eingestellt. Gleichzeitig wurde ihm aber anheimgegeben, Mitglied
der NSDAP zu werden. Die Güstener NSDAP hatte schon in den Jahren zuvor
wiederholt angekündigt, im Falle des Sieges unter den Beamten "aufräumen"
zu wollen. Die vorherige Kündigung dürfte Paul als Bestätigung
dieser Drohungen genügt haben, er trat der Partei im Mai 1933 bei.[297]
Friedrich Schnelle aus Nienburg hatte 1918 als Schwerkriegsbeschädigter
(Beinamputierter) des ersten Weltkrieges eine Angestelltenstelle in der Verwaltung
der Stadt Nienburg erhalten. Im Mai 1933 wurde ihm von seinem Vorgesetzten
eine Beitrittserklärung zur NSDAP mit dem Bemerken auf den Tisch gelegt,
zu unterschreiben oder die Stelle zu verlieren. Schnelle gab dem Druck nach
und trat ein, blieb aber eines jener vielen Mitglieder, die für die Partei
aufgrund ihrer Inaktivität weitgehend wertlos waren.[298]
Insgesamt ist bei diesen Fällen der durch Ausübung von materiellem
Druck im öffentlichen Dienst erzielten Beitritte noch keine Strategie
der Partei insgesamt erkennbar; es handelte sich vielmehr um Eigeninitiativen
von Vorgesetzten gegenüber ihren direkten Untergebenen.[299]
Eine solcherart direkte unter-Druck-Setzung, wie sie im öffentlichen
Dienst selbst 1932/33 noch die Ausnahme blieb, war im privatwirtschaftlichen
Sektor - auch wenn in den Entnazifizierungsverfahren nach 1945 dies von den
Betroffenen oft anders dargestellt wurde - in der Regel überhaupt nicht
möglich.[300] Typisch für
die Privatwirtschaft waren z. B. vielmehr die Gastwirte Erich Körth aus
Ilberstedt, der wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten und in der Hoffnung
auf bessere Geschäfte Mitglied der NSDAP geworden war,[301]
und Fritz Bachmann aus Nienburg, der als ehemaliger Stadtverordnetenvorsteher
mit seiner Frau schon 1932 aus der SPD aus- und in der Hoffnung, dass die
NSDAP ihr Lokal zu ihrem 'Verkehrslokal' erwählen möge, in die NSDAP
eintrat.[302] Gleichermaßen
typisch erscheinen der Maurermeister Hermann Kramer aus Oberpeißen,
der auf Aufträge der öffentlichen Hand hoffte, und der Maurer- und
Zimmerermeister Erich W. aus Sandersleben, der sich zum Beitritt zur NSDAP
"nur aus geschäftlichen Gründen" veranlaßt sah.[303]
Über die gleichermaßen motivierten Eintritte von Industriellen
ist vorstehend schon berichtet worden.
Auch die 1932/33 in die NSDAP eintretenden privaten Geschäftsinhaber
und freiberuflich Tätigen gedachten ihre Mitgliedschaft offensiv zur
Erlangung eines Vorteils gegenüber ihren parteilosen Konkurrenten zu
nutzen. Die NSDAP selbst honorierte jedoch schon Wohlverhalten auf wesentlich
niedrigerer Stufe. Im Jahre 1936 veröffentlichte z. B. die offizielle
NSDAP-Zeitung "Der Mitteldeutsche" eine Aufstellung "Treue
um Treue. Firmen, die auch vor der Machtübernahme treu zur NS.-Presse
standen." Das Interessante an dieser Liste ist, dass nur ein geringer
Teil der dort verzeichneten, vor 1933 in der NS-Presse inserierenden Geschäftsleute
später tatsächlich die Mitgliedschaft der NSDAP erwarb. Die anderen
scheinen eine Parteimitgliedschaft aus betriebswirtschaftlicher Sicht weitestgehend
als nicht erforderlich eingeschätzt zu haben.[304]
Mit zunehmender gesellschaftlicher Etablierung der NSDAP kam
es häufig vor, dass opportunistisches Eintrittsverhalten
in Bezug auf die NSDAP und deren Anhangsorganisationen nicht
nur durch die jeweilige materielle Lage, sondern auch durch
das soziale Umfeld ausgelöst wurde. Im Bestreben, seine
Position in der jeweiligen sozialen Gruppe zu behaupten, löste
der Betreffende - es handelte sich fast ausschließlich
um Männer - das nationalsozialistische Ticket. Einerseits
waren es Bekanntschaftskreise und Vereinsmitgliedschaften,
die indirekt oder auch direkt eine solche politische "Gleichschaltung"
forderten,[305] andererseits
waren es aber vor allem die Familien, in denen dieser Mechanismus
zum Tragen kam. Die NSDAP wuchs in die Breite der Verwandtschafts-
und Bekanntschaftskreise, aus bisherigen Wählern wurden
Mitglieder. Beispielhaft für diese Entwicklung stehen
die Familien zweier 1881 geborener Bernburger Mitglieder,
des selbständigen Kaufmanns Otto Lapp und des Justizsekretärs
Franz Marscheider. Otto Lapp, Inhaber einer Gärtnerei
und Samenhandlung, war der NSDAP bereits zum 1.5.1931 beigetreten,
zum 1.3.1932 folgten dann seine Frau und seine 1908 geborene
erste Tochter, zum 1.9.1932 der 1910 geborene Sohn und zum
1.2.1933 die 1912 geborene zweite Tochter.[306]
Der Justizsekretär am Amtsgericht Bernburg Franz Marscheider
hatte in der Weimarer Republik keinen politischen Parteien
oder Vereinen angehört. Seine vier Kinder waren jedoch
sämtlich im nationalsozialistischen Spektrum aktiv, die
1909 geborene erste Tochter seit 1928 als Wehrwolf-"Opferschwester"
und seit dem 1.3.1932 in der NSDAP sowie in der NS-Frauenschaft,
der 1910 geborene erste Sohn seit dem 1.8.1932 in der NSDAP
und in der SS, der 1917 geborene zweite Sohn seit April 1930
im NS-Schülerbund, der 1919 geborene dritte Sohn seit
dem 11.8.1932 im Jungvolk. Auch der spätere (1934) Schwiegersohn
gehörte schon seit 1930 der NSDAP und zuvor dem Bund
Oberland und dem Wehrwolf an. Es ist anzunehmen, dass der
tuberkulosekranke Vater schon früh die familiäre
Meinungsführerschaft an seine Kinder abgeben mußte
und deren politische Entwicklung mit seinem Parteieintritt
zum vorerst letztmöglichen Termin am 1.5.1933 lediglich
nachvollzog.[307]
Dies scheint kein Einzelfall, sondern ein allgemeiner Trend
zu sein, die erwachsenen Kinder traten oftmals früher
ein als ihre Väter.
Es stellt sich die Frage, ob sich die Parteizugehörigkeit im allgemeinen
und der nutzenorientierte, opportunistische Eintritt in die NSDAP sowie der
offensive Umgang mit der Parteizugehörigkeit im speziellen für die
Betreffenden auch "gelohnt" hat. Für das Deutsche Reich insgesamt
ist diese Frage wohl eingeschränkt zu bejahen. Infolge von Ämterpatronage
und politischem Klientelismus stieg der Anteil der Positionsträger mit
unterer Mittelschichtherkunft von 18 % im Jahre 1925 auf 30 % im Jahre 1940
- um sich in der Bundesrepublik 1955 mit 22 % dem Ausgangswert wieder anzunähern.[308]
Gerade die untere Mittelschicht war es aber, aus der die NSDAP die Masse ihrer
Mitglieder bezog. Insofern liegt hier ein starkes Indiz dafür vor, dass
das mit dem 'nutzenorientierten' Parteieintritt verbundene Kalkül bei
einem Teil der "Märzgefallenen", "Maiveilchen" und
der 1937er Mitglieder auch aufgegangen ist. Für das Untersuchungsgebiet
ist eine ausreichend dichte Datenlage nicht zu erlangen, Einzelbeispiele könnten
aber das reichsweite Bild bestätigen. Der Fall des ersten Bernburger
Ortsgruppenleiters, der 1938 immerhin zum Bürgermeister von Jeßnitz
(Anhalt) avancierte, ist schon erwähnt worden.[309]
Im Falle des Büroangestellten Walter Hufmüller, NSDAP-Mitglied seit
1932 und langjährig erwerbslos, ist auch die "Belohnung" offensichtlich;
tatsächlich wurde er bei der Stadtverwaltung Bernburg eingestellt.[310]
Einschränkende Bemerkungen sind aber angebracht. Natürlich wurden
1933/34 "alte Kämpfer" mit Posten vor allem im Bereich des
öffentlichen Dienstes "versorgt", mehr aber auch nicht. "Alte
Kämpfer" waren bei entsprechender Eignung mit Versorgungsanwärtern
(ehemaligen Reichswehrangehörigen mit Anspruch auf eine nachfolgende
Beschäftigung im öffentlichen Dienst) gleichzustellen und kamen
somit auch für die Besetzung von Schulhausmeisterstellen oder für
den Strafanstaltsaufsichtsdienst in Frage. Letztlich ist dies jedoch lediglich
unter Versorgungsaspekten zu sehen. Eine Karriere war allein mit dem Parteibuch
nicht zu begründen. Deutlich wird dies am Beispiel des Arbeiters Walter
K., der 1933 auf Druck der NSDAP-Kreisleitung als städtischer Promenadenaufseher
eingestellt wurde. Im Mai 1935 verwandte sich der Kreisleiter Bernburg-Stadt,
Petri, bei seiner jetzigen Arbeitsstelle, dem Stadtbauamt, erneut für
ihn: "Ich bitte dem Arbeiter K[...] mit Rücksicht darauf, daß
er zu den ersten Vorkämpfern der NSDAP in Bernburg gehört [er war
der NSDAP erstmals 1926 beigetreten - T.K.], eine bevorzugte Behandlung in
der Lohngruppeneinstufung zu gewähren und weiter zu prüfen, wie
weit eine Möglichkeit zur Beförderung besteht." Die Beigeordneten
entschieden am gleichen Tag: "Der Arbeiter K[...] soll künftig nach
der Lohngruppe III bezahlt werden. Eine höhere Eingruppierung ist nicht
möglich, da K[...] ungelernter Arbeiter ist. Die Verwendung des Arbeiters
K[...] als Vorarbeiter bleibt dem Bauamt überlassen. Es soll ein Versuch
gemacht werden, ob K[...] als Vorarbeiter geeignet ist." K. war daraufhin
tatsächlich eine gewisse Zeit als Vorarbeiter tätig, dann wurde
die von ihm geführte Kolonne aufgelöst und er war wieder einfacher
Arbeiter.[311]
Dass die Parteimitgliedschaft letztlich eine weitere vorgeschaltete Bedingung
im Karrieregeschehen darstellte, in der Regel nicht aber die fachlichen Anforderungen
auszuhebeln in der Lage war, verdeutlicht der Fall des Bernburger Referendars
Werner W. (geb. 1911). Trotzdem er auf eine NSDAP- und SS-Mitgliedschaft seit
1933 verweisen konnte wurde er 1936 nicht in den richterlichen Probedienst
des Landes Anhalt übernommen. Der Grund dafür war, dass die Beurteilungen
des zuvor durchlaufenen Vorbereitungsdienstes ihm zwar durchweg tadellose
galante Umgangsformen und ein freundliches, gewinnendes Wesen aber auch eine
gewisse Sprunghaftigkeit und Flüchtigkeit attestierten. Die Verbindungen
seines Vaters, eines Bankdirektors im Ruhestand, waren es dann wohl, die ihm
einen Vorbereitungsdienst bei der Reichsfinanzverwaltung ermöglichten.[312]
Bemerkenswert sind auch die Anstreichungen in der Personalakte des Justiz-Kanzleiangestellten
Fritz W., geb. 1907. Der den Antrag auf Höherstufung im Oberlandesgericht
Naumburg 1935 Bearbeitende markierte sowohl den Vermerk über die besondere
fachliche Eignung als auch den über die NSDAP-Mitgliedschaft.[313]
Allgemein rangierte die fachliche Qualifikation vor dem Parteialter (sofern
das Parteibuch überhaupt vorhanden war).[314]
Die Qualität der nunmehrigen opprtunistischen Neumitgliedschaft war 1933
und danach nicht mehr die gleiche wie noch in den Jahren zuvor. Weder waren
diese Neumitglieder in gleicher Weise fanatisch wie ihre Vorgänger noch
könnte man ihnen durchweg auch nur "normale" nationalsozialistische
Überzeugung unterstellen. Der Ortsgruppenleiter Bernburg-Talstadt, Reinbothe,
sah sich daher im Juli 1936 veranlaßt festzustellen: "Ich tue als
Ortsgruppenleiter Dienst in der Partei und erlebe es als solcher immer wieder,
daß man sich gerade auf den alten Parteigenossen am ehesten verlassen
kann, während ich das leider von einem großen Teil der Parteigenossen,
die nach der Machtübernahme zu uns gestoßen sind, nicht sagen kann.
Es ist doch unendlich viel zu tun und oft fehlen uns die geeigneten Parteigenossen."[315]
Gleichfalls im Juli 1936 klagte das NSDAP-Gauamt für Kommunalpolitik
Magdeburg-Anhalt: "Recht betrüblich ist die Tatsache, daß
in Gegenden mit früher überwiegend marxistischer Bevölkerung
die Zahl der Parteigenossen, die fachlich und charakterlich für die Verwendung
in der Verwaltung geeignet sind, sehr gering ist. Es ergibt sich aus dieser
Tatsache häufig die Notwendigkeit, auch auf Parteigenossen zurückzugreifen,
die entweder fachlich versagen oder Unterschlagungen begehen."[316]
Parteimitgliedschaft musste nicht mehr notwendig mit einer inneren Identifikation
mit dem nationalsozialistischen System einhergehen. Letztere blieb unter der
Mehrzahl der Parteigenossen eher gering. Bezeichnend dafür sind Vorgänge
aus dem Dorf Freckleben 1935 und 1937. In zwei Fällen hatte der Bauer
Fritz Bieler (NSDAP-Mitglied seit 1933) die Herabwürdigung von Nazigrößen
durch Kneipenwitze bei der örtlichen Polizei angezeigt. Bemerkenswerterweise
fühlten sich die jeweils in der Gaststätte anwesenden, zumeist ebenfalls
1933 eingetretenen "Pg.'s" nicht zum Einschreiten oder zur Anzeige
veranlasst. In einem Fall lehnte es der nachträglich über den Vorgang
informierte Propagandawart des NSDAP-Stützpunktes Freckleben - ein gleichfalls
1933 eingetretener Lehrer - sogar ausdrücklich ab, ein Protokoll über
den Vorgang zu erstellen. Die Zuträgerdienste für den Anzeigeerstatter
Bieler übernahm anscheinend in beiden Fällen der zu diesem Zeitpunkt
noch nicht der NSDAP angehörende SA-Mann Bauer Karl W.[317]
In
Gaststätten des Dorfes Freckleben 1935 und 1937 erzählte
politische Witze[318]
"1).
Wegen der Butterknappheit hat sich ein Bauer der nach dem Bückeberg
zum Erntedankfest[319] gefahren
sei, eine Kuh mitgenommen. Am Bückeberg sei die Kuh zusammengebrochen.
Hierdurch sei ein Menschenauflauf entstanden. Deswegen sei der der Führer
hinzugekommen und hat gefragt, was denn hier los sei. Der Bauer habe
ihm darauf erwidert, er kriege seine mitgebrachte Kuh nicht wieder hoch.
Der Führer hätte zu diesem Bauern darauf gesagt: Er habe hier
auf dem Bückeberg Dreiviertel Millionen Ochsen hochgekriegt, er
der Bauer werde doch seine eine Kuh wieder hochkriegen.
2). Der Führer habe mit dem Auto wegfahren wollen. Dabei sei der
Motor nicht angesprungen. Umstehende haben darauf zum Führer gesagt,
das hat keinen Zweck, es ginge mit ihm sowieso bergab."
"2
Berliner Jungens spielten auf dem Fahrdamm mit Pferdemist. Die Jungens
waren dabei die Pferdeäppel auseinanderzulegen. Schließlich
sei ein feiner Herr vorbeigekommen und habe den Jungens gefragt, was
sie da machten. Die Jungens haben dann zur Antwort gegeben, dass sie
Regierung spielen. Verwundert habe dann der Herr gefragt, 'wieso', darauf
haben die Jungens gesagt unter Bezeichnung des Mistes, dass der Appel
z.B. ist der Führer, der andere ist Göbbels, Neurath u.s.w.
Als dann der Herr fragte, wo ist den[n] nun Minister Göring? Da
haben dann wiederum die Jungens gesagt: 'Son Stückchen Scheisse
haben wir nicht dabei!'" |
Der
im gesamten Deutschen Reich seit Anfang 1933 auftretende extreme Mitgliederzulauf
veranlasste die NSDAP-Führung dazu, mit Wirkung vom Mai 1933 eine reichsweite
Aufnahmesperre zu verhängen, die nur wenige Ausnahmen, z. B. Übernahmen
aus SA, SS, NSBO, HJ und Stahlhelm, zuließ. Neben rein technischen Gründen
- man kam mit der Erfassung der Neumitglieder und der Bildung neuer Ortsgruppen
nicht mehr hinterher - war in erster Linie die unerwünschte Zusammensetzung
der Neumitgliedschaft für den Erlass der Aufnahmesperre ausschlaggebend.
Schließlich bestand der Wille, dem Untertitel "Arbeiterpartei"
zumindest in der Zusammensetzung der Mitgliedschaft auch gerecht zu werden
und - so wörtlich der Reichsorganisationsleiter Ley in einer internen
Untersuchung - "Konjunkturritter" von der Partei fernhalten. Doch
die Vielzahl der bereits vollzogenen und bei einer Lockerung der Aufnahmesperre
noch zu erwartenden Neueintritte ließen dieses Ziel in weite Ferne rücken.
Denjenigen aber, die ihre "positive Stellung zum nationalsozialistischen
Staat" dokumentieren wollten, blieb seit Mai 1933 nur der Eintritt in
die Anhangsorganisationen SA, SS, Nationalsozialistisches Kraftfahrer-Korps,
Nationalsozialistisches Fliegerkorps, Nationalsozialistische Frauenschaft,
Nationalsozialistische Volkswohlfahrt u. a.
Doch nicht nur diese eindeutigen NS-Anhangsorganisationen, sondern auch das
deutschnationale Organisationsumfeld verzeichnete einen starken Mitgliederaufschwung.
Die überlieferten Mitgliederlisten der Stahlhelm-Ortsgruppe Sandersleben
aus den Jahren 1933/34 weisen zwei große Eintrittswellen aus: im Gründungsjahr
1924 47 Eintritte und schließlich 1933 90 Eintritte bei insgesamt 162
1933/34 nachgewiesenen Mitgliedern. Wenn auch schon vor 1933 ein Abfluss von
Mitgliedern aus dem Stahlhelm in Richtung SA und NSDAP angenommen werden kann,
so bleibt die 1933er Eintrittswelle doch eindrucksvoll. Neben den 'normalen',
auch in den NS-Organisationen zu findenden Opportunisten, die den Stahlhelm
wählten, weil er ihnen das geringste Maß an Anpassung abzuverlangen
schien, treffen wir unter den 1933 in den Stahlhelm Eintretenden auch auf
eine Gruppe von Anhängern der Arbeiterparteien, die möglicherweise
eine legale Basis für weitere politische Arbeit nach dem Verbot der Arbeiterbewegung
suchten; bei immerhin zwölf der 90 1933 eingetretenen Mitglieder wurden
nachträglich in den Listen Vermerke wie "SPD", "Kommune"
etc. eingefügt; Wahrscheinlich waren es jedoch weitaus mehr, auf die
diese Charakterisierung zutraf. Darauf deuten zumindest die Arbeiterberufe
der Neueintretenden hin, die den bisherigen mittelständischen Charakter
des Sanderslebener Stahlhelms deutlich modifizierten.[320]
Belegt ist, dass Eintritte von Reichsbanner-Angehörigen in den Stahlhelm
auf Empfehlung der Reichsbannerführung unter der Absicht der Wahrung
des Organisationszusammenhalts in ganz Deutschland getätigt wurden.[321]
Bemerkenswerterweise korrespondierte die spezifische Altersstruktur der NSDAP
auch mit der Zusammensetzung der in Sandersleben 1933 in den Stahlhelm eintretenden
Personen; zwei Drittel von ihnen entstammten den Geburtsjahrgängen 1890-1908.[322]
Analog zum Stahlhelm in Sandersleben meldete auch der Bund Deutscher Frauen-Dienst
e.V., die Nachfolgeorganisation des Königin-Luise-Bundes, aus Hecklingen
im Mai 1933 starken Zulauf: "Wie wichtig unsere Arbeit ist, beweist das
fast vollzählige Erscheinen aller Kameradinnen und die vielen Neuaufnahmen
arbeitsfreudiger Frauen."[323]
Auch der "Bericht über das [evangelisch-]kirchliche Gemeindeleben
in Amesdorf-Warmsdorf im Jahr 1933" weiß von solcherart Nebeneffekten
der nationalsozialistischen Machtübernahme zu berichten. Nachdem 20 Ausgetretene
wieder aufgenommen worden wären gäbe es nur noch vier Dissidenten
in der Gemeinde, der Kirchenbesuch weise im Ganzen gesehen eine höhere
Zahl als im Vorjahr auf und die Frauenhilfe habe ihre Mitgliederzahl fast
verdoppeln können.[324]
Die
vorwiegend opportunistische Eintrittsmotivation der Neumitglieder in der Masseneintrittswelle
1932/33 schlug sich auch in deren veränderter sozialer Zusammensetzung
nieder.[325] Allein 28 % der Neueintretenden
1932 und 39 % der Neueintretenden 1933 sind dem öffentlichen Dienst zuzuordnen
(1931 noch 13 %). Deren kompakteste Gruppe stellten die Lehrer mit 13 % aller
Neumitglieder 1933. Insgesamt stieg der Anteil der Angestellten und Beamten
unter den Neumitgliedern von 36 % 1931 über 46 % 1932 auf 54 % 1933.
Im gleichen Zeitraum fiel der Arbeiteranteil unter den Neumitgliedern von
40 % 1931 über 30 % 1932 auf 27 % 1933. Dieser Rückgang ist um so
bemerkenswerter als die NSDAP spätestens in den Landtagswahlen vom April
1932 deutlich in das bisherige (Wechsel-)Wählerpotential der Arbeiterparteien
hatte einbrechen können. Im Eintrittsverhalten findet dies jedoch keine
Widerspiegelung.
Gegenüber ihrem Anteil an den Erwerbstätigen waren in der Stadt
Bernburg 1933 die Beamten und Angestellten in der NSDAP um das 2,3fache und
die Selbstständigen um das 1,3fache überrepräsentiert, während
die Arbeiterschaft nur mit dem 0,4fachen ihres Sozialstrukturanteils vertreten
war.[326] Somit ist die NSDAP als
Partei des unteren resp. 'neuen' Mittelstandes anzusehen. Gegenüber dem
Bild, das sie im Jahre 1931 bot (siehe vorhergehendes Kapitel), hatte sich
ihr Profil noch deutlicher herauskristallisiert.
Eine Folge der vorherrschenden Eintrittsmotivation dürfte auch die Erhöhung
des Durchschnittsalters der Neumitglieder von 32,7 Jahren im Jahre 1931 über
34,7 Jahre 1932 auf 36,4 Jahre 1933 gewesen sein. Die Konzentration auf die
Geburtsjahrgänge 1893 bis 1912 (1931 69 %, 1933 61 %) bzw. 1901 bis 1910
(1931 40 %, 1933 31 %) begann sich unter den Neueintritten zu verringern.
Verantwortlich dafür zeichnete nicht nur das Hinzutreten jüngerer
Jahrgänge, sondern auch die Aufnahme vieler älterer Mitglieder unter
der beschriebenen opportunistischen Eintrittsmotivation. Deutlich jugendlicher
als der Durchschnitt der Neumitglieder waren nach wie vor die eintretenden
Arbeiter, wenn auch bei ihnen eine Abschwächung festzustellen ist. Den
Gipfelpunkt der Jugendlichkeit markierten die Facharbeiter und Angelernten
des Metallgewerbes unter den Neumitgliedern, die zu 78 % bzw. 49 % aus den
Geburtsjahrgängen 1893 bis 1912 bzw. 1901 bis 1910 stammten.[327]
In der Summe war die NSDAP auch nach der Masseneintrittswelle 1932/33 die
Partei einer Generation. Die Konfrontation der Geburtsjahrgänge der bis
einschließlich 1933 eingetretenen Mitglieder mit der Altersstruktur
der Bevölkerung 1933 zeigt, dass es die 21-46-jährigen, d. h. die
Geburtsjahrgänge 1887 bis 1912, waren, die die Partei trugen. In den
am stärksten NSDAP-gesättigten Geburtsjahrgängen waren schon
Ende 1933 deutlich mehr als ein Zehntel aller Männer "Pg.'s".[328]
|
Im
Zuge der Eintrittswelle 1932/33 stieg auch der Frauenanteil unter den
Neueintretenden von 2 % 1931 auf 6 % 1932 bzw. 5 % 1933, was insgesamt
allerdings nur schwer zu deuten und am wahrscheinlichsten wohl der Ausdehnung
in die Breite der Familien zuzuschreiben ist.
In der Verteilung der nationalsozialistischen Mitgliedschaft sind zwischen
industriell und landwirtschaftlich strukturierten Orten keine wesentlichen
Unterschiede festzustellen. Insofern gibt es - auf das Untersuchungsgebiet
bezogen - keine Belege dafür, das evangelische Land für das
"Stammilieu" der NSDAP zu halten.[329]
Wie schon 1931 entfielen auch 1932 44 % der Neueintritte auf die Kreisstadt
Bernburg, 1933 waren es sogar 46 %; hinzu kamen 25 % bzw. 27 % in der
Summe der Kleinstädte Güsten, Hecklingen, Nienburg, Sandersleben
und in Neundorf. Die Konstruktion eines ländlich-evangelischen "Stammmilieus"
der NSDAP erscheint auch angesichts der teilweise sehr scharfen Konkurrenz
zwischen NSDAP und Stahlhelm und der daraus folgernden Instabilität
der NSDAP in den ländlichen Orten als nicht sehr glaubwürdig.
Aus Hohenerxleben z. B. wird noch Anfang Februar 1933 berichtet, dass
die dortige NSDAP-Ortsgruppe durch die Rückkehr der meisten Mitglieder
zum Stahlhelm "aufgeflogen" sei.[330]
Erst mit der Übernahme der jeweiligen lokalen Stahlhelm-Gruppierung
konnten sich auch die ländlichen NSDAP-Ortsgruppen stabilisieren.
Noch Ende 1932 hatten die Orte mit mehr als 75% landwirtschaftlicher Bevölkerung
die geringste NSDAP-Mitgliedschaftsquote aufzuweisen, ein Jahr später
jedoch bereits die höchste! Der NSDAP fiel es vor 1933 offensichtlich
sehr schwer, auf den Dörfern, vor allem den landwirtschaftlich dominierten,
geeignete Führungspersönlichkeiten zu rekrutieren. Grob gesagt
ging Dorfgemeinschaft vor "Volksgemeinschaft", nationalsozialistischer
Fanatismus hatte hier kaum einen Platz.[331]
| Die
Konzentration der NSDAP auf Ortskategorien landwirtschaftlicher
Bevölkerung 1931-1933
|
landwirtschaftlicher Bevölkerungsanteil in den Orten 1933 in
%[332]
|
NSDAP-Mitglieder (Summe der nachgewiesenen Eintritte in den Orten)
in % der Wahlberechtigten (Landtagswahl April 1932) im Untersuchungsgebiet[333]
|
NSDAP-Wähler in % der Wahlberechtigten (Landtagswahl April
1932) im Untersuchungsgebiet[334] |
|
|
Ende 1931 |
Ende 1932 |
Ende 1933 |
|
| 0-25
|
0,7 |
1,3 |
2,9 |
30,2 |
| über
25-50 |
0,7 |
1,5 |
3,0 |
29,1 |
| über
50-75 |
0,2 |
1,5 |
2,9 |
32,1 |
| über
75 |
0,2 |
0,2 |
3,5 |
35,3 |
| 5.4
Die Verdrängung der "alten Kämpfer" |
Der
massenhafte Zustrom neuer karrierebewusster Mitglieder in die Partei führte
zwangsläufig zu einer Vielzahl von Konflikten. Er müsse sich
zur Zeit "dem überschäumenden Drängen zahlreicher
Parteigenossen an die Futterkrippe entgegenstemmen"[335]
berichtete der NSDAP-Gauleiter von Magdeburg-Anhalt, Wilhelm Loeper, am
5. April 1933 an den NSDAP-Reichsorganisationsleiter Dr. Ley. Die "alten
Kämpfer" wollten versorgt werden und etliche Neumitglieder hatten
1933 ein Tauschgeschäft vollzogen: Parteibuch gegen Karriere bzw.
Funktionserhalt.
Doch nicht dies war das eigentliche Konfliktfeld; die "alten Kämpfer"
waren in der Regel mit einer einmaligen Versorgung, z. B. als Schulhausmeister,
zufriedengestellt. Demütigend für viele war vielmehr, dass ihnen
von den Neumitgliedern die Stellung in der Organisation streitig gemacht
wurde und sie einem rasanten Verdrängungsprozess unterlagen. Der
eigentlich erhoffte Zugewinn an Sozialprestige blieb aus oder ging nach
kurzer Zeit wieder verloren. Prototypisch für diese aus den Verschiebungen
im innerparteilichen Machtgefüge resultierende Konfliktlage steht
ein aus der Kleinstadt Hecklingen auf dem Wege eines Parteigerichtsverfahrens
überlieferter Vorgang.[336]
In Hecklingen wurde 1933 eine Gruppe von vier "alten Kämpfern",
die nach der Stadtverordnetenwahl vom Herbst 1931 in den Gemeinderat eingezogen
waren, durch die Exponenten der Neumitgliedschaft von der Führung
in der Partei verdrängt. Die Vorwürfe, die der ehemalige Ortsgruppenleiter
Wilhelm Ilm, vor seiner NSDAP-Mitgliedschaft bis 1931 Stahlhelm-Mitglied,
langjähriges Vorstands-Mitglied und Vorsitzender des Hausbesitzervereins
sowie Mitglied des Kyffhäuserbundes, als deren Wortführer erhob,
waren erdrückend:[337] Der
neue Ortsgruppenleiter Klee hätte sich erst seit 1933 intensiv um
dieses Amt bemüht. Zuvor wäre er seit 1931 Mitglied sowohl in
der NSDAP als auch im Stahlhelm gewesen "sodass nichts schiefgehen
konnte" bezüglich eventuell kommender politischer Umwälzungen.
1934 schließlich hätte dieser sein Ziel erreicht, Ilm wurde
formell in den Stab des NSDAP-Kreisleiters Wienecke wegberufen (erst als
Kreiskommunalfachberater, dann als Kreisbildwart) und gleichzeitig Klee
als neuer Ortsgruppenleiter eingesetzt. Klee würde im Ort vor allem
durch Selbstherrlichkeit, promiskuitives Verhalten, Erpressungen und Drohungen
sowie Veruntreuung von Parteigeldern auffallen. Der Bürgermeister
Luthringshausen, bis 1933 Parteisekretär der DVP in Bernburg, wurde
1933 als "überparteilicher" Kandidat aller Parteien gewählt
und präsentierte kurz darauf nach seinem Austritt aus dem Stahlhelm
das NSDAP-Parteibuch. Nach der Schilderung Ilms war Luthringshausen geradezu
ein Muster korrupten Verhaltens: Er schlug widerrechtlich Pachteinigungskosten,
die ein wohlhabender Bürger hätte zahlen müssen, nieder,
handelte in jedem Fall nach eigenem Gutdünken, redete in öffentlichen
Sitzungen nur von seiner eigenen Gehaltserhöhung und wollte sich
schon drei Tage nach seinem Antritt ein Gehalt bewilligen lassen, das
dem Gehalt des Bürgermeisters der deutlich größeren Nachbarstadt
Leopoldshall entsprach, betrank sich in aller Öffentlichkeit, ging
während des Dienstes zur Jagd etc. Auch Ilm persönlich wäre
von ihm schikaniert worden. Als er sein Haus aufstocken wollte wurde der
Bau sofort abgelehnt, weil er nicht den baupolizeilichen Vorschriften
entspräche. Bezeichnenderweise wäre zu diesem Zeitpunkt noch
gar keine Bauzeichnung eingereicht worden, erst auf Beschwerde hin erfolgte
die Genehmigung. Auch der Straßenmeister E. hätte sich dem
Stil seines Vorgesetzten angeglichen und schädige die Gemeinde durch
unberechtigte private Inanspruchnahme von Arbeitsleistungen, benehme sich
herausfordernd gegenüber den (nunmehr ausschließlich nationalsozialistischen)
Stadtverordneten bis hin zur Androhung von Gewalt. Diese ganzen - im übrigen
wohl zutreffenden - Klagen lesen sich so, dass jemand, der die Diktatur
herbeiführen half, sich nun darüber beschwert, dass Diktatur
ist. Das eigentliche Problem - auch aus der subjektiven Sicht Ilms - lag
jedoch darin, dass die "alten Kämpfer" nicht in dem ihnen
gebührenden Maße an den Insignien der Macht teilhaben durften:
"Betr. der Abzeichen sollte ich Ihnen doch mal mitteilen, wer hier
noch Gardelitzen trägt. Hier trägt fast jeder Ortsgruppenstabswalter
Gardelitzen. So z. B. T[...] NSHG.S[...] NSKOV.P[...] als Schriftwart
der Bürgermeister usw. So muss es auch sein. Alte und für die
belange der Bewegung in schlimmster Zeit eingetretene Pg. tragen Winkel
und Jünglinge, sowie Leute, die nach der Revolution ihr nationalsozialistisches
Herz entdeckten, tragen Gardelitzen."[338]
Und in einem Schreiben an den "Führer" vom Juli 1936: "Sie
sehen mein Führer, so werden hier alte Kämpfer behandelt, während
auf der andern Seite sich die gross tuen, die erst gegen uns waren. Hier
bekleiden Leute Posten, die denselben nur zur Unterschlagung ausnutzen.
Amtswalter und Stadtverordnete bekommen es sogar heute noch fertig mit
Juden zu handeln,[339] ohne dass
der Bürgermeister bzw. Ortsgruppenleiter was dagegen unternahm. Beamte,
die offen mit der SPD. symphatierten, selbst Angestellte, die sich offen
zur KPD. bekannten, schwingen hier grosse Töne und alte Kämpfer
baut man ab. Ja man versucht sogar mit allen Mitteln mich mundtot zu machen
[...] Ich bin von Grund auf deutscher Mann, habe gegen den Youngplan gestimmt,
habe im Kampf für unsere Bewegung Gesundheit und Geschäft geopfert,
bin im Besitze des Ehrenkreuzes, des Ehrenzeichen des Reichskriegerbundes
und des Ehrenzeichens des Zentralverbandes Deutscher Haus und Grundbesitzervereine
und kann daher verlangen, dass ich als alter Parteigenosse anerkannt und
nicht von Leuten, die erst nach der Machtergreifung zu uns kamen, an die
Wand gedrückt werde."[340]
Die Parteiorganisation versuchte die Opponenten als gewohnheitsmäßige
Querulanten hinzustellen, deren Anschuldigungen voll und ganz erfunden
seien. Eine über die Zellen- und Blockstruktur der NSDAP Hecklingens
in den vierziger Jahren überlieferte Aufstellung belegt jedoch auch
in der Breite die Verdrängung der "alten Kämpfer",
die Zellen- und Blockleiterpositionen waren fast durchweg von Mitgliedern
jüngeren Parteialters besetzt. Nur zwei der dort gegen Kriegsende
mit Eintrittsdatum registrierten 27 Blockleiter waren vor 1933 in die
NSDAP eingetreten. In zehn weiteren Blöcken hätte jedoch die
Möglichkeit der Einsetzung von "parteiälteren" Mitgliedern
(vor 1933) bestanden. Auch von den sieben angegebenen Zellenleitern hatte
keiner ein Eintrittsdatum vor 1933 aufzuweisen.[341]
Der verbal bekundeten Wertschätzung der "alten Kämpfer"
stand ihre tatsächliche Verdrängung gegenüber.
Neben der Hauptkampflinie "alte Kämpfer" gegen Neumitglieder
gab es auch Verdrängungskämpfe der "alten Kämpfer"
untereinander, wie sie z. B. ansatzweise in Güsten zu erkennen sind.
Seit 1934 wurde dort der Inhaber einer Futtermittelhandlung und NSDAP-Mitglied
seit 1926, Friedrich Thiemann, innerhalb der lokalen Partei massiv angefeindet.
Die Angriffe gingen in erster Linie vom Gutsbeamten Willi Siebenbürger,
NSDAP-Mitglied seit 1928, aus. Thiemann wäre einer derjenigen, die
als Parteimitglieder erst 1933 öffentlich in Erscheinung traten.
Tatsächlich war Thiemann schon längere Jahre Stadtverordneter
und hat nachweislich schon zu einer Zeit (1929/30) auswärtigen (NSDAP-)Sachverstand
vor Entscheidungen in Etat-Fragen eingeholt, als Siebenbürger noch
gar nicht in Güsten ansässig war. Auch mittels einer Anzeige
bei den Steuerbehörden als "Volksbetrüger" versuchte
Siebenbürger Thiemann nachhaltig zu schädigen. Der Aktion war
allerdings kein Erfolg beschieden, das Landesfinanzamt sah keinen Handlungsbedarf.[342]
Auch hier ging es allem Anschein nach nicht um materielle Vorteile, sondern
darum, sich als der 'bessere' Nationalsozialist darzustellen und die eigene
Stellung in der Organisation auszubauen bzw. zu bewahren.
Ein besonderes, oftmals ebenfalls mit der Ausschaltung "alter Kämpfer"
verbundenes Kapitel innerparteilicher Machtkämpfe stellte die Errichtung
eines Systems persönlicher Macht durch den NSDAP-Kreisleiter Otto
Wienecke auf der Basis ihm ergebener Gefolgsleute im Kreis Bernburg seit
1932 dar.[343] Eine Vielzahl
von Konflikten innerhalb und außerhalb der Partei scheinen von Wienecke
ausgenutzt und teilweise wohl auch selbst inszeniert worden zu sein, um
seine Macht zu befestigen. Freilich ist letzteres in der Regel überhaupt
nur über Indizien wahrzunehmen und hat auch, wie folgende drei Vorgänge
aus den Jahren 1939 und 1941, nur selten Eingang in die schriftliche Überlieferung
gefunden. In einer Vernehmung nach Kriegsende sagte der Bernburger Oberbürgermeister
aus, dass er seit etwa 1939 "mit dem Kreisleiter Wienicke in starker
Gegnerschaft lebte", sie hätten "jede Verhandlung miteinander
abgebrochen, und der Kreisleiter bemühte sich, mich absetzen zu lassen,
weil ich mir das Hineinreden der Partei in die Stadtverwaltung nicht gefallen
liess und deshalb in starker Opposition zum Kreisleiter und zur Partei
stand."[344] Gleichfalls
1939 wurde der Ortsgruppenleiter Bernburg-Wasserturm, Kurt Kleinau, wegen
Betrugs an der Deutschen Reichsbahn in Höhe von 40 Pfennigen seines
Amtes enthoben.[345] Kleinau
war noch von Wieneckes Vorgänger in seine Funktion eingesetzt worden
und zählte wohl eher zu dessen Gefolge. 1941 wurde der bisherige
Vorsitzende des NSDAP-Kreisgerichts Bernburg I, Rechtsanwalt Paul Körber,
durch Verfügung des Gauleiters aus der NSDAP ausgeschlossen - eine
Maßnahme, die ohne entschiedenes Votum des Kreisleiters nicht denkbar
war. Körber war schon 1933 als Vorsitzender des damaligen Untersuchungs-
und Schlichtungsausschusses beständig mit den lokalen politischen
Leitern im allgemeinen und mit Wienecke im speziellen kollidiert. Eine
ähnliche Auseinandersetzung ist als Ursache seines Parteiausschlusses
1941 zu vermuten, eventuell wurden auch alte Rechnungen beglichen.[346]
Man tat also besser daran, nicht mit dem 'System Wienecke' in Berührung
zu kommen.
| 6.
1937-40: Nachholender Gehorsam |
| |
"Die heutige Autorität der Partei stützt sich
- auf gut Deutsch gesagt - auf Schnauze und alte Parteimänner,
die sich durchzusetzen wissen, und andererseits auf Beamte, die
des Glaubens sind, bei der politischen Beurteilung Nachteile zu
haben, wenn sie sich querstellen." Carl Röver, NS-Reichsstatthalter
von Oldenburg und Bremen, 1942.[347]
"Der Beitritt zur Partei wurde mir als Beamten teils 'warm',
teils mit 'Druck' ans Herz gelegt und noch 44 wurde mir der Rat
gegeben, mich der Partei anzumelden, wenn ich nach Friedensschluß
nicht aus der Gosse Wasser saufen wolle." Eichinspektor Erich
F., Bernburg, 1946.[348]
|
Die
seit dem 1. Mai 1933 in der NSDAP geltende "Mitgliedersperre"
für die Neuaufnahme von Mitgliedern kannte nur wenige Ausnahmen,
in der Regel für die Aufnahme von Mitgliedern aus NS-Anhangsorganisationen
heraus. Demzufolge blieb das Aufnahmevolumen in den Folgejahren gering.
Im Jahre 1937 schließlich wurde seitens der NSDAP-Reichsleitung
eine sogenannte "Lockerung" der Mitgliedersperre verkündet.
In der Praxis bedeutete diese "Lockerung" die erneute vollständige
Öffnung der Partei für Neueintritte. Lediglich "Staatsfeinden"
und "Juden" blieb der Zugang zur Partei versperrt.[349]
Vor dem Hintergrund dieser erneuten Freigabe bescherten die Jahre 1937
und 1938 der NSDAP die größte Eintrittswelle ihrer Geschichte,
sowohl auf Reichsebene wie auch im Untersuchungsgebiet. Die Zahl der Ortsgruppen
in Bernburg verdoppelte sich nochmals. Gab es noch Anfang 1933 lediglich
zwei Ortsgruppen, "Ost" und "West", so waren daraus
im Ergebnis der 1933er Eintrittswelle erst fünf geworden,[350]
die dann in Verarbeitung der Eintrittswelle der Jahre 1937/38 ab 1939
auf 13 anwuchsen. In den kleinstädtischen und ländlichen Orten
des Untersuchungsgebietes vermehrte sich die Zahl der Ortsgruppen in gleichem
Maße.[351]

Stempel
der NSDAP-Ortsgruppe Ilberstedt 1933 [352] |
Nach
dieser enormen Eintrittswelle ging der Zulauf deutlich zurück.
Es scheint eine gewisse Sättigung eingetreten zu sein, schließlich
war Ende 1939 im Untersuchungsgebiet schon fast jeder fünfte
Mann (aber nur jede 67. Frau) im organisationsfähigen Alter
"Pg.".[353] Insgesamt
verfügte die NSDAP im Untersuchungsgebiet Ende 1939 über
schätzungsweise 6.200 Mitglieder,[354]
was einer reichlichen Verdopplung gegenüber Ende 1933 gleichkam. |
Die Größenordnung dieses späteren Zulaufs hatte sich schon
Jahre zuvor in der Höhe des nationalsozialistischen Zeitungsbezugs
angedeutet. Schon im März 1935 betrug die Auflage der offiziellen
NS-Lokalzeitung "Der Mitteldeutsche. Anhalter Nachrichten" (Zweigbetrieb
Bernburg der Magdeburger Trommler-Verlags-GmbH) 7.222 Stück.[355]
Darüber hinaus erschien in Bernburg jedoch nach wie vor auch der
ehemals volksparteiliche "Anhalter Kurier". Es bestand demzufolge
keine Notwendigkeit, die erst 1932 ins Leben gerufene NS-Zeitung zu halten
- es sei denn, man beabsichtigte auch auf diesem Wege, nationalsozialistische
Gesinnung deutlich sichtbar zu bekunden.
| 6.1
Eintrittsmotivationen |
Auch
die seit 1937 erfolgenden Eintritte waren in ihrer übergroßen
Mehrheit von Opportunismus getragen. Es wäre allerdings verfehlt,
die Neumitglieder der Jahre 1937/38 nur als jene sehen zu wollen, die
es 1933 vor der "Schließung" der Partei 'nicht mehr rechtzeitig
geschafft' hatten. Dagegen spricht, dass für diesen Schritt bis zum
1. Mai 1933 genügend Zeit zur Verfügung gestanden hatte, die
"Schließung" der Partei für Neuaufnahmen zuvor bekannt
geworden war und es wohl auch nach dem 1. Mai 1933 noch einige auf dieses
Datum rückdatierte Eintritte gegeben hatte. Die 1937er NSDAP-Mitglieder
waren 1933 in der Regel Mitgliedschaften in anderen NS-Organisationen,
in SA, SS, NSKK etc., auch im zu dieser Zeit noch formell selbständigen
Stahlhelm, eingegangen. Diese sollten aus ihrer damaligen Sicht die "positive
Stellung zum nationalsozialistischen Staat" hinreichend dokumentieren.
Mit der Zunahme des Konformitätsdrucks ab 1937 erwies sich dies aber
sowohl aus Sicht der den Eintrittsdruck Ausübenden als auch aus ihrem
eigenen Blickwinkel als nicht mehr genügend. Die opportunistischen
Verhaltensweisen der Jahre 1932/33 und 1937/38 sind demzufolge deutlich
anders gelagert: im ersten Fall vorauseilender Gehorsam von Personen,
die in ihrer übergroßen Mehrheit aus eigenem Antrieb zur Partei
stießen, im zweiten Fall eher nachfolgender Gehorsam von Personen,
die seit 1937 mehrheitlich Opfer des auf sie von verschiedenen Stellen
ausgeübten Drucks zum Beitritt wurden.
In den Entnazifizierungsverfahren nach 1945 sollten die 1937/38 Eingetretenen
zu einem sehr großen Teil angeben, sie seien zur Mitgliedschaft
"gezwungen" worden. Auch in die Bewertung durch die Entnazifizierungskommissionen
fand diese Darstellungsweise vereinzelt Eingang. So war z. B. die 1945
aufgestellte Liste der NSDAP-Mitglieder in der Gemeinde Schackstedt in
zwei Kategorien untergliedert, a) aktive und b) passive, "gezwungene"
Mitglieder.[356] Den mit den
örtlichen Verhältnissen vertrauten Zeitgenossen des für
die Aufstellung der Liste zuständigen Antifa-Ausschusses erschienen
unmittelbar nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reiches" die
Erklärungen über "erzwungene" Beitritte offensichtlich
plausibel.
Tatsächlich war die Gemengelage jedoch komplizierter und keinesfalls
für die Betroffenen ohne Spielraum, auch wenn dies später oftmals
verleugnet werden sollte. Generell gab es unter den "Gezwungenen"
zwei Kategorien, a) jene, die behaupteten, 1937 oder später durch
eine Mitgliedschaft in einer NS-Anhangsorganisation (SA, NSKK etc.) oder
auch auf Befehl einer höheren Parteistelle "automatisch"
bzw. "im Zuge der allgemeinen Überführung" in die
NSDAP gelangt zu sein, und b) jene, die zugaben, dem ihnen gegenüber
ausgeübten Druck nachgegeben zu haben.
Beispielhaft für die Darstellungen der "automatisch"
Übernommenen steht die des gläubigen Katholiken
August D., Inhaber eines Schuhwarengeschäftes in Sandersleben
mit angeschlossener Maß- und Reparaturwerkstatt. Er
gab an, 1933 in die SA eingetreten zu sein, weil Druck auf
alle Geschäftsleute ausgeübt worden wäre, einer
Organisation anzugehören. Seine Wahl wäre deswegen
auf die SA gefallen, weil er sie "politisch und weltanschaulich
für am farblosesten" hielt. Mit der - in seiner
Darstellung - automatischen Übernahme der SA gelangte
er 1937 in die NSDAP, wurde aber nur Anwärter, weil ihm
nachgewiesen worden sei, dass er noch im Oktober 1937 Geschäfte
mit jüdischen Firmen getätigt hätte.[357]
Die statuarischen Festlegungen sahen eine "automatische Übernahme"
nicht vor. Für den Eintritt in die NSDAP war ein eigenhändig
unterschriebener Aufnahmeantrag zwingend notwendig, die Einreichung einer
Aufnahme durch eine andere Stelle ausgeschlossen. Doch die Behauptungen
einer "automatischen" Aufnahme nach 1937 sind in einer solchen
Häufigkeit vorzufinden, dass nicht gänzlich ausgeschlossen werden
kann, dass untere Parteiinstanzen hier gewisse 'Abkürzungen' des
formellen Verfahrens suchten. Die Überlieferung im Bundesarchiv lässt
eine Klärung dieser Frage nicht zu, nur ein Bruchteil der Aufnahmeanträge
ist dort noch vorhanden. Darüber hinaus wäre selbst bei deren
vollständiger Überlieferung von jedem Mitglied dieser Kategorie
eine Unterschrift zum Vergleich zu beschaffen. Generell ist aufgrund der
Kenntnis der technischen Abläufe davon auszugehen, dass zu jedem
Eintritt auch ein Aufnahmeantrag vorgelegen hat. Fraglich wäre dann
nur, ob er auch tatsächlich vom Eintretenden unterschrieben worden
war. Bemerkenswerterweise konnte innerhalb dieser Untersuchung jedoch
kein einziger Fall ermittelt werden, in dem ein "automatisch"
Überführter im nachhinein die Beitragszahlung verweigert und
somit seinen Ausschluss aus der NSDAP nach relativ kurzer Frist herbeigeführt
hätte.
Eine seriöse Nachprüfung der angeblichen "allgemeinen Überführung"
ist lediglich für die Sanderslebener Stahlhelmangehörigen möglich,
die nach ihrer Übernahme in die SA nachfolgend auch spätestens
1937 "automatisch" in ihrer Gesamtheit hätten in die Partei
überführt werden müssen - so man der Logik solcher Behauptungen
folgt. Von den 159 auf Mitgliederlisten des Stahlhelms bzw. Nationalsozialistischen
Deutschen Frontkämpferbundes 1933/34 in Sandersleben nachgewiesenen
Personen traten insgesamt lediglich 56 (= 35 %) der NSDAP bei, zehn davon
1936 und 32 1937.[358] Gestützt
auf dieses Ergebnis wäre die "automatische Übernahme"
von Mitgliedern der NS-Anhangsorganisationen zur NSDAP in das Reich der
nutzbringenden Legende zu verweisen. Es ist vielmehr davon auszugehen,
dass - wenn es denn überhaupt eine planvolle "Überführung"
gab - von den Parteistellen bestenfalls eine vorab-Selektion der Aufzunehmenden
vorgenommen und von diesen zumindest nachträglich nach der listenmäßigen
Meldung ein Aufnahmeantrag unterschrieben wurde.[359]
An der Ehrlichkeit der Mitglieder der Kategorie b), jener also, die später
eingestanden, dem ihnen gegenüber ausgeübten Druck nachgegeben
zu haben, dürften hingegen kaum Zweifel bestehen. Der Beitritts-Druck
auf sie wurde aus zwei Richtungen, von lokalen NS-Funktionären einerseits
und Arbeitgebern andererseits, ausgeübt. Die Intensität der
Beeinflussung reichte dabei von einfacher Agitation bis hin zu brutaler
Drohung. Beispiele für von NS-Funktionären unter Drohungen herbeigeführte
Beitritte liefern wiederum die in Sandersleben nach 1945 durchgeführten
Entnazifizierungsverfahren.[360]
Der Chauffeur Waldemar B. gab an, von seinem Arbeitgeber, dem Fuhrunternehmer
und NSDAP-Ortsgruppenleiter Willi Jung, zum Eintritt in die SS (1935)
und die NSDAP (1937) genötigt worden zu sein. Auch der Eisenbahner
Paul Ackermann gab zu Protokoll: "Unter ständigen Zwangshinweisen
der Ortsgruppenleitung wurde ich im Oktober 1937 der Partei als Anwärter
zugewiesen." Der Nachfolger Jungs im Amte des Ortsgruppenleiters,
Hans Quidde, verfuhr in gleicher Weise, wie aus einer 1946 durch den Antifa-Ausschuß
Sandersleben abgegebenen Beurteilung hervorgeht: "Im Betrieb der
Reichsbahn, als Reichsbahnmeister ließ Qu. soziale Gedanken blitzen
bei denen, die ihm politisch willfäh[r]ig waren. Dem Eisenbahner
F. drohte er 1939 'ich werde Sie ausmerzen' bei einer Vernehmung; dem
Eisenb. O. u. R. ließ er ohne Anmeldung 6 Monate Beitrag für
die NSDAP nachkassieren; dem Eisenb. B. versuchte er, allerdings vergeblich,
mit allen Mitteln in die NSDAP zu zwingen u. im besonderen für die
Rassenlehre der NSDAP mit den damaligen Lehrer Winkler zu gewinnen."
Zu dem dienstverpflichteten Kartenstellenleiter bei der Stadtverwaltung
Sandersleben, S., kam Quidde im Februar 1942 und sagte (nach Aussage S.'s):
"'Herr S[...], Sie sind Parteigenosse!' Ich antwortete: 'Sie irren
sich Herr Quidde!' Er antwortete: 'Nein, ich irre mich nicht, der Kreisleiter
hat es so bestimmt!' Ich wurde als Walter im Volksbildungswerk eingesetzt."[361]
Durchaus typisch ist auch der Fall des Schmiedes Heinrich Bötel aus
der Bahnmeisterei Güsten, der 1942 zum DAF-Betriebsobmann ernannt
und aufgefordert wurde, der NSDAP beizutreten, was er dann auch tat.[362]
Die Aggressivität einiger, bei weitem nicht aller, Ortsgruppenleiter
bei der Gewinnung neuer Mitglieder[363]
resultierte aus dem Druck unter den sie selbst in dieser Frage gestellt
waren. Die "Lockerung" der "Mitgliedersperre" 1937
war eindeutig unter der Intention erfolgt, die NSDAP eine Massenpartei
in einem Volumen von einem Zehntel der Bevölkerung werden zu lassen
und gleichzeitig die mit der Eintrittswelle 1932/33 erworbene sozialstrukturelle
Ungleichgewichtigkeit mittels gezielter Neueintritte vor allem aus der
Arbeiterschaft und der Jugend wieder auszugleichen. Mit letzterem allerdings
waren die unteren Parteiinstanzen offensichtlich überfordert, für
sie zählten lediglich die vorgegebenen magischen zehn Prozent Mitgliederanteil
an der Bevölkerung. So wies z. B. der NSDAP-Kreisleiter des benachbarten
preußisch-anhaltischen Parteikreises Quedlinburg-Ballenstedt per
Rundschreiben vom Januar 1940 "nochmals darauf hin, daß sich
jeder Ortsgruppenleiter für die z. Zt. bestehende Auflockerung der
Mitgliedersperre der NSDAP. dahingehend einsetzt, dass eine rege Werbung
für Neuaufnahmen betrieben wird. Eine öffentliche Werbung mit
schriftlichen Anzeigen usw. ist nicht gestattet. Es ist daher unbedingt
auf die Propaganda von Mund zu Mund zurückzugreifen. Von mir aus
habe ich nichts dagegen einzuwenden, dass die Lockerung der Mitgliedssperre
auf den Haustafeln in den Ortsgruppen bekanntgegeben wird. In meinem Kreisgebiet
muss alles daran gesetzt werden, dass das Kontingent (10% der Einwohnerschaft)
erreicht wird. Zu meinem Befremden habe ich noch feststellen müssen,
dass es im Kreise noch einige Ortsgruppen gibt, die bis heute noch gar
keine Neuaufnahmen hereingegeben haben. Ich muss gerade diese Ortsgruppenleiter
bitten, sich für einen versprechenden [entsprechenden - T. K.] Erfolg
einzusetzen."[364]
Die Drohung mit dem Verlust des Arbeitsplatzes bzw. die Androhung beruflicher
Zurücksetzungen erwies sich vor dem Hintergrund der Erinnerung an
die gerade überstandene Wirtschaftskrise als das bei weitem effektivste
Druckmittel zur Erzielung von Beitritten.[365]
Von nationalsozialistischer Überzeugung war an keiner Stelle mehr
die Rede, es ging einzig darum, die Mitgliedschaft der Zahl nach zu verstärken
und die betreffenden Personen zu einem formalen Bekenntnis zu veranlassen.[366]
Beispielhaft wäre hier der Fall des 1909 geborenen Zimmermanns Fritz
B. herauszugreifen. Seit 1927 war er in seinem Beruf zuerst bei der Fa.
Wohlhaupt, dann 1933-40 bei den Deutschen Solvay-Werken tätig. Gleichfalls
seit 1927 bis zur Übernahme in die DAF war er Mitglied des sozialdemokratischen
Zentralverbandes der Zimmerer und seit der Jugendzeit Mitglied in Arbeitersportvereinen.
Ein seit 1930 bestehendes und sich immer weiter verstärkendes Krampfaderleiden
(offener Fuß) machte ihn letztendlich vollkommen arbeitsunfähig.
Eine andere - leichtere - Tätigkeit im Betrieb wurde ihm jedoch verwehrt.
Der daraufhin von ihm angestrebte Besuch der Bauschule in Zerbst wurde
erst möglich, als er die Vorleistung des NSDAP-Beitritts (1.2.1940)
erbrachte. Außer durch Beitragszahlung war er für die Partei
aber offensichtlich von keinem weiteren Nutzen.[367]
Am effektivsten ließ sich die Drohung mit dem Arbeitsplatzverlust
im öffentlichen Dienst aufbauen, hier war der in der Privatwirtschaft
nur schwer zu erzielende direkte Zugriff möglich. Im Normalfall wurde
argumentiert, dass der Betreffende als Beamter schon längst Mitglied
sein müsste und seine "positive Stellung zum nationalsozialistischen
Staat" auch nach außen hin zu dokumentieren hätte. Im
Einzelfall konnte es sogar vorkommen, dass seitens der beschäftigenden
Verwaltung die Mitgliedschaft gefordert, von der zuständigen Ortsgruppe
die Bestätigung aber verweigert wurde.[368]
Auch ehemalige Sozialdemokraten blieben von dieser dauernden Bearbeitung
nicht verschont. Es hat sogar den Anschein, dass sie besonders seit etwa
1940 unter ständigem Hinweis auf den Makel ihrer früheren SPD-Mitgliedschaft
bevorzugt ins Visier genommen wurden. Der frühere stellvertretende
Coswiger Strafanstaltsdirektor Ernst Graßhoff, für die SPD
in dieser Zeit Stadtverordneter in Coswig und 1933 von Coswig in die Verwaltung
nach Köthen strafversetzt und herabgestuft, berichtete nach Kriegsende,
er wäre die ganzen Jahre hindurch innerlich Sozialdemokrat geblieben
(und rettete im übrigen auch die Akten der SPD Coswig über die
Zeit des Dritten Reiches): "Wenn ich trotzdem zum 1. Januar 1943
Mitglied der NSDAP werden musste, so darum, weil nunmehr der behördliche
Druck nicht mehr zu ertragen war. Man warf mir unanständige Gesinnung
vor, daß ich Jahre hindurch mein Gehalt aus einer Staatskasse empfinge,
ohne zu diesem Staate ja zu sagen, daß ich an exponierter Stelle
stände und in schwerer Kriegszeit das Schicksal eines Staates mit
zu beeinflussen hätte, ohne innerlich mich zu diesem Staat zu bekennen.
Ich könnte nicht verlangen, daß der Staat mir Aufrichtigkeit
und Ehrlichkeit ohne ein Bekenntnis zur Staatsform glauben sollte. Ich
müsste, wenn ich nicht auch äußerlich dies zum Ausdruck
brächte, hieraus Konsequenzen ziehen. Das war der Grund, weshalb
ich der Partei in letzter Stunde noch beigetreten bin."[369]
Insbesondere fallen in der Anwendung des direkten Zugriffs die Reichspost
und vor allem die Deutsche Reichsbahn auf. Wobei man sich im öffentlichen
Dienst allgemein oftmals nicht mit einer einfachen Zahl-Mitgliedschaft
zufrieden gab. So erhielt z. B. der Reichsbahnassistent Alfred Henning
in der Landeshauptstadt Dessau, NSDAP-Mitglied seit 1933, von der für
ihn zuständigen Reichsbahndirektion Halle im Jahre 1940 nachfolgende
Aufforderung: "Unsere Ermittelungen geben uns Veranlassung, Sie auf
Ihre Verpflichtung hinzuweisen, sich nach Kräften aktiv in den Dienst
der NSDAP, ihrer Gliederungen und Verbände einzusetzen, um dadurch
Ihre unbedingte politische Zuverlässigkeit unter Beweis zu stellen."[370]
Der Dessauer Stadtkämmerer Fritz Wegener schilderte in seinen Lebenserinnerungen,
dass er "um ein gewisses Maß der Anpassung [...] umso weniger
herum[kam], als ich im Dienst immer wieder Reibungen mit Parteidienststellen
hatte. [...] Schon 1939 hatten mich [Oberbürgermeister] Sander und
der stellvertretende Gauleiter Trautmann, die mir beide freundlich gesonnen
waren, gewarnt: meine Berufung könnte nach § 45 der Deutschen
Gemeindeordnung bis zum Ablauf des ersten Amtsjahres zurückgenommen
werden, und auf dieses Recht hatte man, was auch möglich gewesen
wäre, bei mir nicht verzichtet. Es wurde unausweichlich für
mich, meine Zuverlässigkeit dadurch zu beweisen, daß ich mich
'politisch' betätigte, die Frage war nur: wo und wie. Als die Ortsgruppe
Siedlung, zu der unsere Wohnung gehörte, mich im September 1939 als
politischen Leiter haben wollte, lehnte ich bedauernd wegen bevorstehenden
Wehrdienstes ab. Bei später mir angebotenen oder nahe gelegten Ämtern
führte ich meine Arbeitsüberlastung an und wich aus. Ende 1940
aber fand sich das Geeignete: Ich wurde einer der Kreisrevisoren. Da hatte
ich Ortsgruppen- und Frauenschaftskassen auf die Richtigkeit ihres Geld-
und Markenbestandes hin zu prüfen. Das machte ich ab 1941 alle ein
bis zwei Monate, übrigens ohne je geldliche Unregelmäßigkeiten
bei den - teils männlichen, teils weiblichen - Kassenwarten festzustellen.
Diese Tätigkeit war mein Alibi. Sie hatte weder leitenden, noch propagandistischen,
noch schulischen, noch organisatorischen, noch sonst einen politischen
Inhalt, und darauf legte ich entscheidenden Wert. Man mußte anständig
bleiben und lavieren, um jetzt und später zu überleben."[371]
Der zu dieser Zeit schon im britischen Exil lebende Sebastian Haffner
schrieb 1939 über Leute vom Zuschnitt Wegeners, sie wären der
Versuchung erlegen, einen kleinen Pakt mit dem Teufel einzugehen und damit
"zu den Siegern und Verfolgern" zu gehören: "Das war
die einfachste und gröbste Versuchung. Viele erlagen ihr. Später
zeigte sich dann oft, daß sie den Kaufpreis unterschätzt hatten
und daß sie dem wirklichen Nazisein nicht gewachsen waren. Sie laufen
heute zu vielen Tausenden in Deutschland herum, die Nazis mit dem schlechten
Gewissen, Leute, die an ihrem Parteiabzeichen tragen wie Macbeth an seinem
Königspurpur, die, mitgefangen, mitgehangen, eine Gewissenslast nach
der andern schultern müssen, vergeblich noch nach Absprungsmöglichkeiten
spähen, trinken und Schlafmittel nehmen, nicht mehr nachzudenken
wagen, nicht mehr wissen, ob sie das Ende der Nazizeit - ihrer eigenen
Zeit! - mehr herbeisehnen oder mehr fürchten sollen, und die, wenn
der Tag kommt, ganz bestimmt es nicht werden gewesen sein wollen."[372]
Beispielhaft für den öffentlichen Dienst insgesamt können
die Verhältnisse in der mit Pflanzenzüchtungsversuchen befassten
Anhaltischen Versuchsstation in Bernburg gelten. Von den 21 im Jahre 1940
dort beschäftigten Angestellten und Beamten traten zwischen 1932
und 1943 12 in die NSDAP ein (= 57 %). Unter den 34 Feldarbeitern der
Versuchsstation lässt sich hingegen keine einzige Mitgliedschaft
nachweisen. Die relativ gut überlieferten Eintrittsmotivationen dieser
Mitglieder zeigen eine Spannungsbreite zwischen offensichtlichem Opportunismus
und unter Druck erpressten Beitritten. Lediglich einem dieser Mitglieder,
einem 1932 eingetretenen Laboranten und späteren NSDAP-Zellenleiter,
könnte ein höheres Maß an nationalsozialistischer Überzeugung
unterstellt werden.[373]
Die Herbeiführung von Parteieintritten durch unter-Druck-Setzung
potentieller Mitglieder vollzog sich in ganz Deutschland in analoger Weise
wie im Kreis Bernburg. Der Reichsschatzmeister der NSDAP sah sich - unter
Reflektierung der seit 1937 gängigen Aufnahmepraxis - noch in einer
besonderen Anordnung vom 19. April 1943 genötigt, darauf hinzuweisen,
dass nur solche "Volksgenossen" aufzunehmen seien, die auch
überzeugte Nationalsozialisten wären: "Bei der Aufnahme
von Volksgenossen in die NSDAP. muß oberster Leitsatz aller mit
der Aufnahme befaßten Dienststellen der Partei sein, daß der
Führer in der Partei eine verschworene Gemeinschaft politischen Kämpfertums
gestaltet wissen will. Es ist daher die Aufnahme eines neuen Parteigenossen
eine wichtige politische Entscheidung, die nach eingehender Prüfung
gewissenhaft und gerecht, aber niemals willkürlich zu treffen ist.
Insbesondere darf weder die wirtschaftliche Lage noch die berufliche Stellung
eines Volksgenossen für seine Aufnahme in die Partei bestimmend sein,
soll doch die Partei das Urbild der Volksgemeinschaft in sich verkörpern."[374]
Inwieweit den Drohungen mit dem Verlust des Arbeitsplatzes angesichts
des inzwischen eingetretenen Arbeitskräftemangels tatsächliche
Substanz innewohnte, ist nur schwer zu beurteilen. Innerhalb dieser Untersuchung
konnte nicht ein einziger Fall ermittelt werden, in dem eine Entlassung
nach Beitrittsverweigerung erfolgte. Freilich kann das auch daran liegen,
dass kaum einer sich dem Beitrittsansinnen zu verweigern wagte. Schon
die Drohung mit der Entlassung reichte, um Gefügigkeit hervorzurufen.[375]
Zudem kamen Entlassungen nach einem Parteiausschluss durchaus vor.[376]
Ein inzwischen verfestigtes Klima permanenter allseitiger Denunziation[377]
und totaler Kontrolle verlieh den Drohungen aller Art weitere Zugkraft.
Die Politisierung auch des privaten Lebens bot innerhalb von persönlichen
Auseinandersetzungen skrupellosen Angreifern vielfältige Möglichkeiten
zur Verbesserung der eigenen Stellung. Es wurden oft Gerüchte in
Umlauf gesetzt, die für die Verdächtigten sehr gefährlich
werden konnten, bis hin zur Einlieferung in ein Konzentrationslager oder
gar zum Todesurteil. So z. B., dass der persönliche Gegner bzw. die
Gegnerin Jude, Kommunist oder "Pollake" sei, mit polnischen
oder russischen (Zwangs-)Arbeitern sexuelle Beziehungen unterhalten würde,
Auslandssender höre etc.[378]
Trotz der sich auch gegen Parteimitglieder richtenden Pressionen versprachen
sich etliche Personen- auch jenseits der Arbeitsplatzbedrohung - von einer
NSDAP-Mitgliedschaft zusätzlichen Schutz vor Nachstellungen. Sie
suchten gewissermaßen in der NSDAP Schutz vor der NSDAP. Mit einem
NSDAP-Mitgliedsbuch konnte man glauben oder hoffen, in dieser Hinsicht
auf der sicheren Seite zu sein, zur "Volksgemeinschaft" und
nicht zu den Ausgestoßenen zu gehören. So trat z. B. der Untervertreter
Franz Steinbach aus Bernburg nach eigenen Angaben in die Partei ein, um
seine Frau "halbjüdischer Abstammung" vor Verfolgung zu
schützen.[379] Freilich
war eine solche Hoffnung auf Schutz vor der allgemeinen Überwachung
und Reglementierung schlichtweg illusorisch, NSDAP-Mitglieder unterlagen
ihr im gleichen unverkürzten Maße. Das verdeutlicht auch das
Beispiel des Gerichtsassessors Wilhelm R., der der NSDAP zum 1. Mai 1933
beigetreten war. R. strebte im Mai 1935 offensichtlich eine Anstellung
beim Finanzamt Bernburg an. NSDAP-Kreisleiter Wienecke antwortete auf
die Routineanfrage des Finanzamtes, dass der Bewerber nicht geeignet für
eine Übernahme in die Reichsfinanzverwaltung sei. Er hätte bis
zur Machtübernahme 1933 mit einem Bernburger Juden verkehrt und bei
der Machtübernahme die Hakenkreuzfahne verhöhnt und sei deswegen
seinerzeit auch in Schutzhaft genommen worden. Das Finanzamt nahm daraufhin
von einer Einstellung Abstand. Auch eine Übernahme in den Staatsdienst
wurde - trotz erfolgreich absolviertem staatsanwaltschaftlichen Vorbereitungsdienst
- auf gleichem Wege vereitelt. Im Jahre darauf wurde eine Untersuchung
des NSDAP-Kreisgerichtes gegen R., der inzwischen als Rechtsberater bei
der Deutschen Arbeitsfront in Bernburg tätig war, eingeleitet. Nun
tauchten weitere Vorwürfe auf; er hätte sich die NSDAP-Mitgliedschaft
1933 "erschlichen" - wer unter den "Maiveilchen" hatte
dies nicht getan? -, würde in seiner beruflichen Tätigkeit gegen
Prozessgegner ausfallend werden und wäre der Trunksucht erlegen.
Obwohl das Verfahren eingestellt werden musste sah R. wohl keine Zukunft
mehr in Bernburg und wechselte im gleichen Jahre in die Rechtsabteilung
der Junkers-Flugzeugwerke nach Dessau.[380]
Die tatsächliche Akzeptanz, auf die das NS-Regime nach 1933 bauen
konnte, ist nur äußerst schwer einzuschätzen. Näme
man
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